Arbeitsmodell im Netz

Die digitalen Wanderarbeiter

Immer öfter zerlegen Unternehmen ihre Arbeiten in kleine Projekte und vergeben sie über Online-Plattformen an Freiberufler. Die Crowdworker arbeiten selbstbestimmt, heißt es. Doch zu welchem Preis?
12.10.2017, 06:14
Lesedauer: 5 Min
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Die digitalen Wanderarbeiter
Von Nico Schnurr
Die digitalen Wanderarbeiter

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Silas Stein, dpa-tmn

Bremen. Für einen Abend im Sommer 2016 blieben die Londoner hungrig. Zumindest all jene, die gehofft hatten, dass ihr Abendessen auf zwei Rädern zu ihnen rollen würde. Wer beim Essenslieferanten Deliveroo bestellt hatte, musste auf Pizza oder Pasta verzichten. Die Fahrer ließen das Essen stehen. Statt mit einer beladenden Thermobox auf dem Rücken kurvten sie in Kolonne mit einer ordentlichen Ladung Wut im Bauch durch den Londoner Abendverkehr in Richtung Firmenzentrale.

Dort angekommen, hupte die in grau-türkisen Konzernfarben uniformierte Roller-Schar einen Manager aus dem Büro. Der versuchte, zu beschwichtigen, bot Einzelgespräche an, man könne sich doch mal zusammensetzen, in aller Ruhe drüber reden. „No, no, no“, donnerte es ihm entgegen. Keine Einzelgespräche, alle wollten doch das Gleiche, schimpfte ein Fahrer. Einen Stundenlohn von acht Pfund.

Klassischer Streik, oft so gesehen, kennt man. Könnte man meinen. Dabei war der Protest vor dem Londoner Deliveroo-Gebäude ein Arbeitnehmerstreik ohne klassische Arbeitnehmer. Genau genommen waren die aufgebrachten Lieferanten nicht einmal Kollegen, der gleichen Uniform zum Trotz. Und der Manager, den sie anbrüllten, war nicht ihr Vorgesetzter. Vor dem Firmensitz hatten sich lauter Geschäftsleute in eigener Sache eingefunden. Eine Ansammlung von Ein-Mann-Unternehmen.

Entsteht ein digitales Prekariat?

Denn die Fahrer sind Selbstständige, die mit dem Konzern, vor dessen Gebäude sie sich aufgebaut hatten, nur eines verbindet: Die App, die sie dirigiert. Das Programm, das sie auf Knopfdruck losschickt und durch die Straßen Londons lotst, immer wenn an irgendeinem Restaurant ohne eigenen Lieferservice irgendein Essen abgeholt und zu irgendwem nach Hause gebracht werden soll.

Täglich tragen die Lieferanten in London und anderswo eine Arbeitsform auf die Straße, die sich ansonsten meist vor Laptops, in Wohnzimmern oder Cafés abspielt. Auf ihren selbstgekauften Rädern und Rollern, in ihren pinken oder grau-türkisfarbenen Uniformen verkörpern sie ein Modell, das sich Plattform-Ökonomie nennt.

Das Prinzip: Selbstständige Auftragnehmer finden ihre Arbeit über Online-Plattformen, die als Auftragsvermittler auftreten, sie stellen Arbeitsmittel wie etwa Fahrräder selbst, haben selten Einfluss auf die Preisgestaltung und zahlen keine Sozialabgaben. Seit dem Streik der Londoner Deliveroo-Fahrer im Sommer 2016 hat sich dieses Arbeitsmodell rasant verbreitet.

Immer häufiger zerlegen Unternehmen ihre Arbeiten in kleine Projekte und vergeben sie über Online-Plattformen an die Masse im Netz, die sogenannte Crowd. Die Menschen, die solche Aufgaben als Selbstständige erledigen, werden Crowdworker genannt. Inzwischen gibt es kaum eine App, die nicht von ihnen getestet wurde. Kaum eine Produktbeschreibung in Online-Shops, die nicht von ihnen stammt. Kaum ein Bild im Netz, das nicht von ihnen verschlagwortet wurde.

Über 30 solcher Crowdworking-Plattformen sind bereits in Deutschland gemeldet. Rund eine Million Deutsche arbeiten schon auf diese Weise, schätzt die IG Metall. Annette Szgefü, Sprecherin des IG-Metall-Vorstands, nennt das eine „radikale Verlagerung der Arbeit“. Sie warnt davor, „dass Crowdworking den Sozialstaat aushöhlt“.

Die Gewerkschaft fordert, dass die Crowdworker für Honorare arbeiten, die wenigstens dem gesetzlichen Mindestlohn entsprechen. „Wir wollen dieses Arbeitsmodell nicht verteufeln, aber wir müssen dahin kommen, dass auch Crowdworker sozialversichert sind“, sagt Szegfü.

Andernfalls, so die Befürchtung mancher, könnten die Plattformen eine Art „Online-Taylorismus“ befördern: digitale Wanderarbeiter, selbstständig, ohne klassischen Arbeitsschutz, die von einem schlecht honorierten Auftrag zum nächsten tingeln, sich von Monat zu Monat hangeln. Auf diese Weise könnte ein digitales Prekariat entstehen.

