Neuer Chef der IG Metall Küste fordert

„Der Norden braucht mehr gemeinsame Industriepolitik“

Der neue Bezirksleiter der IG Metall Küste, Daniel Friedrich, wünscht noch mehr norddeutsche Zusammenarbeit in der Industriepolitik. Was ansonsten für die bevorstehenden Tarifverhandlungen wichtig sein wird.
20.01.2020, 23:10
Lesedauer: 6 Min
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„Der Norden braucht mehr gemeinsame Industriepolitik“
Von Florian Schwiegershausen
„Der Norden braucht mehr gemeinsame Industriepolitik“

Daniel Friedrich ist seit Dezember 2019 Bezirksleiter der IG Metall Küste.

Herr Friedrich, vor fast 25 Jahren begannen Sie ihre Ausbildung zum Industriemechaniker. Wie digital haben Sie damals gearbeitet?

Daniel Friedrich: Damals war überhaupt nichts digital, damals hatte ja aber auch das Telefon noch eine Wählscheibe. Wir haben U-Stahl gefeilt und mussten schauen, dass der gerade ist und am Ende des Tages nicht in der Schrottkiste landet. So ist das heute noch in den modernen Ausbildungswerkstätten, um die Handfertigkeiten zu lernen. Ansonsten ist heute alles digitaler. Da kommen Digitalbrillen zum Einsatz, oder es wird mit dem Tablet gearbeitet.

Nun sind Sie zum Antrittsbesuch bei den Mercedes-Kollegen in Bremen gewesen. Welche Forderungen für den Tarifvertrag wurden da an Sie herangetragen?

Das große zentrale Thema, das die Kollegen bei Daimler wie auch in anderen Betrieben interessiert, ist: Wie sichern wir Beschäftigung in Zeiten der Digitalisierung? Die Arbeitsplätze in der Industrie werden sich wandeln. Da ist die Frage, wie wir das gestalten können, dass bessere Arbeit entsteht. Weiterhin bleibt die Frage, wie wir in Zukunft mit dem Thema Arbeitszeit umgehen werden. Wo können wir Entlastung schaffen, und wo können wir mehr Souveränität für die Mitarbeiter schaffen, dass sie stärker selbstbestimmt über ihre Arbeitszeit entscheiden können?

Das bedeutet?

Es soll eben nicht nur der Arbeitgeber sagen können „Heute ist es wichtig, heute musst du länger arbeiten“. Da soll der Beschäftigte dann ähnlich sagen können „Heute muss ich mein Kind früher aus dem Kindergarten abholen“.

Inwieweit müssen Sie sich Sorgen machen um die Automobilbranche in der Region?

Wir sehen ja bei Thyssen-Krupp Engineering – also ehemals Krause – und bei Bosch, wieviel Druck in der Zulieferbranche ist. Da wir mitgestalten wollen, sind wir bereit, zusammen mit den Arbeitgebern Brücken in die Zukunft zu bauen. Wer aber die Zeit jetzt nutzen will, um allein der Rendite wegen Arbeitsplätze abzubauen und Werke zu verlagern, muss mit massivem Widerstand rechnen.

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Für Nordmetall wird die Lürssen-Geschäftsführerin Lena Ströbele die Tarifverhandlungen führen. Die Flexibilisierung aus dem noch laufenden Tarifvertrag findet sie positiv und würde dies gern ausweiten. Rennt sie da bei Ihnen offene Türen ein?

Wenn es um die Regelung geht, Geld in Zeit umzuwandeln, wären wir jederzeit dabei. Das hat bei unseren Kollegen eine hohe Akzeptanz. Wenn Nordmetall da mit uns gemeinsam den Schritt machen will, dass auf alle Beschäftigtengruppen auszuweiten, dann freue ich mich, sofort den neuen Tarifvertrag zu unterschreiben.

Das klingt danach, dass nicht mehr die reine Lohnerhöhung im Vordergrund stehen wird.

