Möglicher Weltraumbahnhof in Deutschland

Wie Raketen aus der Nordsee starten könnten

Von einer Plattform in der Nordsee könnten künftig Raketen ins All starten. Bundesländer wie Bremen und Niedersachsen könnten davon profitieren. Doch es gibt Konkurrenz.
24.06.2020, 05:00
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Wie Raketen aus der Nordsee starten könnten
Von Stefan Lakeband
Wie Raketen aus der Nordsee starten könnten

So könnte ein Startplatz in der Nordsee aussehen: Bis 1988 hat Italien die San-Marco-Plattform vor der Küste Kenias betrieben, die aus zwei ausrangierten Bohrinseln bestand. Das Bild aus dem Jahr 1974 zeigt sie mit einer Scout-B1-Rakete.

NASA

Wer den Mars erobern will, der muss erst einmal aufs Wasser. Diesen Plan verfolgt zumindest Milliardär und SpaceX-Gründer Elon Musk. Vergangene Woche schrieb er auf Twitter, dass sein Unternehmen schwimmende Raketenstartplätze bauen wolle, um Hyperschallreisen zum Mars, Mond und um die Erde zu ermöglichen. Musk, der mal als Visionär, mal als Fantast bezeichnet wird, folgt damit einem Trend, der nicht ganz neu ist. Auch in Deutschland könnten bald schwimmende Raketenstartplätze entstehen. Genauer: in der Nordsee.

Unterstützt wird diese Idee unter anderem von der Wirtschaft. „Eine deutsche Offshore-Startplattform für kleine Trägerraketen ist technisch machbar, strategisch und wirtschaftlich sinnvoll“, sagt Matthias Wachter vom Bundesverband der Industrie (BDI). Und: Der Bedarf sei auf jeden Fall da. Mit der Rocket Factory Augsburg, Isar Aerospace und Hyimpulse gebe es drei deutsche Start-ups, die einen Micro-Launcher, also eine Rakete im Kleinstformat, entwickelten. Sie stellten sich die Frage, sagt Wachter: „Wo können wir starten?“

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Ob die Nordsee dafür ein geeigneter Standort ist, das lässt das Bundeswirtschaftsministerium aktuell untersuchen. Eine erste Antwort hat bereits die Rocket Factory Augsburg geliefert, eine Tochterfirma des Bremer Raumfahrtunternehmens OHB. In einer eigenen Untersuchung haben sich die Macher zwei mögliche Startplätze auf dem Meer angeschaut und ihre Vor- und Nachteile abgewogen. Wie weit ist der nächste Hafen entfernt? Welche Landmassen werden beim Start überquert? Durch welchen Luftraum fliegen die Raketen?

Laut Studie, die dem WESER-KURIER vorliegt, sind die Standorte in der Nordsee besonders gut geeignet, um Raketen in die polare und die sonnensynchrone Umlaufbahn zu bringen. „Offshore-Plattformen haben den Vorteil, dass sie optimal für den Start ausgerichtet werden können“, sagt BDI-Mann Wachter.

Schwimmende Insel oder fest verankerte Plattform

Es gibt verschiedene Ansätze, wie der Weltraumbahnhof auf dem Wasser aussehen kann. Wie bei einer Ölbohrinsel könnte es sich um eine fest mit dem Meeresboden verankerte Plattform handeln. Bis 1988 hat Italien vor der Küste Kenias mit der San-Marco-Plattform eine solche Einrichtung betrieben. Alternativ könnten die Kleinraketen auch von schwimmenden Inseln starten, die von einem Schiff an die gewünschte Stelle auf See gezogen werden könnten – so hat China es vergangenes Jahr gemacht. Die dritte Möglichkeit ist ein Errichterschiff, das sich bei Seegang mithilfe von großen Stützen auf dem Meeresgrund stabilisieren kann.

„Das ist eine Riesenchance für die Küstenländer. Durch den Ausbau der Windindustrie ist die Infrastruktur bereits vorhanden“, sagt Wachter. So werden Errichterschiffer auch zum Bau von Windparks auf dem Meer benutzt, Häfen zum Verladen gibt es auch. Es sei nun an der Politik, zu reagieren. Wachter mahnt aber, nicht zu lange zu warten. Auch in anderen europäischen Ländern gibt es Bestrebungen, einen Weltraumbahnhof für Micro-Launcher zu bauen, etwa in Schottland und Schweden. Auch die Azoren, die zu Portugal gehören, sind im Gespräch. „Die Frage“, sagt Wachter, „ist nicht, ob ein europäischer Startplatz entsteht, sondern wo.“

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Es ist nicht das erste Mal, dass ein deutscher Weltraumbahnhof in der Diskussion ist. Erst vergangenen Herbst machte der BDI einen entsprechenden Vorstoß – und brachte so unter anderem den Flughafen Nordholz zwischen Bremerhaven und Cuxhaven ins Gespräch. Anders als bei den Offshore-Plattformen in der Nordsee sollen von dort aber Flugzeuge starten, an denen die Kleinraketen montiert sind. Diese sollen erst in der Luft zünden.

Studie des Deutschen Institut für Luft- und Raumfahrt

Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) kündigte daraufhin im Oktober an, so ein Projekt prüfen zu wollen. Auf Nachfrage heißt es aus dem Wirtschaftsministerium, dass das Deutsche Institut für Luft- und Raumfahrt in Braunschweig im Auftrag der Landesregierung Mecklenburg-Vorpommerns eine Studie durchführe, um die Machbarkeit eines Weltraumbahnhofs am Flughafen Rostock-Laage zu ergründen. Dieser Ort gilt neben Nordholz als ein weiterer Favorit für den Raketenstartplatz. „Die Ergebnisse der Studie liegen noch nicht vor“, teilt das Ministerium mit.

Auch im Flughafen in Nordholz ist die Vision eines Weltraumbahnhofs noch nicht weitergekommen – auch, weil die Corona-Krise dazwischenkam. Flughafenchef Thomas Lötsch sagt auf Nachfrage aber: „Das Thema spielt nach wie vor eine Rolle.“

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