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Design trifft auf Integration

In Walle bei Weserholz entstehen multikulturelle Möbel. Selbst der bayerische Landtag ist auf den Geschmack gekommen und findet das Projekt für junge Geflüchtete ausgezeichnet.
10.12.2017, 06:15
Lesedauer: 3 Min
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Von Insa Lohmann
Design trifft auf Integration

Zum Sitzen und wackelt nicht: Das ist das multikulturelle Weserholz-Design. Tanja Engel, Anselm Stählin, Pape Samba Ndiaye, Paula Eickmann, Abdi Khadar (von links) haben dabei ihren Spaß.

Christina Kuhaupt

Es ist etwas versteckt im Waller Gewerbegebiet zwischen Hanse- und Nordstraße. In der Nachbarschaft sind vor allem kleine Betriebe, die auf Autos oder Fahrräder spezialisiert sind. Da ist sie also, die Werkstatt von Weserholz, in der Graf-Adolf-Straße, ein paar hundert Meter von der Weser entfernt. Statt nach frischem Holz duftet es erstmal nach frischem Essen. Aber gleich danach riecht es nach Holz, wenn alle wieder ans Werkeln gehen. Denn das Ziel von Weserholz als Sozialunternehmen ist es, junge Geflüchtete mit Bremer Designern und Tischlern zusammenzubringen um gemeinsam Möbel zu entwickeln.

„Weserholz ist in erster Linie ein Ort, wo man gewollt ist und seine Fähigkeiten einbringen kann“, sagt Projektleiterin Paula Eickmann. Die junge Frau hat bereits vor drei Jahren den Verein „Käpt’n Kurt“ gegründet, der sich um freie Kulturprojekte kümmert und von der Aktion Mensch gefördert wird. Mit ihrer jüngsten Idee wollen die Initiatoren, zu denen auch Tanja Engel, Anselm Stählin und Pape Samba Ndiaye gehören, jungen Geflüchteten den Einstieg in den Arbeitsmarkt erleichtern.

"Die Politik ist leider wenig bemüht"

Der Anlass für das Weserholz-Projekt sei für Eickmann neben ihrer damaligen beruflichen Situation vor allem die politische und gesellschaftliche Dringlichkeit gewesen. „Die Politik ist leider wenig bemüht, Perspektiven für diejenigen zu bieten, die bereits volljährig sind oder auch ohne Aufenthaltsgenehmigung“, findet die Master-Absolventin des Studiengangs Kunst- und Kulturvermittlung. „Da merkt man selbst, wie privilegiert man eigentlich ist“, sagt sie nachdenklich.

Für diese jungen Menschen gebe es in Deutschland einfach zu wenig Angebote oder eben nicht die passenden. Das habe sie selbst beobachtet, als sie vor mehr als zwei Jahren die Vormundschaft für einen unbegleiteten minderjährigen Flüchtling übernahm. Zwar gebe es eine Reihe von Projekten für Geflüchtete, wer allerdings keinen gesicherten Aufenthaltsstatus habe, gehe häufig leer aus, erläutert Eickmann das Problem. Diesen Menschen wollen die Weserholz-Macher mit ihrem Projekt unter die Arme greifen. Die Fördersumme der Aktion Mensch habe es ihnen nun ermöglicht, mit der Werkstattarbeit in Walle zu beginnen.

Die Initiatoren setzen bei ihrem Projekt, das sich ausdrücklich auch an Frauen richtet, auf drei Komponenten: Kreation, Vermittlung und Unterricht. Sechs junge Männer, die unter anderem aus Gambia, Somalia und Afghanistan stammen, nehmen seit November an dem Traineeprogramm von Weserholz teil. Die Verantwortlichen sind eng mit Vereinen wie Fluchtraum oder dem Bremer Rat für Integration vernertzt sowie mit verschiedenen Wohnheimen.

Über diese Kontakte seien sie auch an ihre jetzigen Teilnehmer gekommen. Rund 20 Stunden wöchentlich sind diese in der Werkstatt tätig, in denen ihnen handwerkliche Fähigkeiten vermittelt werden sollen. Dabei sollen die jungen Geflüchteten auch ihre Handwerkskenntnisse aus den Heimatländern einbringen. „Auch wir lernen dabei wahnsinnig viel“, berichtet Eickmann.

Interaktion in der Werkstatt festige die Deutschkenntnisse

Neben der gemeinsamen Entwicklung von Möbelstücken gehe es darum, das Talent der Teilnehmer individuell zu fördern. Zuerst können die jungen Geflüchteten in sechs Wochen Praktikum testen, ob das Projekt zu ihnen passt. Begleitend dazu gibt es 15 Stunden pro Woche berufsspezifischen Deutschunterricht – mitfinanziert vom Sozialressort. Hier gehe darum, die jungen Erwachsenen in ihrer Selbstständigkeit zu fördern. Auch die Interaktion in der Werkstatt untereinander festige die Deutschkenntnisse, ist Eickmann überzeugt: „Sprache lernt man vor allem durch gemeinsames Tun.“

Trotz seines gesellschaftspolitischen Ansatzes sieht sich Weserholz nicht als reines Sozialprojekt. Die Menschen sollen die fertigen Möbel wegen des Designs kaufen, so das Ziel. „Wir haben den Anspruch, qualitativ hochwertige Sachen zu machen, die man kauft, weil man sie ansprechend findet“, sagt Eickmann. Kreativität waren sie bereits, als sie im April mit jungen Geflüchteten eine mobile Küche bauten, die unter anderem in der Neustadt auf dem Lucie-Flechtmann-Platz im Einsatz war.

Nun steht sie in der Werkstatt, um darauf täglich zu kochen. Im Sommer präsentierte Weserholz dann auf dem Kulturfestival „Millerntor Gallery“ einen selbst entworfenen Steckhocker. Der Wunsch der Initiatoren ist es, die in Walle designten und gefertigten Möbel irgendwann überregional – und vielleicht sogar international – zu vermarkten.

Auch Workshops mit internationalen Designern sind geplant. „Wir wollen nicht nur für uns muddeln“, betont Paula Eickmann. So ist auch schon Bayern auf den Geschmack gekommen. Denn gerade erst im November erhielt Weserholz vom bayerischen Landtag den mit 25 000 Euro dotierten „Hidden Movers Award 2017“. So preiswürdig kann es ruhig weitergehen.

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