Reederei-Jubiläum

Das Vinnen-Gen

Die Bremer Reederei Vinnen wird in siebter Generation familiengeführt – seit inzwischen 200 Jahren. Sie ist damit Deutschlands zweitältestes Schifffahrtsunternehmen.
25.10.2019, 06:00
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Das Vinnen-Gen
Von Peter Hanuschke
Das Vinnen-Gen

1921 läuft die „Magdalene Vinnen“ vom Stapel. Die Viermastbark ist heute noch im Einsatz – als Schulschiff „Sedov“ der Universität von Kaliningrad.

Fotos: Vinnen

Bremen. Als 1921 auf der Kieler Germaniawerft die „Magdalene Vinnen“ der Bremer Reederei Vinnen vom Stapel läuft, ist sie das größte kommerzielle Segelschiff der Welt. Und auch heute ist die Viermastbark immer noch im Einsatz, als Schulschiff „Sedov“ für die Universität von Kaliningrad. So wie das ehemalige Fracht-Segelschiff steht auch Vinnen für Beständigkeit – denn die Bremer Reederei gibt es nach wie vor. Sie kann dabei auf eine viel längere Geschichte zurückblicken als die stolze Viermastbark: Die Reederei F. A. Vinnen & Co – so ihr vollständiger Name – besteht in diesem Jahr seit 200 Jahren. Die Feier für diese 20 Jahrzehnte findet an diesem Freitag in der Oberen Rathaushalle statt.

Sie ist damit die zweitälteste Reederei Deutschlands. Und noch etwas ist dabei besonders: Stets war die Reederei familiengeführt. Seit 2001 wird das Schifffahrtsunternehmen in siebter Generation von Michael Vinnen geleitet. „Wir können auf eine lange Tradition zurückblicken“, sagt der Geschäftsführer. Dabei hänge die Firmengeschichte sehr eng mit der Familiengeschichte zusammen. „Das macht mich auf der einen Seite sehr stolz, weil mir Familie sehr viel bedeutet, auf der anderen Seite darf diese Tradition nicht belasten, sondern sie steht für mich für eine langfristig denkende und zuverlässige Reederei – selbst in Krisenzeiten.“

Das Auf und Ab in der Schifffahrt hat die Reederei Vinnen in vielerlei Weise erlebt. So stand das Unternehmen nach dem Ersten und Zweiten Weltkrieg jeweils ohne Flotte da und musste bei null anfangen. Entweder waren die Schiffe versenkt oder gingen als Kriegsreparationen an die Siegermächte. Beide Male schaffte die Reederei den Weg zurück und baute eine neue Flotte auf. Vor allem schaffte es das Unternehmen auch immer wieder, die Entwicklungen im Schiffbau mitzugehen. Heute betreibt F. A. Vinnen & Co. eine Flotte von neun modernen Containerschiffen, die meisten in der Größenklasse von 5000 Standardcontainern (TEU). Und es sollen noch mehr werden.

Die „Merkur Fjord“ – hier vor San Francisco – gehört zuraktuellen Vinnen-­Flotte.

Die „Merkur Fjord“ – hier vor San Francisco – gehört zur
aktuellen Vinnen-­Flotte.

Foto: XYZ

„Wir wollen und werden die Flotte ausbauen“, sagt Vinnen. Dass sich deutsche Großbanken seit Ausbruch der Schifffahrtskrise 2008 fast gänzlich und zum großen Teil zwangsweise aus dem Finanzierungsgeschäft zurückgezogen haben, soll dieses Ziel nicht beeinträchtigen. „Wir haben jetzt für die Schiffsfinanzierungen einen starken Partner gefunden. Wir gehen davon aus, dass der Containerverkehr weltweit weiter steigen wird, und wir werden dabei sein.“

Trotz derzeit schwierigen Marktstrukturen, teilweise durch Tonnage-Überkapazitäten oder auch die momentanen Handelskonflikte, gebe es trotzdem auch Wachstumsmöglichkeiten. „Dabei kommt uns sicherlich unsere Größe zugute. Wir können schnell Entscheidungen treffen, wir sind ein Mitarbeiterteam mit sehr erfahrenen Leuten an Land und an Bord, und unsere Kunden schätzen es eben auch, einen direkten kompetenten Ansprechpartner zu haben.“

Die Reederei Vinnen kann im Grunde genommen auf mehr als 200 Jahre Unternehmensgeschichte zurückblicken. Denn nachdem Ernst Christian Schramm das Unternehmen 1819 gegründet hat, damals unter dem Namen E. C. Schramm & Co., übernimmt er 1828 die schon 1797 gegründete Firma seines Schwiegervaters C. C. Hucke, die auch schon ihr erstes eigenes Schiff besitzt.

GeschäftsführerMichael Vinnen

Geschäftsführer
Michael Vinnen

„Angefangen hatte das Geschäft zunächst mit Tabakimporten, und man hatte zunächst Anteile an Schiffen erworben“, sagt Vinnen. Die Reederei geht in den kommenden zwei Generationen auf Schwiegersöhne über. Es kommen hölzerne Vollschiffe hinzu, die meisten davon sind in den kleinen Werftbetrieben an der Weser gebaut. Auch diese Schiffe werden schon in weltweiter Fahrt eingesetzt.

