Jugendliche nach der Schule

„Das Normale ist vielen nicht mehr gut genug“

Ulrike Bartholomäus hat ein Buch über die Orientierungslosigkeit der Generation Turbo-Abi geschrieben. Ein Gespräch über die Leere nach dem Schulabschluss, digitalen Lifestyle und überambitionierte Eltern.
15.04.2019, 06:00
Lesedauer: 7 Min
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„Das Normale ist vielen nicht mehr gut genug“
Von Marc Hagedorn
„Das Normale ist vielen nicht mehr gut genug“
Bernd Wüstneck

Frau Bartholomäus, Sie haben sich mehr als zwei Jahre lang mit Jugendlichen beschäftigt, die mit 17 oder 18 ihr Abi gemacht haben und jetzt vor dem Start ins sogenannte „wahre Leben“ stehen. Auf wen sind Sie getroffen?

Ulrike Bartholomäus: Auf Nesthocker und auf Bumerang-Kids, die nach dem Turbo-Abi in die totale Leere fallen und keine Sekunde daran denken, wie sie jetzt ihre Zukunft gestalten wollen.

Zu den Nesthockern gibt es Zahlen. 62 Prozent aller 18- bis 24-Jährigen wohnen noch bei Mama. Warum?

Ja, dabei gibt es einen Unterschied zwischen Stadt und Land: Auf dem Land sind es 78 Prozent, in größeren Städten 45 Prozent. Zu Hause ist es so schön bequem und praktisch. Ein Grund für die große Orientierungslosigkeit nach der Schule ist, dass die Kinder nicht gelernt haben, eigene Entscheidungen anzubahnen und zu treffen. Alles haben Mama und Papa mitentschieden, die immer und überall dabei waren. Die haben für Arbeiten mitgelernt, die haben an Referaten mitgearbeitet, sie haben bulldozergleich alle Probleme aus dem Weg geräumt.

Ulrike Bartholomäus ist Wissenschaftsjournalistin in Berlin. Ihr aktuelles Buch heißt "Wozu nach den Sternen greifen, wenn man auch chillen kann".

Ulrike Bartholomäus ist Wissenschaftsjournalistin in Berlin. Ihr aktuelles Buch heißt "Wozu nach den Sternen greifen, wenn man auch chillen kann".

Foto: Bernd Wüstneck
Zum Beispiel?

Das Kind, 15 Jahre alt, hat vergessen, das Referat für den nächsten Tag vorzubereiten. Jetzt gibt es zwei Möglichkeiten. Reaktion A: Die Eltern sagen „Pech gehabt, sieh‘ zu, wie du da wieder rauskommst.“ Reaktion B: Die Eltern sagen „Hol‘ mal eben deine Unterlagen, wir machen das schnell zusammen.“ Meine Recherchen haben ergeben, dass viele Eltern total davor zurückscheuen, Reaktion A zu zeigen. Sie sagen: Nein, Scheitern in der Schule, das akzeptieren wir nicht. Diese Kinder sollen dann aber mit 18 in einer fremden Stadt zurechtkommen, ein Zimmer mieten, ihre Finanzen im Griff haben, neue Freunde finden, Einsamkeit und Langeweile aushalten – das können die aber gar nicht. Und wenn sie es doch machen, dann gibt es zum Teil den Bumerang-Effekt: Das Kind geht nach Passau und kommt nach drei Monaten wieder, weil das alles so schrecklich und so anders ist.

Der Titel des Buches liest sich für die Jugendlichen nicht gerade schmeichelhaft.

Im Titel steckt natürlich viel Ironie. Diese chillenden Kinder sind ein Mittelschichtsphänomen. Sie sind ausgestattet mit Komfort und Geld. Und mit dem Segen der Eltern: Die sollen sich ruhig erst einmal ausruhen, heißt es bei vielen. Dabei habe ich manchmal das Gefühl, dass die Eltern selber so erschöpft sind von dieser Abi-Zeit, dass sie keine Lust haben, sich damit auseinanderzusetzen, was die Kinder jetzt machen sollen. Der Punkt ist: Drei Monate lang halten die Eltern das aus, dann treibt sie das Verhalten des Nachwuchses in den Wahnsinn.

Im Einstieg Ihres Buches schildern Sie ein Grillfest, auf dem über die Kinder gesprochen wird. Ein Vater sagt auf die Frage, was seine Tochter mache: Sie ist arbeitslos.

In solchen Aussagen bricht sich der Frust der Eltern Bahn. Dabei war die Tochter gar nicht arbeitslos, sie jobbte in einem Restaurant. Aber der Vater hat das nicht als adäquat empfunden. In seinen Augen machte sie nichts. Die eigenen Ansprüche, Zweifel, Unglaube, Sorge – das ist eine toxische Mixtur der Gefühle bei den Eltern. Das führt oft zu großen Auseinandersetzungen zu Hause.

