Die Zukunft der Arbeit

Die Dystopie: Wenn alles schiefgeht

Die Arbeitswelt verändert sich rasanter denn je. In welche Richtung wird es gehen? Im ersten Teil blicken wir in die Dystopie, eine ungerechte Welt, in der Millionen Menschen arbeitslos werden.
15.12.2018, 00:05
Lesedauer: 5 Min
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Die Dystopie: Wenn alles schiefgeht
Von Patrick Reichelt
Die Dystopie: Wenn alles schiefgeht

Autos könnten in Zukunft fast komplett von Maschinen montiert werden.

dpa

Die Zukunft beginnt mit einem Blick in die Vergangenheit. In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts veränderte die industrielle Revolution das Leben der Menschen für immer. Angetrieben von technologischen Errungenschaften wie dem Webstuhl oder der Dampfmaschine entwickelten sich Technik, Wissenschaft und Wirtschaft explosionsartig weiter. Demgegenüber stand eine gesellschaftlichen Spaltung: Die reichen Unternehmer auf der einen Seite, das Arbeiterproletariat auf der anderen. Es kam zum Aufstand der sogenannten Maschinenstürmer: Sie zerschlugen die Webstühle und Dampfmaschinen, da sie ihnen die Arbeit wegnahmen und ihren sozialen Status gefährdeten. Der Fortschritt war aber längst nicht mehr aufzuhalten, Millionen Menschen wurden arbeitslos und verarmten, ehe sich die Gesellschaft langsam wieder erholte.

Laut den Internetpionieren Andrew McAfee und Erik Brynjolfsson ist diese Revolution mit dem digitalen Zeitalter zu vergleichen: „Computer und andere digitale Errungenschaften haben auf unsere geistigen Kräfte die gleiche Wirkung wie die Dampfmaschine und ihre Ableger auf die Muskelkraft.“ Die beiden Forscher des Massachusetts Institute of Technology (MIT) sprechen gar von einem neuen Maschinenzeitalter, das angebrochen ist. Wegbereiter dieser Revolution ist die künstliche Intelligenz, eine Technologie, die genau wie die Dampfmaschine unser Leben auf den Kopf stellen könnte. Der entscheidende Unterschied: Damals ersetzten Fließbandarbeiter viele gut qualifizierte Handwerker, es bildete sich eine Mittelschicht. Nun ist es umgekehrt: Die Nachfrage nach hoch qualifizierten Menschen war noch nie so groß, die Mittelschicht erodiert.

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Wir schreiben das Jahr 2035. Busfahrer, Kassierer, Fließbandarbeiter – Maschinen und ihre Algorithmen verdrängen die Arbeiter aus den Fabriken und verändern komplette Berufsgruppen und Branchen. Es trifft vor allem wenig qualifizierte Menschen aus der Mittelschicht, lange das Rückgrat der Wirtschaft, nun braucht sie die Gesellschaft nicht mehr. Wo früher noch Tausende Mitarbeiter an Autos werkelten, stehen nun vernetzte Roboter. Jedes einzelne Bauteil lässt sich digital verfolgen, fahrerlose Transportsysteme bringen die Teile termingerecht an den Ort, an dem sie Roboter zusammensetzten. Die wenigen Menschen, die in den sogenannten Smart Factories arbeiten, sind nur für Wartung und Überwachung zuständig. Die Montage übernehmen die Roboter. Der Traum des Autobauers Daimler, „die Produktion neu zu erfinden“, ist in Erfüllung gegangen, zulasten von Tausenden von Arbeitern.

Bereits früh erste Warnsignale

Bereits 2013 hatten die Wirtschaftswissenschaftler Carl Frey und Michael Osborne das Schreckensszenario verbreitet: 47 Prozent der Arbeitsplätze sind laut ihren Berechnungen durch die Digitalisierung bedroht und können in nicht allzu ferner Zukunft von Robotern und KI ersetzt werden. Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass die Forscher bei ihrer Datenanalyse selbst auf künstliche Intelligenz zurückgegriffen haben. Die Studie entstand an der renommierten Universität in Oxford, gilt mittlerweile aber als umstritten, da sie mehr auf subjektiven Einschätzungen beruht und weniger auf empirischer Forschung. Die Ergebnisse der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) wirken da realistischer: Bei durchschnittlich 14 Prozent der Berufe in den 32 untersuchten Mitgliedsstaaten ist eine Automatisierung sehr wahrscheinlich. Laut den Wissenschaftlern wird die Digitalisierung nicht alle Länder gleich hart treffen. Während in Norwegen nur wenige Arbeitsplätze betroffen sind, ist die Situation in Deutschland dramatischer: Gut 18 Prozent der Jobs sind hier hochgradig gefährdet, bei mehr als einem Drittel wird sich zumindest der Arbeitsalltag sehr stark verändern. Das liegt unter anderem daran, dass es in Deutschland große Industrien gibt, deren Prozesse sich leichter automatisieren lassen. Die Forscher machen aber klar: Bildung ist der Schlüssel, um die Menschen vor der Arbeitslosigkeit zu bewahren.