Das Geldthema wird auch weiterhin der Maßstab sein. Denn wir haben als Tarifpolitiker in diesem Wirtschaftssystem ja auch die Aufgabe, für Umverteilung zu sorgen, damit die Beschäftigten bei der Kaufkraft gestärkt werden. Freizeit nützt mir ja auch nichts, wenn die Mieten und die Strompreise steigen. Es sind eben unterschiedliche Interessenlagen. Der 31-Jährige, der ein Haus gebaut hat, will mehr Geld haben, und die 53-Jährige, die nun eine Enkeltochter hat, will mit ihr vielleicht mehr Zeit verbringen. Da geht es darum, die entsprechenden Möglichkeiten zu schaffen.

Vor zwei Jahren hat es den Arbeitgebern noch Sorgen bereitet, die Regelung „Geld oder Freizeit“ umzusetzen.

Es ist noch kein Betrieb daran zugrunde gegangen, weil wir auf Augenhöhe flexible Arbeitszeitsouveränität organisiert haben. Wenn jemand aus Krankheitsgründen sechs Monate nicht arbeiten kann, kriegt man das ja auch irgendwie organisiert. Ich verstehe nicht, wo das Problem ist, wenn schon frühzeitig in der Jahresplanung gesagt wird, wann die Beschäftigten nicht da sind, weil sie Geld in Freizeit umwandeln. Das soll dann plötzlich nicht gehen? Wenn plötzlich ein Großkunde anruft, und es kurzfristig einen zusätzlichen Auftrag gibt, dann kriegen wir ja schließlich auch das hin. Da sollte man pragmatischer rangehen. Das sollte man doch mit gesundem Menschenverstand hinbekommen, wenn Kolleginnen und Kollegen ihrer Vereinbarkeit mit der Familie organisieren wollen, und auf der anderen Seite ist in den Belegschaften so viel Wille vorhanden, dass das Unternehmen erfolgreich ist.

Kriegen Sie das bei der Flexibilisierung der Arbeitszeiten zusammen mit den Arbeitgebern hin, oder wo sollte die Politik nachsteuern?

Wenn es um Arbeitsplatzsicherung und Brücken in die Zukunft geht, dann wird das eine Aufgabe sein, die wir als Tarifpartner angehen werden. Da müssen wir bestehende Instrumente weiterentwickeln oder auch neu gestalten. Staatliche Unterstützung brauchen wir ganz klar bei der Ausweitung der Kurzarbeit, beim so genannten Transformationskurzarbeitergeld. Außerdem muss das Qualifizierungs- und Chancengesetz noch viel stärker genutzt werden. Das werden wir nicht allein schaffen. Es geht darum, der Bundesagentur für Arbeit weitere Instrumente zur Verfügung zu stellen.

Daimler - Produktion

Die Produktion der C-Klasse in Bremen – bei den Tarifverhandlungen ab März in der Metall- und Elektroindustrie soll es um mehr Flexibilität in der Arbeit gehen.

Foto: Carmen Jaspersen/DPA
Da ist die Bundespolitik gefordert. Schauen wir mal ins Gebiet der IG Metall Küste. Was würden Sie sich von Bremen, Hamburg, Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern wünschen, damit nicht jeder sein eigenes Süppchen kocht?

Der Norden konkurriert mit viel größeren Regionen, die teilweise zentralstaatlich organisiert werden. Daher brauchen wir hier so etwas wie eine norddeutsche gemeinsame Industriepolitik. Da gibt es bei der Windenergie zarte Ansätze, bei der Luftfahrtindustrie muss das verstärkt werden, weil wir da im Wettbewerb mit Regionen auf der ganzen Welt sind. Da ist es gut, wenn die norddeutschen Bundesländer und ihre Wirtschaftsminister kooperieren und nicht immer nur auf ihren eigenen Bereich schauen.

Windenergie ist das Stichwort. Es tut schon weh, wenn man sieht, wie in Bremerhaven die Windindustrie verschwindet.