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Wie schwer war es, an die Jugendlichen heranzukommen?

Anfangs schwer. Zunächst einmal hält sich ein nicht unerheblicher Teil dieser Spezies in Australien oder Asien auf. Die anderen sind noch im Lande, aber schwer erreichbar. Schickt man eine E-Mail, antworten sie nicht; oder erst nach Tagen, Wochen, Monaten. Ruft man sie an, gehen sie nicht ans Telefon. Überhaupt, telefonieren – für viele die Höchststrafe. Besser also per Whatsapp. Verabrede ich einen Telefontermin, bekomme ich eine Message: „Mir ist was dazwischengekommen.“ Oder auch ganz beliebt: „Melde mich später.“ Willkommen im Reich der Unverbindlichkeit.

Tut man der Generation Unrecht, wenn man diese Unentschlossenheit nicht verstehen kann? Im Grunde stehen doch alle Türen offen.

Es gibt zu viele Möglichkeiten, und ein großer Fehler ist die Fixierung aufs Studium. Was spricht denn dagegen, nach dem Abi oder dem Realschulabschluss eine gute Berufsausbildung zu machen? Wir in Deutschland werden weltweit um unser duales System beneidet.

Ihre Tochter…

… unsere Tochter macht eine Ausbildung. Einen praktischen Beruf zu lernen, zwei Tage zur Schule zu gehen und dann einen Abschluss zu haben – das qualifiziert die jungen Leute keinen Deut schlechter als ein Studium. Aber die jungen Leute haben natürlich blitzschnell erkannt, dass Ausbildungen statusmäßig in den letzten zehn, 15 oder 20 Jahren eher negativ gesehen werden. Wenn man irgendwie kann, geht man an eine Hochschule, zur Not auch auf eine Privat-Uni.

Sie schreiben auch vom Coolness-Faktor. Was hat es damit auf sich?

Das ist ein Aspekt, den ich bei vielen beobachte: Das Normale ist ihnen nicht mehr gut genug. Banklehre, Industriekaufmann in einer großen Firma und sich dann hocharbeiten … nein, es muss am besten gleich das erste Praktikum bei einem DAX-Konzern in Singapur sein. Es muss was ganz Tolles sein, denn sonst ist es in dieser Instagram-Welt nichts wert, dann habe ich nichts zu posten und damit nichts zu melden. Druck macht auch, dass es viele Gleichaltrige gibt, die schon in Amerika waren, in England, die mit ihren Eltern drei Kontinente besucht haben und im Herbst noch mal schnell für eine Woche nach Spanien fliegen. Dieser Coolness-Faktor und diese Idee von der perfekten Lebensplanung sind eine Falle.

Dazu gehört auch etwas, das Sie digitalen Lifestyle nennen.

Die Jugendlichen führen ein durchsichtiges Leben, also muss alles, was sie machen, die anderen beeindrucken. Es ist nicht so cool, zu posten: Ich habe heute den ganzen Tag in der Praxis oder im Büro gearbeitet. Es klingt viel bedeutsamer, wenn ich in der Zeit eine wichtige Klausur geschrieben habe, selbst wenn ich die nur knapp bestanden habe. Das erfährt dann aber niemand. Das andere ist: Der digitale Lifestyle bindet wahnsinnig viel Energie. Studien sagen, dass Jugendliche drei Stunden am Tag online sind. Ich halte das für maßlos untertrieben. Ich glaube, dass wir eher von sechs Stunden und länger ausgehen können.

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Wozu führt das?

Das ist eine Druckbetankung durch die digitale Welt. Netflix, Whatsapp, Snapchat, Instagram – bis zum Pupillenstillstand. Push-Nachrichten im Minutentakt. Ich bin oft überrascht, wie schnell meine Tochter weiß, wo gerade wieder ein Diktator gestürzt worden ist. Aber die Hintergründe, die kennen sie nicht. Es fällt auch sehr, sehr schwer, abends das Ding wegzulegen. Am Ende fehlen Zeit, Energie und Konzentration, um darüber nachzudenken, was man eigentlich will. Solche Fragen kommen ja aus dem Innern heraus, in Momenten des Freiraums. Diesen Freiraum haben unsere Kinder aber höchstens noch im Funkloch.

Sie schreiben in Ihrem Buch, dass viele Jugendliche sehen, wie hart Vater und Mutter für ihren Platz in der oberen Mittelschicht arbeiten. Die Idole der jungen Generation sind aber You-Tuber.

Ich habe mich intensiv mit der Gemeinde der You-Tuber beschäftigt. Es gibt zum Beispiel einen Amerikaner, der Sneaker, also Turnschuhe, bewertet. Aber er fährt auch einfach nur mit seiner Freundin in der Gegend herum oder kifft. Das stellt er ins Netz und hat Hunderttausende von Followern. Nach unserem Erwachsenenverständnis macht er nichts.

