Apotheken-Übernahme

Das Zwei-Generationen-Rezept

Obwohl in Bremen die Apotheken aussterben, haben Valesca und ihre Mutter Bettina von Aderkas die Ring-Apotheke übernommen. Einzig eine Baustelle macht ihnen noch zu schaffen.
21.02.2018, 21:43
Lesedauer: 4 Min
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Das Zwei-Generationen-Rezept
Von Helge Hommers

Zuerst war Valesca von Aderkas gar nicht begeistert von dem Angebot, das ihre Mutter ihr Mitte des vergangenen Jahres unterbreitete. „Vergiss es“, antwortete sie ihr auf die Frage, ob sich die beiden selbstständig machen und gemeinsam eine Apotheke leiten wollten. Doch Valesca erklärte sich bereit, die Ring-Apotheke in Schwachhausen zumindest einmal anzuschauen. Nach der Besichtigung änderte sie ihre Meinung. „Die Lage ist toll und die Kunden waren nett. Da war es um mich geschehen“, erzählt sie. Inzwischen leiten sie und Bettina von Aderkas die Apotheke seit mehr als zwei Monaten. Ein Zwei-Generationen-Modell, das alles andere als im Trend mitschwimmt. Denn in Bremen gibt es immer weniger Apotheken.

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Aktuell sind es nach Angaben der Apothekerkammer nur noch 145. Vor 43 Jahren waren es noch 153 Apotheken. Der Höchstwert wurde 1990 erreicht, als in Bremen noch 194 Geschäfte gemeldet waren. Doch vor allem seit 2010 habe sich die Zahl kontinuierlich verringert, sagt Geschäftsführerin Isabel Justus. Dieser Trend betrifft aber nicht nur Bremen, sondern ganz Deutschland. Die Gründe für den Rückgang sind vielfältig. Vor allem Stadtteilapotheken finden nur selten einen Nachfolger, unter anderem wegen der fehlenden Planungssicherheit, wie Justus sagt: „Viele junge Leute meiden den Weg in die Selbstständigkeit, weil sie nicht sofort Schulden machen wollen.“

Hinzu kommt der Onlineversand. Denn inzwischen nimmt der Marktanteil von Medikamenten, die über den Versandhandel in Deutschland und dem Ausland bezogen werden, kontinuierlich zu. „Bei den Preisen, die dort angeboten werden, können kleine Apotheken nicht mithalten“, sagt Justus. Das könnte sich jedoch bald ändern: Im kürzlich vereinbarten Koalitionsvertrag haben Union und SPD ein Verbot des Versandhandels mit verschreibungspflichtigen Medikamenten angekündigt.

"Apotheken sind soziale Anlaufstellen"

Justus rät Apothekern, dass sie ihre Stärken selbstbewusst nach außen tragen. Schließlich bringe der direkte Kontakt mit dem Kunden im Vergleich zum Versandgeschäft Vorteile, wie etwa die individuelle und professionelle Beratung. „Apotheken sind soziale Anlaufstellen“, sagt Justus.

Allerdings machen den Apothekern auch die bürokratischen Hürden zu schaffen: Sie müssen etwa das Gefahrstoffrecht kennen und immer wieder an Schulungen teilnehmen. „Teilweise kann sich der Apothekenleiter kaum noch auf seine pharmazeutische Tätigkeit konzentrieren“, sagt Justus. Ähnliches berichtet auch das Mutter-Tochter-Duo aus der Ring-Apotheke. „Etwa drei Viertel unserer Arbeitszeit verbringen wir mit der Dokumentation“, erzählt Bettina von Aderkas.

Seit mehr als 100 Jahre gibt es die Apotheke an der Schwachhauser Heerstraße schon. Das Gebäude ist nicht mehr dasselbe, da es in den letzten Kriegstagen durch eine Fliegerbom­be vollständig zerstört wurde. Doch andere Apotheker zeigten sich solidarisch und gaben, was sie entbehren konnten, bis das Geschäft wieder an seiner ursprünglichen Stelle errichtet war.

Mitte der 1990er-Jahre ging die Leitung an Birgit Golinski über. Im vergangenen Jahr suchte sie eine Nachfolgerin und wandte sich an Bettina von Aderkas, die schon seit Längerem ihrem Team angehörte. Jetzt die Apotheke gemeinsam mit ihrer Tochter zu leiten, bezeichnet die 58-Jährige als „Lebenstraum, der in Erfüllung gegangen ist“. Die gebürtige Bremerhavenerin stammt aus einer Apotheker-Dynastie. Valesca von Aderkas geht bereits in fünfter Generation diesem Beruf nach.

Im Umfeld hatten viele Zweifel

Die 26-Jährige hat zwar schon immer den Gedanken gehabt, irgendwann eine eigene Apotheke führen zu wollen. Jedoch noch nicht so schnell nach Ende ihres Studiums. Erst wollte sie die Vorzüge ihres Berufs – die Flexibilität, fast überall arbeiten zu können – genießen und zog ins bayerische Passau. Doch dann kam der Anruf ihrer Mutter, die sie schon im Kindesalter mit ihrem pharmazeutischen Wissen beeindruckt hatte. „Viele Eltern waren hilflos, wenn ihre Kinder krank waren“, erzählt sie. „Meine Mutter nicht.“

Die beiden stellten sich der Herausforderung, obwohl in ihrem Umfeld viele Personen Zweifel an ihren Plänen hatten und sie davor warnten, gerade heutzutage eine Apotheke zu übernehmen. „Es war aber eine gute Entscheidung“, sagt Valesca. Die Verantwortungsbereiche haben die beiden zu gleichen Teilen übernommen.

Ihre besondere Konstellation sehen sie als Vorteil, weil sie sich bei bestimmten Fragen gegenseitig unter die Arme greifen. Ihre Tochter habe etwa Wissen über viele neue Medikamente, die Herausforderungen durch die Digitalisierung und rechtliche Richtlinien, die sich Bettina von Aderkas erst hätte aneignen müssen. Sie selbst sorgt mit ihrer Erfahrung für einen routinierten und ruhigen Arbeitsalltag im Mitarbeiterteam, zu dem 15 Angestellte gehören. „Theorie und Praxis sind eben doch zwei unterschiedliche Dinge“, sagt sie.

Vor allem die umfassenden wirtschaftlichen Aspekte, die ihre neue Aufgabe mit sich bringt, haben die beiden in dem Ausmaße allerdings nicht erwartet. Überfordert fühlen sie sich jedoch nicht. Vieles entscheiden die beiden zusammen, mit jeder Herausforderung lernen sie ein bisschen mehr dazu. Nur eine Baustelle ist weiter offen, soll aber bald angegangen werden: Die Glocken, die beim Eintritt eines Kunden aber auch zwischendurch häufig bimmeln. „Da haben wir schon einige Beschwerden erhalten“, erzählt Bettina von Aderkas lächelnd.

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