Das wichtigste ist, dass die Kollegen bei Senvion in Bremerhaven nun in die Transfergesellschaft gegangen sind – finanziert aus der Masse. Da ist aber auch die Politik gefordert, um gemeinsam eine Verlängerung der Transfergesellschaft hinzubekommen. Das schafft mehr Zeit, um die Betroffenen in Bremerhaven besser vermittelt zu bekommen. Dazu sind wir auch in Gesprächen.

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Und Bremerhaven insgesamt?

In Zukunft muss man industriepolitische Antworten für Bremerhaven finden. Da sind Politik und Unternehmen gefordert. Ehrlicherweise muss man sagen, dass für Bremerhaven die Windenergie nicht mehr der Heilsbringer ist. Der Schiffbau hat sich ja etwas stabilisiert. Da muss man sehen, inwiefern Bremerhaven davon profitiert. Wir haben ja beispielsweise die Genting-Gruppe in Mecklenburg-Vorpommern, die ja immer mal wieder Aufträge nach Bremerhaven geben kann.

Um Digitalisierung geht es ja auch in Mecklenburg-Vorpommern beim Projekt MV-Works.

Genau, da geht es um Fragen wie „Was bedeutet Digitalisierung konkret für den Betrieb?“ und „Wie kann ich da die Beschäftigten mitnehmen?“ Die Beschäftigten sollen erkennen, dass die neue Technik kein Gegner ist – eher ein Kollege, der für die Zukunft zu gewinnen ist. Da hat MV-Works, wo wir mit Nordmetall zusammenarbeiten, die Aufgabe, in die Betriebe zu gehen, um positive Beispiele zu schaffen. Das ist der Vorteil von so einer gemeinsamen Aktivität als Sozialpartner: Wenn wir gemeinsam solche Projekte machen, gibt es doch am Ende einen Mehrwert für beide.

Bei Digitalisierung geht es ja auch um Investitionen. Da appelliert die Arbeitgeberseite zu moderaten Tarifabschlüssen, um Geld für Investitionen zu haben.

Investieren müssen die Unternehmen so oder so. Das Geld dafür bei den Beschäftigten einzusammeln, ist der falsche Weg. Wir sind bereit, darüber zu reden, wie die Zukunft zu organisieren ist, und wie wir Investitionen absichern können. Mit einem generellen Gehaltsverzicht werden wir aber nicht weiterkommen. Wir als IG Metall organisieren uns jetzt im Februar, um danach unsere Forderungen zu formulieren. Dabei wird es auch um das Thema Rente gehen, aber beispielsweise auch um das Thema Dualstudierende.

Inwieweit kann man dieses Modell, alle zwei Jahre Tarifverhandlungen zu führen, noch aufrecht erhalten, wenn sich die Arbeit an sich verändern wird?

Mit den Tarifrunden organisieren wir ja maßgeblich die Einkommen. Da gibt es ja keine Excel-Datei, die das macht. Aber Tarifpolitik ist mehr als nur Geld. Und die neue Welt will auch organisiert werden. Ein Tarifvertrag kann auch ein Motor für neue Arbeitsweisen sein. Die Menschen sollen nicht nur in den Tarifvertrag gucken, wenn es gerade nicht so gut läuft. In der Tarifpolitik geht es um mehr als den Mindestanspruch.

Sie sagen, dass sie sich auf die Verhandlungen freuen. Welches Rezept haben Sie denn für nächtliche Mammutrunden?

Wenn man in die Verhandlung involviert ist, ist man in einem ganz anderen Spannungsgrad, als wenn man draußen wartet. Wenn Sie in Zwei-, Vier- oder Acht-Augen-Gesprächen sind, dann merken Sie gar nicht, dass es auf einmal drei Uhr nachts ist. Nur danach ist man froh, wenn man dann auch Feierabend hat – auch, wenn man 44 Jahre alt ist.

Die Fragen stellte Florian Schwiegershausen.

Info

Zur Person

Daniel Friedrich (44)

ist seit Dezember Chef der IG Metall Küste und wird ab März die Tarifverhandlungen führen. Bei der IG Metall begann der gelernte Industriemechaniker 1998 in Hamburg als Gewerkschaftssekretär.

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