Firmen weiterhin von Männern dominiert

Die Frauenquote für Vorstände könnte kommen

50 zu 636 – so ist das Verhältnis von Frauen und Männern in der Vorstandsetage von Dax-Unternehmen in Deutschland. Der Anteil an Frauen steigt nur langsam an - auch in Bremen und Niedersachsen.
09.01.2018, 19:26
Lesedauer: 3 Min
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Von Melanie Reinsch und Lisa Boekhoff
Die Frauenquote für Vorstände könnte kommen

In Bremen ist Andrea Eck seit Jahren im Vorstand der BLG Logistics Group.

Frank Thomas Koch

Die gute Nachricht vorweg: Die sogenannte gläserne Decke in Vorstandsetagen bekommt Risse. Die schlechte Nachricht: Es sind nur kleine und wenige Haarrisse. Denn knapp drei Viertel der Vorstände sind weiterhin ausschließlich mit Männern besetzt. In 27 Prozent der 160 Dax-, MDax-, SDax- und TecDax-Unternehmen sitzt zumindest eine Frau – in gerade mal vier Unternehmen bekleiden mindestens zwei Frauen Vorstandsposten.

Zugegeben – der Anteil ist gestiegen von 6,5 auf 7,3 Prozent. In Deutschland sind insgesamt 50 Frauen durch diese gläserne Decke gestoßen. Im Jahr zuvor saßen lediglich 43 Frauen in Vorständen. Die Vorstandsetagen bleiben jedoch offensichtlich schwer zu durchdringende Männerbastionen. 2017 sind mehr Männer neu in die Vorstände gekommen – ihre Zahl stieg um zwölf auf 636.

Vorbildliche Telekommunikationsbranche

Zu diesem Ergebnis kommt die Prüf- und Beratungsgesellschaft Ernst & Young, die zwei Mal jährlich die Struktur der Vorstände prüft. Die Analyse zeigt, dass sich trotz öffentlicher Debatten und mit freiwilligen Quoten hier wenig ändert. Steigen die Zahlen weiterhin so langsam wie im vergangenen Jahr, dann dauert es statistisch gesehen bis zum Jahr 2038, bis zumindest ein Drittel Frauen Vorstandspositionen bekleidet – von Parität ist hier noch nicht einmal die Rede. Am vorbildlichsten ist die Telekommunikationsbranche, dort liegt der Frauenanteil mit 14 Prozent am höchsten. Am häufigsten arbeiten Frauen im operativen Bereich – in der Produktion oder in der Logistik.

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In Bremen hat die BLG Logistics Group mit Andrea Eck seit einem Jahr eine Frau im Vorstand – zum ersten Mal. Die Managerin ist für den Geschäftsbereich Automobile zuständig. Die Sparkasse Bremen oder die Bremische Volksbank, der Energieversorger SWB – viele große Unternehmen am Standort haben jedoch derzeit ausschließlich männliche Vorstände. In Oldenburg ist der Vorstand der EWE dagegen bald wieder komplett und erneut mit einer Frau besetzt: Marion Rövekamp wechselt aus dem Vorstand der Bahn-Tochter DB Regio zum Energieunternehmen und wird dort Personalvorstand. Die Hamburger Hafen und Logistik AG (HHLA) setzt schon seit einem Jahr mit Angela Titzrath auf eine Frau – erstmals ganz an der Spitze als Vorstandschefin.

Freiwillige Quoten wirken kaum

„Die aktuellen Zahlen zu Frauen an der Spitze deutscher Unternehmen geben keinen Anlass zum Jubeln“, sagt Birgit van Aken, Landesvorsitzende des Verbands deutscher Unternehmerinnen in Bremen-Weser-Ems, zum Ergebnis. Bei drei von vier Dax-Unternehmen sitze keine Frau im Vorstand, daran hätten auch das Quotengesetz für Kontrollgremien und freiwillige Quoten nichts geändert. Die Vorsitzende fordert: „Diese Unternehmen müssen dringend an ihrer Unternehmenskultur sowie ihren Einstellungs- und Beförderungsprozessen arbeiten.“

Die Untersuchung zeigt: Freiwillige Quoten scheinen kaum etwas zu bewirken. Ganz anders sieht es inzwischen in den Aufsichtsräten aus. Seit Einführung der Quote steigt der Frauenanteil hier stetig an – und damit hat sich auch das Denken in den Chefetagen verändert. So sitzen in den Dax-Unternehmen inzwischen fast zu einem Drittel Frauen in den Aufsichtsräten. Seit Anfang 2016 gilt für neu zu besetzende Aufsichtsratsposten in börsennotierten und voll mitbestimmungspflichtigen Unternehmen eine Quote von 30 Prozent.

Gesetzlich verpflichtende Quote

So eine gesetzlich verpflichtende Quote könnte auch für die Vorstandsetagen bald kommen, wenn sich weiterhin so wenig ändert und Unternehmen Frauen nicht genügend fördern. Das hatte unter anderem die geschäftsführende Familienministerin Katharina Barley (SPD) in der Vergangenheit immer wieder betont. Kommt die Große Koalition zustande und bliebe Barley zudem im Amt, wird die Quote sicherlich bald auf der Agenda stehen. Barley gab der Wirtschaft eine Frist von einem Jahr, eine angemessene Quote zu schaffen, sonst käme das Gesetz und kritisierte, die Selbstverpflichtung bringe offenbar nichts.

Dass eine Quote auch für den Vorstand zur Debatte stehen könnte, dagegen will die Bremer BLG etwas tun. Sprecher Andreas Hoetzel kommentiert: „Wir hoffen sehr und arbeiten fleißig daran, so vielfältig aufgestellt zu sein, dass uns keine Quote dieser Welt dazu nötigen kann, etwas zu tun, was wir nicht für sinnvoll halten.“

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