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Der letzte Stein

Die Grabmalbetriebe Werth fertigen nicht nur Grabsteine an. Die Firma aus Bremen restauriert auch schmückendes Steingut.
16.02.2019, 20:46
Lesedauer: 4 Min
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Der letzte Stein
Von Olga Gala

Mit Hammer und Meißel bearbeitet Daniel Wöhler den Hals einer Engelsfigur. Feiner Staub wirbelt auf. Wöhler ist konzentriert, setzt die kurzen feinen Schläge mit Bedacht. Der Steinmetzmeister restauriert die kleine Statue aus Stein. Der Kopf, die Beine und Füße des Engels sollen ausgebessert werden. Später wird sie in einem Garten stehen.

Wöhler ist Steinmetzmeister, die Arbeit am Engel ist trotzdem ungewöhnlich für ihn. Die meiste Zeit bearbeiten er und seine Angestellten nämlich Grabsteine. Das spiegelt sich auch im Namen seines Unternehmens wider: Grabmalbetriebe Werth. 1879 wurde die Bremer Firma als Baubetrieb gegründet, später teilten die Erben das Geschäft auf – die einen spezialisierten sich auf Grabsteine, die anderen blieben dem Bauunternehmen treu. Letzteres gibt es mittlerweile nicht mehr. Die Grabmalbetriebe kaufte Wöhler 2005. Sechs Angestellte hat er heute.

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Er hatte bereits in einem Betrieb gelernt, in dem Grabsteine hergestellt wurden. Später arbeitete er ein Jahr in der Industrie und auf dem Bau. Das handwerkliche Arbeiten habe ihm aber gefehlt. Auf dem Bau sei Vieles vorgefertigt und müsse lediglich verbaut werden. Bei den Grabsteinen sei das anders – zwar werden einige Steine schon fertig verarbeitet geliefert – für die Ornamente, die Namen und Jahreszahlen sind aber die Steinmetze im Betrieb verantwortlich. Andere Grabsteine schneiden die Steinmetze erst in Bremen aus großen Steinplatten.

Rohmaterial kommt aus der ganzen Welt

Das Rohmaterial hierfür komme aus der ganzen Welt, sagt Wöhler, etwa aus Skandinavien, Italien, Südamerika, Afrika und Asien. Vor allem jedoch aus Indien. Von dort beziehen auch die meisten anderen Betriebe ihre Steine. Immer wieder wird der Vorwurf laut, in den indischen Steinbrüchen würden Kinder arbeiten. Steinmetzbetriebe wie Werth könnten die Arbeitsbedingungen vor Ort jedoch nicht selbst überprüfen, sagt Wöhler. Er müsse in dieser Hinsicht seinem Lieferanten vertrauen. Dieser garantiere: Seine Steine seien frei von Kinderarbeit.

Seit mehr als 20 Jahren ist Wöhler Meister. Regelmäßig steht er selbst noch in der Werkstatt: „Das Schöne ist, so einen groben Klotz zu bearbeiten und mit dem eigenen Können etwas zu schaffen, was auch bleibt.“ Mit Staubmaske und Schallschutzkopfhörern gegen den Lärm der Absauganlage arbeitet er sich dann langsam durch den Stein. Ein bis zwei Wochen dauere es, die Form und Oberfläche fertigzustellen.

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Zwei Werkstätten unterhalten die Grabmalbetriebe Werth in Bremen – eine in Schwachhausen, eine in Osterholz. In Huckelriede gibt es eine weitere Filiale, dort stehen allerdings nur Ausstellungsstücke. 1000 Euro kostet einer der günstigeren Grabsteine mit Beschriftung. Nach oben gebe es praktisch keine Grenzen, sagt Wöhler. Momentan seien besonders polierte Granitsteine beliebt. „Der Sandstein ist der Klassiker von vor 30 Jahren“, sagt Wöhler. Er sei aber witterungsanfällig: Die raue Oberfläche des Sandsteins trage dazu bei, dass sich Patina schneller festsetzen könne. „Er fällt aber nicht auseinander“, sagt Wöhler. Ein polierter Stein mit glatter Oberfläche sehe länger neu aus und lasse sich einfacher reinigen.

Pflegeleichte Gräber im Trend

Das komme einem weiteren Trend in der Branche zugute: Die Käufer wollen pflegeleichte Gräber. Häufig wohnen die Hinterbliebenen nicht in der gleichen Stadt wie die Verstorbenen und hätten gar nicht die Gelegenheit, sich regelmäßig um das Grab zu kümmern. Ansprechend solle es trotzdem sein. „Es muss alles ganz neu aussehen“, sagt Wöhler. Die meisten entscheiden sich noch immer bei Erdbestattungen für stehende Grabsteine. Wöhler beobachtet jedoch: „Die pflegeleichte Variante mit einem Stein, der die ganze Grabstelle abdeckt, ist immer öfter gefragt.“ Zugleich sei Sterben weiterhin ein Tabuthema, sagt er. „Mit dem Tod will keiner was zu tun haben.“

Es gebe jedoch auch immer wieder Menschen die zu Werth kommen, um ihren eigenen Grabstein auszusuchen. Meist sind sie schon älter, aber noch recht fit: „Manche sind putzmunter und fidel und wollen das einfach geregelt haben“, sagt Wöhler. Gemeinsam mit den Kunden wählen die Fachleute einen Stein aus, entscheiden, ob es ein Ornament geben und wie die Schrift aussehen soll.

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Etwa 500 Grabsteine bearbeiten die Grabmalbetriebe Werth pro Jahr. Die Hälfte davon machen Ergänzungen auf bereits bestehenden Grabsteinen aus. Acht Wochen bis etwa ein halbes Jahr müssen nach einer Beerdigung im Sarg vergehen, erst dann können die Steinmetze den Grabstein aufstellen beziehungsweise verlegen. Die Zeit sei nötig, damit sich die Erde sich setzen könne, sagt Wöhler. Wird nicht lange genug gewartet, könne der Stein leicht einsacken. Natürlich fertigen die Steinmetze auch für andere Formen der Bestattung, so stehen in den Bremer Werkstätten etwa auch Platten für Urnengärten.

Trotz Ausnahmesituation: Entscheidung für einen Grabstein sollte gut überlegt sein

Die meisten Kunden kommen zu Wöhler und seinen Kollegen einige Wochen nach dem Todesfall. Trotz der Ausnahmesituation sollte die Entscheidung für einen Grabstein gut überlegt sein, sagt Wöhler. „Es ist eine Sache für eine ganz lange Zeit“. Seinen Kunden verucht Wöhler Raum für ihre Wahl zu geben. Täglich Tod und Trauer zu begegnen sei nicht einfach, aber „ich mache es schon lange genug. So tragisch es ist, man gewöhnt sich dran.“ Wichtig sei es, die Geschichten nicht mit nach Hause zu nehmen und Arbeit und Privates trennen zu können. Dennoch gehen manche Schicksale Wöhler auch nach jahrzehntelanger Berufserfahrung nahe, etwa wenn ein Kind stirbt.

Eine Abwechslung von der Arbeit mit Grabsteinen bieten die Restaurationsarbeiten. Am Überseemuseum haben die Grabmalbetriebe Werth etwa das Eingangsportal und zwei größere Figuren restauriert. Hin und wieder arbeiten die Steinmetze auch an Sonnenuhren, einem Findling mit Schriftzug für den Garten oder eben kleinen Engeln.

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