Später weitet sich das Geschäft auf den Transport und Handel mit Petroleum in Fässern aus den USA aus. Ende des 19. Jahrhunderts werden die ersten Segelschiffe aus Eisen und Stahl erworben, und in der vierten Generation der Familie übernimmt 1896 Friedrich Adolf Vinnen die Reederei von seinem Vater. 1912 erfolgt dann die Umbenennung in F. A. Vinnen & Co. und der Umzug in das neue Kontorhaus am Altenwall. „Zwei Entscheidungen, für die ich meinem Ur-Großvater bis heute noch sehr dankbar bin“, sagt Michael Vinnen.

Nach dem Ersten Weltkrieg werden neben der „Magdalene Vinnen“ weitere Segelschiffe in Dienst gestellt. Im Jahr 1926 stirbt Friedrich Adolf Vinnen, sein Sohn Werner Vinnen nimmt den Übergang zu Dampfern und Motorschiffen in Angriff. Wegen des Verbots der Seeschifffahrt mit großen Schiffen nach dem Zweiten Weltkrieg steigt Werner Vinnen Anfang der Fünfzigerjahre mit Binnenschiffen wieder ins Geschäft ein. Außerdem lässt er das Kontorhaus wieder aufbauen. Als erster Neubau eines Seeschiffs nach dem Krieg wird 1955 auf der Rickmerswerft in Bremerhaven ein Motorschiff unter dem Namen „Adolf Vinnen“ in Dienst gestellt. Es folgen weitere Schiffe, die für das Fahren von Stückgut in Zeitcharter bei den großen Linienreedereien eingesetzt werden.

Mit Beginn der Achtzigerjahre revolutioniert der Container die Transportbranche. F. A. Vinnen & Co. unter ihrem damaligen Geschäftsführer Christel Vinnen erkennt diesen Trend früh und gibt unter anderem neun Semi-Containerfrachter bei der Neptun-Werft in Rostock in Auftrag. Alle diese Schiffe erhalten den „Merkur“-Namen, eine Tradition, die bis heute fortgeführt wird.

Trends erkennen und konsequent nutzen, das ist auch die Philosophie von Michael Vinnen. So gelingt es dem Diplom-Volkswirt vor drei Jahren, alle Firmen-Anteile von Vinnen von dem Hamburger Handelshaus Wünsche zurückzukaufen, welche diese seit den Achtzigerjahren innehatte. „Das war natürlich auch ein schönes Gefühl, aber es ging dabei vornehmlich um eine unternehmerische Entscheidung.“ Der Zeitpunkt sei passend und der Kauf sei ein gutes Investment gewesen.

Die „Adolf Vinnen“ war 1955 der erste Neubau eines Seeschiffs nach dem Zweiten Weltkrieg.

Die „Adolf Vinnen“ war 1955 der erste Neubau eines Seeschiffs nach dem Zweiten Weltkrieg.

Foto: XYZ

Vor seinem Eintritt ins Familienunternehmen war Michael Vinnen fünf Jahre bei der ehemaligen DDR-Staatsreederei Deutsche Seereederei beziehungsweise bei der Reederei F. Laeisz in verantwortlicher Position tätig. Davor arbeitete der heute 54-Jährige in verschiedenen anderen Industrien im In- und Ausland. „Diese Zeit war für mich wichtig, ich konnte dadurch den Mitarbeitern und Geschäftspartnern zeigen, dass ich nicht einfach als Sohn ins Unternehmen eintrete, sondern für die Position des Geschäftsführers auch die notwendige Berufserfahrung mitbringe.“

Stolz ist Vinnen auch darauf, dass „wir eine ganz geringe Personalfluktuation haben. Unsere Mitarbeiter sind unser Kapital.“ Durch sie werde es erst möglich, auch innovative Wege zu gehen. So bietet Vinnen auch Bereederungsdienste für Schiffe an, die nicht im Eigentum der Reederei sind, zum Beispiel für die US-börsennotierte Costamare Inc. aus Griechenland.

Ein weiteres erfolgreiches Geschäftsfeld initiierte Bernd Hein, weiterer Geschäftsführer von Vinnen, im Jahr 2011 mit dem Start von F. A. Vinnen Philippines Inc. in Manila, einem mit Vinnen eng verbundenen Unternehmen. F. A. Vinnen Philippines kümmert sich um die Auswahl und umfassende Betreuung philippinischer Seeleute, die an Bord der Vinnen-Schiffe beschäftigt werden. Zusätzlich wurden bereits über 60 junge Kadetten ausgebildet, um die Kapitäne, Ingenieure und leitenden Offiziere der Zukunft zu werden. „Wir haben für unser erfolgreiches Crewing-Management in diesem Jahr bereits zwei weitere deutsche Reedereien gewinnen können“, sagt Vinnen. „Da, wo es funktioniert, fördern wir auch deutsches Personal – gerade im nautischen Bereich.“

Über die Zukunft der Bremer Reederei macht sich Michael Vinnen keine Sorgen. „Wir sind ja krisenerprobt und sind zurzeit gut aufgestellt.“ Außerdem gibt es ja auch die achte Vinnen-Generation. „Ich habe drei Kinder, das dauert aber noch, bis sie so weit sind.“ Drängen werde er keines seiner Kinder, irgendwann einmal ins Unternehmen einzusteigen. „Das muss von ihnen kommen.“

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