EWE zieht erst im Herbst in Bremens neues Hochhaus ein Der Weser Tower ist fertig - und leer

Bremen. Er ist fertig. Nach fast zweieinhalb Jahren Bauzeit sind die Arbeiten am Weser Tower abgeschlossen. Ein halbes Jahr später als ursprünglich geplant und auch ohne dass es gleich losgehen kann im höchsten Bürogebäude, das Bremen je gesehen hat.
05.05.2010, 06:50
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Der Weser Tower ist fertig - und leer
Von Jürgen Hinrichs

Bremen. Er ist fertig. Nach fast zweieinhalb Jahren Bauzeit sind die Arbeiten am Weser Tower abgeschlossen. Ein halbes Jahr später als ursprünglich geplant und auch ohne dass es gleich losgehen kann im höchsten Bürogebäude, das Bremen je gesehen hat. Der Hauptmieter, die Oldenburger EWE mit ihren Technologietöchtern, bekommt zwar Ende dieses Monats den Haustürschlüssel, braucht nach eigener Einschätzung aber noch einige Monate, bis für die mehr als 600 Arbeitsplätze alles hergerichtet ist.

Ab Herbst also wird der 82 Meter hohe Weser Tower am Abend und bei Dunkelheit etwas mehr von sich zeigen als nur die Notbeleuchtung im Treppenhaus. Dann nämlich geht am Eingang zur Überseestadt so richtig das Licht an. Nicht nur in den Büros, die sich auf einer Gesamtfläche von 18500 Quadratmetern verteilen, sondern auch drumherum an der Fassade. Der Rahmen wird illuminiert und spiegelt, so die Idee des französischen Lichtdesigners Yann Kersalé, das Kräuseln und Schlagen der Wellen auf der Weser wider.

Wenn die EWE-Karawane kommt und peu à peu den Weser Tower in Besitz nimmt, haben die Bäume und Pflanzen auf dem Areal direkt an der Weser ihre erste Wachstumsperiode bereits hinter sich. Denn bei allem Verdruss wegen der Bauverzögerungen - einen Vorteil haben sie: Der Hauptmieter wird eine komplett fertige Außenanlagen vorfinden. Eine einladend schön gestaltete und großzügig breite Treppe zur Schlachte hinunter zum Beispiel, das Gras zwischen den Platten ist längst angewachsen, und - wie sollte es anders sein - die ersten Graffiti gibt es dort auch schon. Irgendetwas Buntes, überschrieben mit 'Kunst am Turm'.

Woanders am Weser Tower wird noch Mutterboden aufgefahren und mit Frontladern verteilt. Vor dem Hintereingang paradieren in Reih und Glied unzählige Fahrradständer, und auf der Vorderseite des Gebäudes, dort, wo später die Autos vorfahren, platzieren Arbeiter die letzten Pflastersteine. Es wird ein Rondell, man fährt hinein, lässt jemanden aussteigen und fährt wieder heraus. Oder nimmt im Kreis die Ausfahrt zum benachbarten Parkhaus, das seit langer Zeit betriebsbereit ist, aber noch kein Auto gesehen hat.

Warum es nicht geklappt hat mit der für Oktober 2009 geplanten Übergabe an die EWE - darüber wird eines Tages sicherlich vor den Gerichten gestritten. Im Januar hatte der Investor, die Bremer Projektentwicklungsgesellschaft Siedentopf, die Baufirma Hochtief vor die Tür gesetzt. Hochtief, so damals die Begründung, habe nicht nur den Fertigstellungstermin deutlich überzogen, sondern sei überdies nicht bereit gewesen, einen Zeitpunkt für den endgültigen Abschluss der Arbeiten zu nennen. Die Baufirma sieht das anders und will die Kündigung nicht einfach so hinnehmen. Sie droht mit juristischen Schritten. Siedentopf wiederum behält sich vor, Schadensersatzansprüche zu stellen. Der Mietausfall für ein halbes Jahr, und das bei so einem Projekt, wird beträchtlich sein.

Der Weser Tower hat nach Angaben von Siedentopf rund 50 Millionen Euro gekostet. Ein Hochhaus mit Ambition, dafür steht schon der Name des Architekten: Helmut Jahn aus Chicago. Er plant für die ganze Welt und hat zum Beispiel in Berlin das Sony Center am Potsdamer Platz entworfen.

Architekten lieben große Worte und so war es dann auch bei der Grundsteinlegung für den Weser Tower: 'Am Übergang zwischen der alten, mittelalterlich geprägten Stadt und der neu entstehenden Hafenvorstadt wird das Gebäude zu einer Ikone für die bedeutendste Neuentwicklung der Hansestadt in unserer Zeit', pries ein Jahn-Jünger, den der Meister damals für den feierlichen Akt nach Bremen geschickt hatte, das stadtplanerische Gewicht des Hochhauses.

Jahn wollte den Bruch mit der Weserlinie und setzte den Weser Tower in seinen Plänen leicht schräg zum Flussverlauf. Der damalige Senatsbaudirektor hielt dagegen, er bestand darauf, das Hochhaus parallel zur Weser zu bauen. Ein Streit unter Planern, erbittert fast, und Jahn obsiegte. Der Weser Tower steht nun exakt um acht Grad versetzt zum Weserufer.

In einem anderen, ganz wesentlichen Punkt hatte der Star-Architekt indes das Nachsehen. Sein Entwurf sah ein Haus vor, das so transparent sein sollte wie ein Fenster, durch das man hindurch schauen kann. Möglichst wenige Wände also, aber daraus wurde nichts. Form und Funktion kamen nicht überein, wie so oft in der Architektur. Der Hauptmieter brauchte anderes, Kleinteiligkeit, und bekam sie dann auch.

Jahn sagte kein Wort davon in seiner Rede beim Richtfest, zu dem er dann immerhin mal selbst angereist kam. Er sprach vom Prinzip der Einfachheit in seiner Baukunst, von der Reduktion auf das Wesentliche, von Transparenz und Entmaterialisierung. Schöne Worte, aber so wie die Arbeiter nicht zuhörten, weil bereits die ersten Bierflaschen kreisten, so drangen die Worte letztendlich auch beim Investor nicht durch, der bei aller Baukunst auch an die Verwertbarkeit denken muss.

Von Juni an hat im Weser Tower allein die EWE das Sagen, als Mieter allerdings und nicht als Eigentümer, wie es sich die Oldenburger eigentlich gewünscht hatten. 'Wir werden einiges verändern', kündigt ein Sprecher des Unternehmens an. Das Foyer werde umgestaltet und jedes Büro bekomme passgenaue Schränke. Die üblichen Arbeiten vor dem Einzug in ein neues Haus. Nur dass es in diesem Fall ein Turm ist, 82 Meter hoch. Das dauert beim Einrichten. Bis zum Herbst.

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