Zehn Jahre Überseestadt Bremen

Der große Wurf der Stadt

Bremen. Heute gibt es einen runden Geburtstag zu feiern: Zehn Jahre, so lange ist das her, dass die Stadt den großen Wurf wagte. Nichts weniger als ein neuer Stadtteil sollte entstehen, ein ehrgeiziger und durchaus riskanter Plan, doch er scheint aufzugehen.
30.07.2010, 06:00
Lesedauer: 6 Min
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Der große Wurf der Stadt
Von Jürgen Hinrichs
Der große Wurf der Stadt

Luftbild vom Weser Tower aus Mai 2010.

Johannes Kühner

Bremen. Wenn heute Abend in der Überseestadt die große Feier beginnt und viele Tausend Menschen zu den alten Hafenquartieren pilgern, um neugierig zu schauen, was sich alles verändert hat im Boomtown-Distrikt von Bremen, dann gibt es auch einen runden Geburtstag zu feiern: Zehn Jahre, so lange ist das her, dass die Stadt den großen Wurf wagte. Nichts weniger als ein neuer Stadtteil sollte entstehen, ein ehrgeiziger und durchaus riskanter Plan, doch er scheint aufzugehen.

Allein am Europahafen, wo das dreitägige Fest mit dem Namen 'Überseetörn' über die Bühne geht, hat es derart grundlegende Veränderungen gegeben, dass sich die Augen reibt, wer lange nicht mehr dort war. Die großzügige Freitreppe am Kopfende, die Promenade am abgesenkten Beckenrand, die neuen Bürogebäude mit den Restaurants, Cafés und Geschäften im Parterre. Das ist schon mal viel und wird noch mehr. Wenn der Schuppen 1, der direkt an die Promenade grenzt, einmal ausgebaut ist und am anderen Ende, am Eingang zum Europahafen, das 'Bremium' in Angriff genommen wird, ein Projekt von Hochtief.

Der Bauriese aus Essen soll dem Vernehmen nach jetzt langsam so weit sein, es gab Verzögerungen, offenbar sollte erst einmal ein potenter Ankermieter für das geplante Gebäude mit seinen fünf Geschossen und 13500 Quadratmetern gefunden werden. Langes Warten auch auf ein anderes Vorhaben von noch ganz anderem Kaliber: die Hafenkante. Für weit über 100 Millionen Euro sollen auf einer Fläche von zwölf Hektar zwischen der Weser und der alten Kaimauer des zugeschütteten Überseehafens Wohnhäuser und Bürobauten entstehen.

Engagiert sind dort unter anderem die Sparkasse Bremen und die Bremer Wohnungsbaugesellschaften Brebau und Gewoba. Sieben Jahre wurde um die Vertragsmodalitäten gefeilscht, bis vor wenigen Monaten endlich der erste Grundstücksvertrag unter Dach und Fach war. Fast wollte man schon nicht mehr dran glauben.

Nicht alles flutscht

Nicht alles eben flutscht so wunderbar in der Überseestadt, wie die Justus-Grosse-Bauten am Europahafen, die fast alle vermietet sind oder die ersten Wohnungen im nordwestlichen Teil des Areals, die ebenfalls einen guten Absatz finden. Von den Flächen, die auf dem Markt sind im alten Hafenquartier, 96 Hektar von insgesamt 288, liegt knapp die Hälfte noch brach: Das Glas halb leer. Die andere Hälfte ist verkauft, wird bereits genutzt oder muss darauf nur noch kurze Zeit warten: Das Glas halb voll.

Fifty-Fifty nach zehn Jahren. Nicht schlecht, eher sehr gut, wenn man bedenkt, dass der Masterplan für die Überseestadt einen Horizont von 25 Jahren hat.

'Beängstigend positiv', nennt Andreas Heyer diese Entwicklung, ohne dass er wirklich Angst davor hätte, den Boom im Hafen irgendwann brechen zu sehen. Es ist für den Chef der Wirtschaftsförderer in Bremen (WFB) eher ein Ausdruck von Unglauben: Wie kann das sein, einen solchen Lauf zu haben? In wirtschaftlich dunklen Zeiten, die sich erst jetzt langsam wieder aufhellen.

Eine halbe Milliarde privates Geld

Nach groben Schätzungen liegen die privaten Investitionen in der Überseestadt mittlerweile bei einer halben Milliarde Euro, flankiert von rund 250 Millionen Euro an öffentlichen Geldern, zum Beispiel für den Ausbau der Straßenbahn. Die WFB zählt zwar nicht jeden Tag nach, aber seit Beginn des Masterplans hat sich die Zahl der Unternehmen im Hafen von 300 auf 450 erhöht und die Zahl der Beschäftigten von 6000 auf 8800. 'Das konnte vor zehn Jahren niemand voraussehen', sagt Heyer, 'oder meinen Sie, wir hätten die Straßen sonst so geplant?' Sie verlaufen nicht unbedingt falsch, wären aber wohl anders gebaut worden, wenn man vorher gewusst hätte, was sich wo ansiedelt.

Der Wirtschaftsförderer baut darauf, dass es so weiter geht, er spricht von einem 'Grundrauschen der Investitionen', das bitteschön nicht leiser werden soll, gleichzeitig mahnt er aber auch zum Innehalten: 'Wir müssen konzeptionell arbeiten und die Nachfrage mit einem gezielten Angebot steuern.' Kein Wildwuchs also, sondern ein, wenn man so will, stadtteilbewusstes Planen. Wo passt etwas hin und wo besser nicht? Auf lange Sicht und in großen Räumen und Bezügen gedacht.

