Nach der Krise setzen Unternehmen im globalen Wettbewerb auf Exporte in neue Märkte Der Traum vom deutschen Jahrzehnt

Von dietrich eickmeier
01.02.2011, 05:00
Lesedauer: 3 Min
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Von dietrich eickmeier

Berlin. Zuversicht pur: Ökonomen sprechen schon von einem "deutschen Jahrzehnt", weil die deutsche Wirtschaft besser als fast alle anderen Konkurrenten aus der Krise herausgekommen ist. Michael Hüther, der Direktor des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) ist da etwas vorsichtiger. Es sei "noch lange nicht ausgemacht, dass die nächste Dekade auch das Jahrzehnt des Standorts D" werde, sagte Hüther gestern bei der Vorstellung des IW-Zukunftspanels in Berlin. Denn es sei ziemlich sicher, dass auch ausländische Standorte und Märkte an Bedeutung gewännen.

Hüther geht davon aus, dass sich nach der Krise der Strukturwandel weltweit nicht nur fortsetzen, sondern auch "an Tempo zulegen" werde. Doch die deutschen Unternehmen sind zuversichtlich, im Wettbewerb mithalten zu können, wie die von Hüther präsentierte Umfrage des Kölner Instituts unter 8000 Betrieben zeigt. So wollen rund 66 Prozent der Großunternehmen in den nächsten fünf Jahren ihren Exportanteil ausbauen. Kleinere Firmen dagegen sind in der Exportfrage noch zögerlich. Um eine Anpassung an die "neue Welt" würden viele aber nicht herumkommen, ist Hüther überzeugt. Denn vor allem die sogenannten BRIC-Staaten (Brasilien, Russland, Indien und China) drängten immer stärker auf die internationalen Märkte. Entsprechend sähen deutsche Unternehmen auch in diesen Ländern zunehmend neue Konkurrenten für ihre Produkte. Kam nach der IW-Untersuchung bisher bei 88 Prozent der kleinen Unternehmen der Hauptwettbewerber aus Deutschland, werde das 2015 wohl nur noch auf 73 Prozent der Betriebe

zutreffen. Bei den größeren Unternehmen fällt dieser Anteil von heute 79 Prozent demnach auf dann nur noch 65 Prozent zurück.

Auch die Märkte, so Hüthers Analyse, wandeln sich: So dürften künftig Biowissenschaften, personennahe Dienstleistungen, Informations- und Kommunikationstechnik, Mikroelektronik, Mobilität, Sicherheit und Nachrichteninfrastruktur, Umwelt- und Ressourcenschutz sowie Ver- und Entsorgungsinfrastruktur an Bedeutung gewinnen. Bereiche, in denen deutsche Unternehmen bereits ein Viertel ihres Umsatzes erwirtschaften - Tendenz steigend. Für den Chef des IW-Instituts wird die bisherige Stärke der deutschen Wirtschaft, also technologisch hochwertige Industrieprodukte, in Zukunft allein nicht mehr ausreichen, weil die BRIC-Länder auch qualitativ immer bessere Waren anbieten würden.

Die deutschen Unternehmen könnten sich aber weiterhin von der Konkurrenz abheben, indem sie auf integrierte Dienstleistungen setzen. So liefern laut Hüther erfolgreiche Industriebetriebe bereits heute zusätzlich zur Ware ein ganzes Paket an Dienstleistungen von der Installation bis zur Wartung. Rund 36 Prozent der befragten Unternehmen sind denn auch der Meinung, dass dieser Service noch bedeutsamer wird. Zudem zeigt die Befragung, dass Unternehmen, die sich an Netzwerken beteiligen, offenbar erfolgreicher sind als andere. Dabei sehen diese Betriebe ihre Kundenbeziehungen als besonders wichtig an, aber auch Kooperationen mit Lieferanten und anderen Firmen.

Für die nächste Runde im globalen Wettbewerb sieht sich ein Großteil der deutschen Unternehmen gerüstet. Denn während der internationalen Finanz- und Wirtschaftskrise haben die meisten Firmen vor allem ihre Prozesse auf Schwachstellen und Verbesserungsmöglichkeiten untersucht. So haben mehr als 80 Prozent der größeren und über die Hälfte der kleineren Unternehmen rationalisiert und Prozesse optimiert, rund die Hälfte verhängte einen einstweiligen Investitionsstopp. Lediglich die Vertriebs- sowie Forschungs- und Entwicklungsabteilungen blieben meist von Kosteneinsparungen verschont, wie die aktuelle Unternehmensbefragung des Kölner Instituts zeigt. Danach hat von den Firmen mit einem Jahresumsatz von mehr als zehn Millionen Euro nur ein Zehntel die Forschungsetats reduziert.

Mehr als zwei Drittel der Großunternehmen und knapp die Hälfte der kleineren Betriebe ergriffen außerdem personalpolitische Maßnahmen. So verzichteten die Personalchefs meist auf Neueinstellungen (54 Prozent), aber nur 16 Prozent der kleineren und 25 Prozent der größeren Unternehmen haben in der Krise Mitarbeitern betriebsbedingt gekündigt. Viele Unternehmen ließen Überstunden zurückfahren (46 Prozent) und Zeitguthaben abbauen (46 Prozent). Ein knappes Viertel setzte auf den Abbau von Zeitarbeitsstellen, etwa ein Fünftel auf Kurzarbeit.

Zudem ist die Hälfte der befragten Unternehmen der Krise offensiv begegnet. So haben Firmen ihr Geschäft auf neue Märkte ausgedehnt, neue Produkte in ihr Angebot aufgenommen oder den Kundenkreis erweitert. Allerdings hätten längst nicht alle Firmen die Zeichen der Zeit erkannt: Nur ein Fünftel sei sowohl international tätig als auch in Forschung und Entwicklung erfolgreich engagiert. Hüther: "Das bedeutet, dass der Erfolg Deutschlands noch von einer relativ kleinen Avantgarde von Unternehmen abhängig ist."

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