Schon jetzt lagern große Unternehmen wie zum Beispiel Airbus, Adidas, die Telekom, BMW oder Volkswagen Teile ihrer Arbeiten an externe Plattformen aus. Die Vermittlerseiten bieten ihnen Zugang zu einer großen Masse an Menschen. Konzernen gibt das die Chance, Datenmengen bearbeiten zu lassen, die sie mit ihren eigenen Ressourcen oft nicht bewältigten könnten.

Das Versprechen an die Crowdworker lautet: maximale Freiheit. „Wir bieten absolute Selbstbestimmung. Jeder kann bei uns frei entscheiden, wann und wo er wie viel arbeitet“, sagt Hans Speidel. Er ist Geschäftsführer der Plattform Crowd-Guru, das Berliner Unternehmen gehörte zu den ersten Crowdworker-Vermittlern in Deutschland. Über 50 000 Nutzer sind inzwischen auf der Plattform registriert, Crowd-Guru zählt zu den Marktführern. Speidel schätzt, dass einige Tausend Crowdworker im Monat aktiv auf seiner Seite arbeiteten. „98 Prozent von ihnen sind nebenberuflich tätig“, sagt Speidel. „Das sind vor allem Menschen, die sich ein paar Euro dazuverdienen und Leerläufe füllen wollen.“

Speidel sagt auch, dass er nicht unbedingt empfehlen würde, Crowdworker in Vollzeit zu werden. Sicher, es gebe unterschiedliche Arten von Aufgaben. Manche seien repetitives Rumklicken, das könne man gut nebenbei machen, während der Fernseher läuft. Andere Aufgaben wiederum erforderten mehr Eigenleistung und Kreativität und würden besser bezahlt.

Für einen Großteil der Arbeiten, die sogenannten Mikrojobs, gelte aber: „Reich wird man damit nicht.“ Speidel hält die These vom digitalen Prekariat dennoch für „überzogen und überdramatisiert“. Crowdworking werde weiter wachsen, aber die Zahlen zeigten schon jetzt: „Das wird nicht die alleinige Zukunft der Arbeitswelt sein, sondern eher eine Nische bleiben.“

Noch habe das Crowdworking in Deutschland keine amerikanischen Ausmaße angenommen, glaubt IG-Metall-Sprecherin Annette Szegfü. Sie warnt dennoch vor einem weltweiten Kampf um die Klickjobs. „Da konkurriert jeder mit jedem, das ist ein globaler Wettbewerb, weil man als Crowdworker überall sitzen kann, egal ob in Berlin oder Bangkok.“

„Wirkliche Dumping-Honorare wie sie amerikanische Seiten gezahlt haben, also zwei Euro für eine Stunde Arbeit, gibt es im deutschen Crowdworking-Bereich noch nicht“, sagt auch Martin Krzywdzinski. Am Berliner Wissenschaftszentrum für Sozialforschung leitet er die Projektgruppe „Globalisierung, Arbeit und Produktion“ und forscht über Crowdworking.

Leitfaden als erste Lösung

Die Höhe der Honorare auf den Plattformen sei eng an die Arbeitsmarktlage geknüpft, sagt Krzywdzinski. Wegen der „recht guten Lage“ derzeit hätten Dumping-Angebote kaum eine Chance auf den Plattformen. „Die nimmt gerade niemand an.“ Trotzdem sagt der Experte: „Natürlich gibt es die Gefahr, dass unterhalb des Mindestlohnniveaus bezahlt wird.“

Damit das nicht passiert, hat die Branche vor kurzem Verhaltensmaßregeln eingeführt. Mit dem freiwilligen Abkommen verpflichten sich bislang rund ein Drittel der deutschen Plattformen, eine „faire Bezahlung“ zu garantieren. Auch Crowd-Guru-Chef Hans Speidel hat den gemeinsamen Leitfaden unterzeichnet. Er habe sich auch mit einem Teil seiner Crowdworker getroffen. Speidel habe hören wollen, was sie umtreibt. Inzwischen hat man bei Crowd-Guru Foren und Chatfenster eingerichtet, man wolle den Crowdworkern mehr Mitsprache einräumen, heißt es.

Für Sozialforscher Martin Krzywdzinski ist der Code of Conduct „ein erster Schritt, aber eben nicht mehr als eine freiwillige Selbstverpflichtung“. Bislang wissen auch die Wissenschaftler kaum, wie die vereinbarten Grundsätze umgesetzt werden. Krzywdzinski fordert deshalb mehr Transparenz von den Plattformen. Er wünscht sich eine detaillierte Auskunft über die Anzahl der tatsächlich aktiven Crowdworker und die Höhe ihrer Honorare.

„Wir müssen künftig die Frage, was einen Betrieb und was einen Arbeitnehmer ausmacht, neu diskutieren“, sagt Krzywdzinski. Er glaubt, die Gesellschaft stehe vor einem Balanceakt. „Es wird darum gehen, die Freiheit und Flexibilität der Crowdworker zu bewahren und gleichzeitig bestimmte Schutzrechte für sie einzuführen.“

Wie sehr Crowdworking in Zukunft die Arbeiswelt noch verändern wird, weiß Annette Szgefü nicht. „Das wäre Glaskugelschauen“, sagt die Gewerkschaftssprecherin. Sicher ist für sie nur: „Crowdworking ist kein Phänomen, das bald wieder verschwunden ist.“

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