Was in Bremen gerade mit der Überseestadt passiert, korrespondiert in gewisser Weise mit einem anderen Projekt, das ebenfalls vor zehn Jahren aufs Gleis gesetzt wurde: der HafenCity in Hamburg. Auch an der Elbe geht es um ein Gebiet, das unmittelbar an der Innenstadt liegt; es ist mit 157 Hektar zwar kleiner als das in Bremen, wird dafür aber komplett neu überplant und nicht nur zu einem Drittel wie in der Überseestadt. Die Hamburger sprechen deshalb zurecht vom größten Stadtentwicklungsprojekt Europas, es entstehen 5800 Wohnungen, mehr als 45000 Arbeitsplätze und ein riesiges Angebot an Gastronomie, Kultur, Einzelhandel und Freizeitspaß. Und eine Elbphilharmonie, die sich gerade zur Pleite auswächst.

Anders als in der Überseestadt bleibt in der HafenCity vom Hafen freilich nichts mehr übrig. Ein Nachteil, findet Andreas Heyer: 'Überall nur diese Glasfassaden und astronomisch hohe Mieten', sagt er, 'eben das wollen wir gerade nicht, der alte Charme soll bewahrt bleiben'. Hier das auch mal laute und stinkende Hafengewerbe, dort die Weiße-Kragen-Jobs der Dienstleister und Kreativen. Die Mischung macht`s.

Fischmehl, atemberaubend

Der Holz- und Fabrikenhafen nicht als Museum, sondern als Arbeitsort, an dem es rustikal zugeht und nicht selten ein atemberaubender Duft in der Luft liegt: Fischmehl, man riecht es an manchen Tagen bis tief nach Walle hinein. Ernsthaft gestört hat sich daran bisher niemand. Auch die Gäste der Feuerwache nicht, die im Sommer gerne vor dem Lokal sitzen und das Ambiente am Kopfende des Holzhafens genießen. Streit gibt es dort nun trotzdem, aber aus anderem Anlass. Direkt am Hafenbecken soll ein Bürohaus entstehen, die alten Anrainer sind strikt dagegen, weil sie fürchten, über kurz oder lang vertrieben zu werden. Ein Konflikt, der in der Überseestadt auch an anderen Ecken schwelt.

Seit es das Projekt im Hafen gibt, wird darüber gestritten, wie die Nachbarschaft zwischen alten und neuen Nutzern gelingen kann. 'Wir reden über einen Stadtteil und nicht über ein Gewerbegebiet', stellt Heyer klar. Unmissverständlich aber auch seine Unterstützung für die angestammten Unternehmen in den Hafenquartieren: 'Sie werden nicht verdrängt, sondern sollen im Gegenteil die Möglichkeit behalten, an ihren alten Standorten zu wachsen.' Neben den Zuzüglern allerdings, neben den Firmen, die es schick finden und geschäftsfördernd, wenn sie ihre Büros im Hafen unterhalten. Und neben den Menschen, die sich entschieden haben, in der Überseestadt zu leben - eine ganz neue Entwicklung, vor wenigen Wochen wurde die erste Wohnung bezogen.

Vorsichtshalber und um die besorgten Altnutzer im Hafen zu besänftigen, hat die Stadt einen juristischen Kniff erfunden, Heyer nennt es stolz das 'Bremer Modell'. Die Wohnungen in der Überseestadt sind im Grundbuch mit einem Vermerk versehen, der absichern soll, dass es keine Klagen gibt, wenn es im Hafen sehr laut wird oder auch mal stinkt. Ob diese Regelung gerichtsfest ist, muss sich allerdings noch erweisen. 'Wer klagen will, wird klagen', macht sich Heyer keine Illusionen.

Ein Stückchen Ungewissheit, das manchem Unternehmen schon zu viel ist. Kellogg zum Beispiel. Der Cornflakes-Multi mit Sitz direkt an der Weser wehrt sich standhaft gegen die geplante Wohnbebauung in der Nähe des Europahafens. Die Wirtschaftsförderer versuchen zu vermitteln, bisher ohne Erfolg. Und so gibt es weiterhin keinen gültigen Bebauungsplan, die Häuser nach Vorbild des Bremer-Haus-Modells bleiben vorerst auf dem Reißbrett der Planer.

Bauzaun statt Balustrade

Eine Stadtentwicklung ohne Haken und Ösen gibt es nicht. Ganz normal also, dass auch in der Überseestadt nicht alles glatt läuft. Auch im Kleinen passiert das. Ein Witz schon fast, wie lange es dauert, bis die Promenade am Europahafen ihre Balustrade bekommt. In Teilen sind die Metallgitter mittlerweile montiert, woanders stehen aber schnöde noch die Bauzäune herum. Kein schönes Bild, das eigentlich bereits zum Kirchentag im vergangenen Jahr anders aussehen sollte.

Ewig Ärger gab es auch mit dem 82 Meter hohen Weser Tower am Eingang zur Überseestadt. Das Bauunternehmen Hochtief zerstritt sich dermaßen mit dem Bauherrn, der Firma Siedentopf, dass irgendwann Schluss war und Hochtief von der Baustelle flog. Bald nun soll Bremens höchstes Bürogebäude aber endlich bezogen werden. Bis zum Ende dieses Jahres wird die Oldenburger EWE dort mit ihren Technologietöchtern Platz nehmen und obendrein rund 800 Arbeitsplätze mitbringen.

Der Weser Tower ist das eine Ende der Achse, das andere im Nordwesten des dreieinhalb Kilometer langen und bis zu 1000 Meter breiten Areals ist der etwas kleinere Landmark Tower, in den im Oktober die ersten Mieter einziehen. Ganz oben wird eine Bar eingerichtet, der Blick fantastisch und immer wieder neu, wenn es so weitergeht mit der Überseestadt. Boomtown Bremen, im Hafen wird das wahr.

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