HWWI-Präsident Thomas Straubhaar warnt davor, dass die Vereinigten Staaten ihren Markt abschotten werden 'Das ist der Tiefpunkt der US-Wirtschaft'

Die Konjunktur der USA kommt nicht in Schwung. Thomas Straubhaar, Präsident des HWWI, erklärt, warum. Günther Hörbst sprach mit ihm.
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Die Konjunktur der USA kommt nicht in Schwung. Thomas Straubhaar, Präsident des HWWI, erklärt, warum. Günther Hörbst sprach mit ihm.

Herr Straubhaar, Sie waren gerade ein halbes Jahr für einen Studienaufenthalt in Washington. Welche Eindrücke haben Sie von den Vereinigten Staaten gewonnen?

Thomas Straubhaar: Es war eine tolle Erfahrung, gerade in dieser ökonomisch schwierigen Zeit in den USA. Mich hat vor allem überrascht, wie unbeliebt Barack Obama bei den Amerikanern ist.

In Europa nimmt man den US-Präsidenten anders wahr. Wie erklären Sie sich den Wandel vom Heilsbringern zum Paria?

Das hat mit frustrierten Erwartungen und enttäuschten Hoffnungen zu tun. Die Menschen hatten erwartet, dass mit Obama alles besser wird. Dann aber kam ihm die Finanzkrise dazwischen. Das ist historisches Pech. Er hat vieles richtig entschieden. Er hat es aber nicht geschafft, die amerikanische Wirtschaft auch strukturell zu erneuern. Jetzt steht er vor dem Problem, dass es vielen Amerikanern schlechter geht, als zu Zeiten Bushs.

Das alles hat viel mit der US-Konjunktur zu tun, die einfach nicht in Schwung kommen will. Sind die USA inzwischen der kranke Mann der Weltwirtschaft?

Eindeutig ja. Das Wachstum wird weiter bescheiden bleiben. Selbst wenn es bestenfalls zwei Prozent werden - es ist zu wenig, um viele neue Jobs zu schaffen. Das erste Mal seit 1945 gibt es eine hohe Sockelarbeitslosigkeit - also viele Langzeitarbeitslose, die auch im nächsten Aufschwung keine Jobs mehr bekommen. Diese Zahl ist von einer Million auf über sechs Millionen gestiegen. Das schürt Ängste im Land.

Wozu könnten diese Ängste führen?

Ein Szenario eines Handelskrieges ist nicht mehr auszuschließen.

Was bedeutet das?

Dass man Importe nach Amerika mit künstlichen Hemmnissen verhindert und Exporte befördert. In dem Zusammenhang muss man auch die weitere Abschwächung des Dollars sehen. Einen Handelskrieg kann man auch über eine herbeigeführte unterbewerte Währung anzetteln. Das betrifft vor allem das Verhältnis zu China.

Aber ist eine solche Verhaltensweise nicht der Offenbarungseid für die USA? Aus purrer Verzweiflung greift es zum Mittel des Protektionismus?

Das ist in der Tat ein Tiefpunkt der US-Wirtschaft. Das hat auch Rückwirkungen auf die Weltwirtschaft. Die historisch so wichtige wie starke Lokomotiv-Funktion der amerikanischen Verbraucher für die Weltwirtschaft ist gewiss für die nächsten Jahre stark geschwächt. Sie sind verunsichert wegen der Arbeitslosigkeit, die rund zehn Prozent beträgt. Und viele Amerikaner müssen Schulden abbezahlen wegen der Folgen der Finanzkrise.

Was bedeutet das für Deutschland?

Direkte Effekte werden nicht allzu stark ausfallen. Es sind eher indirekte Effekte, über andere Märkte. Etwa China. Ein geringerer Konsum der USA wirkt sich über geringere Nachfrage für Maschinen in China auch auf Deutschland aus. Es können dann weniger deutsche Maschinen nach China verkauft werden.

Wie akut ist denn diese Neigung in den USA, den Markt abzuschotten?

