Wofür steht Bremen? Teil 2: Wirtschaftssenator Martin Günthner fordert mehr Selbstbewusstsein "Die Bürger sind die Standortbotschafter"

Für Wirtschaftssenator Martin Günthner (SPD) ist gutes Standortmarketing eine Versicherung für die Zukunft. Dazu sollten die vorhandenen Strukturen besser vernetzt werden. Mit ihm sprach Günther Hörbst.Herr Senator, wie wird Bremen von außen gesehen?
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Von SPD

Für Wirtschaftssenator Martin Günthner (SPD) ist gutes Standortmarketing eine Versicherung für die Zukunft. Dazu sollten die vorhandenen Strukturen besser vernetzt werden. Mit ihm sprach Günther Hörbst.Herr Senator, wie wird Bremen von außen gesehen?

Martin Günthner: Besser, als es häufig von den Bremern selbst wahrgenommen wird. Die frühere EU-Kommissarin Danuta Hübner hat mir jüngst bei einem Gespräch in Brüssel gesagt, dass sie Bremen als bemerkenswerten Wissenschaftsstandort kennengelernt hat. Das zeigt mir: Was in Bremen gut ist, spricht sich rum. Daran müssen wir weiterarbeiten, um bei Entscheidern und Meinungsträgern noch mehr für Bremen zu werben. Wer nicht wirbt, der stirbt. Man muss aber wissen, wie groß die Konkurrenz ist: 19 Städte haben in Deutschland mehr als 300000 Einwohner, es gibt 16 Bundesländer, elf Metropolregionen und mehr als 5000 Marken mit einem Werbeetat von mehr als einer Million Euro.

Aber wie muss das Image des Standorts vermarktet werden, damit das außerhalb auch so wahrgenommen wird?

Wir sind ein profilierter Wissenschaftsstandort...

...aber weiß man das auch außerhalb?

Davon bin ich überzeugt, ja. Bremen ist ein Top-Wissenschaftsstandort und wird auch so wahrgenommen. Der große Unterschied besteht in dem Bild, das Bremen von sich selbst hat, und dem, wie es andere von außen wahrnehmen. Auswärtige nehmen Bremen als lebenswerte Stadt am Fluss wahr, in der Wissenschaft und Technologie gut aufgestellt sind.

Und genau diese Menschen sollen in die Stadt gelockt werden. Wie muss das Standortmarketing aussehen, damit noch mehr dieser Menschen nach Bremen kommen?

Wir müssen die vorhandenen Strukturen stärker vernetzen. Und wir müssen die Vorteile stärker herausstreichen. Vor allem auch innerhalb Bremens. Die besten Botschafter der Stadt sind zufriedene Bremer, die dann ihren Freunden in aller Welt erzählen, wie toll der Ort ist, an dem sie leben. Hilfreich ist dabei natürlich so etwas wie das aktuelle "Merian"-Heft über Bremen. Das werde ich übrigens an alle meine Wirtschaftsminister-Kollegen verschicken, damit die auch mal sehen können, welch herausragender Standort Bremen ist.

Die eine große Marketingkampagne für den Standort Bremen wird es also nicht geben?

Gutes Marketing besteht aus sehr vielen Bausteinen. Zu glauben, es gibt den einen großen Wurf - das kann am Ende nur scheitern. Stadtmarketing funktioniert anders als Produktmarketing. Es ist sehr viel differenzierter.

Ist also Ihrer Meinung nach der Einfluss der Politik darauf begrenzt?

Er ist zumindest nicht allumfassend. Es wäre doch naiv zu glauben, dass Bremen etwa anstelle von Daimler darüber entscheiden kann, wie mögliche Fachkräftepotenziale in der Zukunft gehoben werden können. Das funktioniert nur in Zusammenarbeit mit den Unternehmen. Wir haben etwa an den bremischen Hochschulen hervorragende Studenten. Es wird eine zentrale Aufgabe des Standortmarketings sein, diese jungen Menschen nach Bremen zu holen und nach dem Studium hier zu halten. Intelligentes Standortmarketing wirbt mit der Qualität unserer Hochschulen und Universitäten. Mit diesem Pfund können wir wuchern.

Wie kann man das anstellen?

Wir müssen es zum Beispiel schaffen, die Nähe, die Kooperation etwa mit der Jacobs University zu stärken. Das ist internationales Marketing. Dasselbe gilt für die Universität und den Technologiepark. Wir müssen darüber nachdenken, wie wir die Impulse, die in diesen Bereichen entstehen, verstärken. Rund um die Universität ist bereits ein richtiger Stadtteil entstanden. Wir müssen jetzt auch für Infrastruktur sorgen. Es fehlen dort etwa Einkaufsmöglichkeiten.

Wie muss gutes Standortmarketing für Bremen aber nun konkret aussehen?

