Wirtschaft wächst in diesem Jahr um 3,5 Prozent / Bremen profitiert besonders vom Exportboom

Deutschland im XL-Aufschwung

Berlin. Die deutsche Wirtschaft kommt schneller aus der Krise als erwartet. In diesem Jahr wird das Bruttoinlandsprodukt um 3,5 Prozent steigen, 2011 um zwei Prozent, wie die führenden Forschungsinstitute in ihrem Herbstgutachten vorhersagen. Der Aufschwung gibt auch immer mehr Menschen Arbeit. Laut Prognose der Experten wird die Arbeitslosigkeit im kommenden Jahr unter drei Millionen sinken - das wäre der tiefste Stand seit 1992.
15.10.2010, 05:00
Lesedauer: 3 Min
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Deutschland im XL-Aufschwung
Von Norbert Holst

Berlin. Die deutsche Wirtschaft kommt schneller aus der Krise als erwartet. In diesem Jahr wird das Bruttoinlandsprodukt um 3,5 Prozent steigen, 2011 um zwei Prozent, wie die führenden Forschungsinstitute in ihrem Herbstgutachten vorhersagen. Der Aufschwung gibt auch immer mehr Menschen Arbeit. Laut Prognose der Experten wird die Arbeitslosigkeit im kommenden Jahr unter drei Millionen sinken - das wäre der tiefste Stand seit 1992.

'Die deutsche Wirtschaft ist auf einem guten Weg, den krisenbedingten Produktionseinbruch wettzumachen', heißt es im Herbstgutachten. Für dieses Jahr haben die Forscher ihre Wachstumsprognose von 1,5 Prozent deutlich auf 3,5 Prozent angehoben. Grund für diese unerwartet rasante Wiederbelebung der Konjunktur ist nach Darstellung der Institute, dass die weltweite Nachfrage nach Gütern aus deutscher Produktion seit Jahresbeginn erheblich zugenommen hat. Allerdings: Dieser Boom, der nicht zuletzt auf die Nachfrage aus Schwellenländern zurückzuführen sei, schwäche sich momentan ein klein wenig ab. Gleichzeitig habe sich jedoch die Binnennachfrage erhöht, der deutsche Verbraucher gebe wieder mehr Geld aus. Auch die Investitionen der Unternehmen in Deutschland hätten zugelegt.

Gute Aussichten für Bremen

Überraschend schnell habe Deutschland beim Export wieder die 'Rolle des Global Player übernommen', sagt Andreas Cors, Abteilungsleiter Wirtschaft im Statistischen Landesamt Bremen, der am Herbstgutachten beteiligt war. 'Das hat auch für das Land Bremen positive Effekte. Denn Bremen hat die höchste Exportquote aller Bundesländer.' Und Cors unterstreicht: 'Der Aufschwung steht auf zwei Beinen, das ist für Bremen ganz wichtig.' Denn die gute Konjunkturlage habe zu einer 'stärker steigenden Binnenwirtschaft' geführt, quasi als Vertrauensvorschuss hätten die Verbraucher den Konsum angeheizt, erklärt Cors, der für das Institut für Wirtschaftsforschung Halle (IWH) und für Kiel Economics an der Gemeinschaftsprognose mitgearbeitet hat. Er sieht auch für die Landeskasse Licht am Ende des Tunnels: Durch die Entwicklung dürften die Steuereinnahmen kräftig sprudeln.

Bundeswirtschaftsminister Rainer Brüderle bekam das Gutachten am Rande seiner Asien-Reise im japanischen Nagoya vorgelegt. 'Deutschland ist Aufschwungland', kommentierte der FDP-Politiker das Zahlenwerk. Er gehe von einem Anhalten des Aufschwungs aus, erklärte Brüderle. 'Alle Indikatoren sind so gestellt, dass wir weiteres Wachstum haben.' Offiziell geht die Regierung bislang noch von 1,4 Prozent Wachstum in diesem Jahr aus. Brüderle hatte inzwischen aber mehrfach erklärt, er rechne mit einem Wachstum von deutlich über zwei Prozent. Die Regierung stellt ihre Wachstumsprognose am kommenden Donnerstag vor. Vergangenes Jahr hatte es als Folge der Finanz- und Wirtschaftskrise noch ein Minus von 4,7 Prozent gegeben.

Bundeskanzlerin Angela Merkel hat die kräftige Wachstumsprognose als Rückenwind für ihren Stabilitätskurs begrüßt. 'Es gibt auch sehr optimistische Annahmen für den Arbeitsmarkt, das ist ja das Wichtigste für die Menschen', ging Merkel auf einer Veranstaltung des Ost-Ausschusses der Wirtschaft in Berlin auf das Gutachten ein. Die erfreulichen Prognosen seien eine Ermutigung 'für weitergehende Maßnahmen in Richtung auf Vertragsänderungen in Europa, damit der Stabilitäts- und Wachstumspakt umgesetzt werden kann'.

Für Michael Fuchs, stellvertretender Vorsitzender der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, 'ist Deutschland wieder die Wachstumslokomotive Europas geworden'. Das Wachstum der deutschen Wirtschaft liege deutlich über dem europäischen Durchschnitt.

Allerdings warnen die Gutachter auch vor möglichen Belastungen durch die internationalen Märkte. 'Die strukturellen Risiken sind noch nicht überwunden', heißt es in der Gemeinschaftsprognose. In Ländern wie Irland, Großbritannien und Spanien gebe es nach wie vor eine hohe Verschuldung, die sich negativ auf die deutschen Exporte auswirken könnte. Weitere Risikofaktoren sind nach Angaben der Autoren die nur zögerliche Erholung der US-Wirtschaft, eine mögliche Überhitzung der Wirtschaft in China und der Preisanstieg bei Rohstoffen.

Für 'Augenmaß' sprachen sich der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) und der Bundesverband der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA) in einer gemeinsamen Erklärung aus. 'Nur wenn der Kurs der angemessenen und differenzierten Tarifpolitik fortgesetzt wird, kann das Wirtschaftswachstum stabilisiert und weiter Beschäftigung aufgebaut werden.'

Maß halten solle auch die Bundesregierung, fordern die Gutachter. Sie solle am strikten Sparkurs festhalten. Bei einer soliden Finanzpolitik könne Deutschland mit 2,7 Prozent im kommenden Jahr wieder die Schuldengrenze des EU-Stabilitätspaktes einhalten.

Der SPD-Fraktionsvorsitzende Joachim Poß sieht die guten Wirtschaftsdaten vor allem als Chance. 'Deutschland hat jetzt Handlungsspielraum, um die großen Herausforderungen der Zukunft anzupacken.' Konkret nannte er unter anderem die finanzielle Gesundung der Kommunen, Investitionen in Bildung und Infrastruktur. Während FDP-Generalsekretär Martin Lindner die erfreulichen Prognosen als 'Früchte einer vernünftigen liberal-konservativen Politik' darstellt, sieht Poß das naturgemäß anders: 'Der Aufschwung des Jahres 2010 ist ein Geschenk, das die Bundesregierung ohne eigenes Zutun bekommt.'

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