Die Wahrscheinlichkeit ist sehr hoch. Das Thema ist aktuell und wird in hohen politischen Kreisen diskutiert. Konkret droht Amerika China mit Strafzöllen für den Fall, dass die Führung in Peking nicht bereit ist, die chinesische Währung aufzuwerten.

Betreffen die Importbeschränkungen die gesamte Weltwirtschaft? Wird auch Deutschland darunter leiden?

Das wir zunächst primär auf Ostasien abzielen. Aber ich glaube, dass die USA das nicht einfach als bilaterale Maßnahme werden bezeichnen können, weil das gegenüber China ein politischer Affront wäre. Sie werden dann allgemeine Strafzölle oder andere Importrestriktionen hochziehen. Davon werden dann auch Deutschland und die EU betroffen sein.

Welche Branchen wird es treffen?

Zunächst Rohstoffe, wie Kupfer und Stahl, später aber auch Konsumgüter, Elektrogeräte, Automobile - allgemein Produkte, die an einen Endverbraucher gerichtet sind.

Erklärt Amerika gerade dem Rest der Welt den Handelskrieg?

Das ist sehr hart formuliert. Ich würde sagen, es bedeutet eine Abkehr der USA vom Gedanken des Freihandels. Und eine Rückkehr zu einer sehr national orientierten Wirtschaftspolitik. Die Weltwirtschaft muss sich darauf einstellen, dass mehr als weniger Sand ins Getriebe kommen wird. Eine Verschlechterung der Handelsbeziehungen der USA mit dem Rest der Welt ist aber auf jeden Fall zu erwarten.

Und wie werden die Partner reagieren?

China wird in eine Zwickmühle geraten. Sie haben unglaublich hohe Dollarbestände, haben in den USA auch sehr viel investiert in den letzten Jahren. Es besteht die Hoffnung, dass es kein Interesse daran hat, die USA zum Äußersten zu treiben.

Aber was bringt diese Abschottung? Die großen Probleme der USA - hohe Staatsverschuldung, Bildungs- und Gesundheitsmisere sowie eine miserable Infrastruktur - lassen sich doch so nicht lösen?

Das ist völlig richtig. Die strukturelle Zukunft, also der ganz grundsätzliche Weg, den das Land und die Wirtschaft gehen wird, steht auf Messers Schneide. Amerika ist mit Problemen konfrontiert, die in den vergangenen Jahren durch Konjunkturmaßnahmen übertüncht wurden. Die grundlegenden Probleme sind jedoch weiter ungelöst. Vor allem stört die Menschen, dass der amerikanische Traum für viele zum Albtraum geworden ist.

Was heißt das?

Das alte US-Erfolgsmodell, dass sich jeder Bürger vom Tellerwäscher zum Millionär hocharbeiten kann, funktioniert nicht mehr. Der Fahrstuhl nach oben fährt nicht mehr durch. Auch der Mittelstand beginnt unter der Finanzmarktkrise zu leiden. Das schlägt nun auch auf den traditionellen amerikanischen Optimismus durch. Viele haben jetzt schlicht die Sorge, dass die guten, erfolgreichen Zeiten vorbei sind. Diese Gemengelage hat mit der Finanzmarktkrise wenig zu tun. Sie hat es nur brutal und schnell zum Vorschein gebracht. Es lief schon mindestens die vergangenen zehn Jahre in die falsche Richtung.

Wie können die USA aus dieser Krise wieder herauskommen?

Auf jeden Fall nicht mit dem Versuch Obamas, das europäische Modell des Sozialstaats zu kopieren. Es müssen wieder die traditionellen amerikanischen Werte wie Eigenverantwortung, Selbstbestimmung und unternehmerische Initiative geweckt werden. Und schließlich müssen die USA auf Wachstumsmärkte setzten. Das alles wird jedoch Zeit benötigen. Wir können davon ausgehen, dass die USA in den nächsten vier bis sechs Jahren als Lokomotive für die Weltwirtschaft ausfallen wird.

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