Wir müssen die Qualitäten, die wir haben, besser miteinander verbinden und als Gesamtpaket vermarkten. Industriestandort, Wissenschaftsstandort, lebenswerte Stadt am Wasser, kurze Wege - all das hat Charme für Menschen, die hier arbeiten, forschen oder studieren wollen. Konkret könnte ich mir zum Beispiel gut vorstellen, dass wir ein jährliches Wissenschaftsfestival veranstalten, zu dem das Thema

unter verschiedenen Aspekten konzentriert dargestellt wird und das unsere

"Wissenswelten" - von Universum über Überseemuseum bis Klimahaus - ebenso einbezieht wie Hochschulen, Forschungsinstitute und Unternehmen, die hier bei uns Forschung und Entwicklung betreiben. Wir sollten jetzt anfangen, ein Konzept zu entwickeln, wie ein solches Festi- val 2012 überregional wahrnehmbar gestartet werden kann. Wir dürfen das Marketing aber nicht auf Wissenschaft und Tourismus verengen. Unser Standort lebt ökonomisch von den Themen Hafen, Logistik und Industrie. Das muss sich auch in unserem Image widerspiegeln. Deshalb werden wir im kommenden Jahr das Marketing für diesen Bereich zusammenfassen und stärken. Unsere Unternehmen sind kundenorientiert, effizient und innovativ. Mit den Unternehmen werden wir gemeinsam diese Botschaften international positionieren. Es ist eine sehr gute Erfahrung, dass dazu in Bremen und Bremerhaven alle wesentlichen Player am gleichen Strang ziehen.

Die Stärken stärken - das hört man immer. Was ist mit den Schwächen, die ausgemerzt werden müssen? Etwa das Image-Problem des Bildungssystems?

Die guten und sehr guten Schüler sind in Bremen genauso stark wie in Bayern. Wir haben auch hier sehr gute Angebote. Das ist nicht das reale Problem des Bildungsbereichs. Und das müssen wir auch vermitteln. Ansonsten gilt: Wir müssen aufpassen, dass wir uns in der Frage des Marketings nicht von Vorurteilen und fraglichen Einschätzungen leiten lassen. Bremen hat außerhalb ein ganz anderes Bild. Menschen, die nach Bremen gekommen sind, sind Feuer und Flamme für die Stadt und

ihren Arbeitgeber. Da spielen für diese Entscheidung ganz andere Kategorien eine Rolle. Es ist eine ganz individuelle Lebensentscheidung, in welche Stadt Menschen übersiedeln. Im nächsten Jahr geht zum Glück eine Einrichtung wieder gestärkt an den Markt, der wir viel positive Aufmerksamkeit und viele begeisterte Besuche zu verdanken haben: Die Kunsthalle feiert Neueröffnung im Sommer und wird mit der Munch-Ausstellung ab Spätherbst wieder Furore machen - ein gemeinsamer Schwerpunkt des Stadtmarketings.

Aber es gibt doch den Wettbewerb um die besten Köpfe. Bremen muss in diesem Wettbewerb doch mitmachen.

Ja. Und das können wir auch. Denn hier gibt es jede Menge beste Köpfe. Die sind doch hier, weil sie in Bremen tolle Arbeitsmöglichkeiten haben, sich hier wohlfühlen. Wie ist sonst erklärbar, dass München, Hamburg und Bremen laut einer Studie des Instituts für Arbeitsmarkt und Berufsforschung die einzigen deutschen Großstädte sind, wo mehr Hochqualifizierte zu- als weggezogen sind: Auch Bremen ist ein Mekka der klugen Köpfe.

Dann muss Standortmarketing also über diese Köpfe laufen? Sozusagen als inoffizielle Standortbotschafter Bremens?

Diese Menschen sind Standortbotschafter. Das sollten wir systematischer nutzen. Wir müssen aus uns heraus die guten Botschaften verbreiten. Wenn wir Haushaltsnotlage zum bremischen Markenkern machen, kann sich kein positives Bild ergeben. Wir müssen aus den vorhandenen Stärken neue Stärken entwickeln. Es gibt unglaublich viele Kompetenzen auf vielen Feldern. Das beeindruckt Menschen.

Wie macht sich Bremen dabei? Verkauft sich Bremen gut?

Die Stadt macht das viel besser als noch vor einigen Jahren. Reden und werben für die Stadt - das ist das beste Marketing. Selbstverständlich muss das durch professionelles Marketing begleitet werden. Das funktioniert aber gut. Bremen gilt in Fachkreisen als eine der bestgeführten städtischen Marken in Deutschland. Um diesen Standard halten zu können, dürfen Marketingmittel nicht weiter gekürzt werden. Um das Marketing auszubauen, sollten auch Allianzen geschmiedet werden, um zusätzliche private Mittel zu gewinnen. Wenn die Wirtschaft und die öffentliche Hand mit gleichem Verständnis am gleichen Strang ziehen, können wir viel erreichen.

Morgen lesen Sie ein Interview mit dem Design-Professor und Unternehmer Detlef Rahe.

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