Bildung ist auch im Jahr 2035 ein wichtiges Thema, doch nur die Oberschicht kann sie sich leisten. Die Gesellschaft ist in zwei Klassen geteilt: Die Gutverdiener aus der Technologiebranche und die vielen Abgehängten. Diese verdingen sich als schlecht bezahlte Kindergärtner, Reinigungskräfte oder Pfleger. Jobs, bei denen sie häufig nur als Ergänzung humanoider Roboter dienen. Ihre Kinder haben keine Chance, diesen Teufelskreis zu durchbrechen: Wer einmal unten ist, bleibt dort. Auch für die Kinder der oberen Klasse ist der Weg vorgezeichnet: Über Eliteinternat und Privatuniversität geht es direkt in die neuen Berufe als Datenforscher, Roboteringenieur oder Interface-Designer. In den hoch technisierten Branchen ist mehr Geld zu verdienen als je zuvor. Doch das hat seinen Preis: Die Menschen arbeiten länger und vor allem überall, während der andere Teil der Gesellschaft fast gar keine Arbeit hat.

Gute Bildung ist entscheidend

Es wird die nächste große gesellschaftliche Herausforderung sein, eine Spaltung des Arbeitsmarkts zu verhindern“, sagt Frank Kirchner, einer der führenden KI-Forscher in Deutschland. „Besonders die Erziehung und Bildung unserer Kinder ist entscheidend. Hier muss massiv investiert werden. Da reden wir nicht über das Doppelte an neuen Lehrkräften, sondern vielleicht über das Zehnfache“, sagt der Informatiker vom Deutschen Zentrum für Künstliche Intelligenz in Bremen. Das Besondere an dieser Revolution sei ihre enorme Geschwindigkeit. „Die Umwälzungen werden auch Menschen treffen, die heute noch ganz normal in ihrem Beruf arbeiten.“ Gleichzeitig müssten Lehrer, Pfleger, aber auch Feuerwehrleute und Polizisten eine höhere Anerkennung erfahren. „Diese Berufe sind für unser Zusammenleben zentral. Vor allem müssen wir den Lehrern mehr Zeit geben, unsere Kinder individuell und sachgerecht auszubilden und auf die Welt vorzubereiten“, sagt Kirchner.

Vor allem fertigungstechnische Berufe sind gefährdet.

Vor allem fertigungstechnische Berufe sind gefährdet.

Foto: BCG

Viele Politiker und Experten tun das als Panikmache ab und verweisen auf die gute Konjunktur. Mit Blick auf den jüngsten Bericht der OECD scheint das sogar zu stimmen: Die Wirtschaft floriert, die Beschäftigung ist nicht nur in Deutschland auf Rekordniveau. Doch es gibt bereits erste Anzeichen für einen Abschwung, die Auftragslage sinkt – gerade in China, einem der wichtigsten Absatzmärkte. Hinzu kommt eine wachsende Polarisierung des Arbeitsmarkts. Laut OECD sinkt die Anzahl der Jobs für Menschen mit mittlerer Qualifikation, gleichzeitig steigt der Anteil der Hochqualifizierten und der Niedrigqualifizierten. Die Gesellschaft driftet auseinander. Jobs verlagern sich vom produzierenden Gewerbe hin zur Dienstleistungsbranche. Das Einkommensgefälle sei auf dem höchsten Stand seit 50 Jahren, warnt die OECD. Ähnlich sieht es beim Vermögen aus: Schon jetzt besitzen laut Bundesbank zehn Prozent der deutschen Haushalte 60 Prozent des Privatvermögens. Ein Fünftel hat dagegen fast nichts.

Maschinensturm 2.0

Weiter in die Zukunft, diesmal in das Jahr 2050. Das zweite Maschinenzeitalter hat das Leben der Menschen erneut schlagartig verändert. Angetrieben von technologischen Errungenschaften wie der künstlichen Intelligenz oder der Robotik entwickeln sich Technik, Wissenschaft und Wirtschaft explosionsartig weiter. Demgegenüber steht eine gesellschaftlichen Spaltung: Die reiche Tech-Elite auf der einen Seite, das Arbeiterproletariat auf der anderen. Es kommt zum Aufstand der Maschinenstürmer 2.0: Sie zerschlagen die Serverfarmen und Supercomputer, da sie ihnen die Arbeit wegnehmen. Doch der vermeintliche Fortschritt ist längst nicht mehr aufzuhalten. Oder?

Hier gelangen sie zum zweiten Teil "Wenn alles gut geht".

++ Lesen Sie hier alles zur Zukunft der Arbeit in unserem Dossier. ++

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