Die Idee, dass man You-Tube-Star wird, ist in der Community aber weit verbreitet. Ich muss allerdings auch selbstkritisch sagen, dass es die jungen Leute abschreckt, wie wir Erwachsenen arbeiten. Und das zurecht. Es ist nicht normal, dass man rund um die Uhr für die Firma verfügbar ist. Die Kinder lehnen das instinktiv ab. You-Tube-Star im Beauty-Bereich zu sein, erscheint da deutlich attraktiver. Aber natürlich wird kaum jemand You-Tube-Star.

Wir haben geträumt, Fußballprofi zu werden.

Das ist ja auch gut, dass es Träume gibt. Aber unsere Träume waren im Unterschied zu heute in der Realität verankert. Ich wollte immer im Außenministerium arbeiten. Diese Vorstellung hat mich angespornt, Sprachen und Jura zu lernen. Aber wenn ich in der Virtualität viel Zeit verbringe, wird das meine Realität. Dabei leben wir immer noch in dieser Welt hier und jetzt, und die hat mit der digitalen Welt nicht viel zu tun.

Sie haben keinen klassischen Eltern-Ratgeber geschrieben, das Buch ist witzig erzählt. Aber ein paar Tipps geben Sie doch.

Das Buch ist ein Plädoyer für Auszeiten. Auch fürs Reisen, aber dann bitte zumindest in großen Teilen selbstfinanziert und selbst geplant, also nicht all-inclusive an den Partystränden dieser Welt mit anderen Abiturienten – das bringt einen nicht weiter. Grundsätzlich gilt: raus aus der Komfortzone, eigene Erfahrungen sammeln, sich ausprobieren.

Es ist doch spannend zu schauen: Wie schlage ich mich in Australien durch, wenn ich kein Geld mehr habe? Dabei muss es gar nicht Australien sein. Aber allein die Tatsache, dass so viele in die entferntesten Winkel der Welt reisen, zeigt für mich, wie sehr sie aus dieser Überversorgung eigentlich raus wollen.

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Heißt für die Eltern?

Runter von den Erwartungen. Kinder sollen nicht den persönlichen Status schmücken, indem sie um jeden Preis was Großartiges studieren. Ich zum Beispiel bin stolze Mutter einer Auszubildenden. Dozenten an der Uni sagen mir, dass Eltern inzwischen Elternsprechstunden verlangen für Ihre 19-Jährigen. Da lachen Sie jetzt! Aber das ist doch der Wahnsinn. Die wollen wissen, wie sich der Nachwuchs an der Uni so macht…

Ich merke an mir selbst, dass ich auch gewisse Reflexe habe. Wenn ich zum Beispiel ein Ikea-Regal und einen Inbusschlüssel sehe, dann will ich aufbauen. Bei der ersten eigenen Wohnung unserer Tochter habe ich diesen Reflex auch gespürt, aber nach einem aufgebauten Tisch unterdrückt. Und wenn die Garderobe nach einem halben Jahr immer noch nicht steht? Ja mein Gott, dann ist das so.

Das Gespräch führte Marc Hagedorn.

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Zur Person

Ulrike Bartholomäus ist 1965 geboren und Wissenschaftsjournalistin. Ihr aktuelles Buch heißt „Wozu nach den Sternen greifen, wenn man auch chillen kann“. Sie lebt mit ihrer Familie in Berlin.

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Zur Sache

Nach dem Turbo-Abi erst mal eine Pause

Abitur nach zwölf Jahren, mit 17 an die Uni und mit 21 auf den Arbeitsmarkt – so hatten sich Arbeitgeber und Bildungspolitiker das vorgestellt, als sie 2011 das Turbo-Abitur nach acht Jahren (G8) eingeführt haben. Eine Umfrage des Trendence Instituts zeigt: Von 20 000 befragten Schülern wollten nur 44 Prozent gleich studieren, 56 Prozent planten eine Pause. Heute spricht man vom Gap-year, zu deutsch: Lücken- oder Überbrückungsjahr, das Schüler am liebsten im Ausland verbringen würden. Zehn Prozent entscheiden sich für ein freiwilliges Soziales Jahr, drei Prozent für den freiwilligen Wehrdienst.

Eine Untersuchung des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung hat ergeben, dass G8-Abiturienten zu 15 Prozent häufiger ihr Studienfach wechseln und zu 14 Prozent häufiger ihr Studium abbrechen. 66 Prozent der Schüler gaben an, Vorbilder zu haben: vor allem Musiker, You-Tuber und Sportler. Niedersachsen hat das Turbo-Abitur als erstes Bundesland wieder abgeschafft, Bayern, Nordrhein-Westfalen und Schleswig-Holstein folgen.

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