Made in Bremen

Die Kunst des Stapelns

Die Europalette hat den Güterverkehr revolutioniert. Das Bremer Paletten-Kontor in Stuhr stellt seit 1995 Paletten her. Über eine Million Exemplare werden jährlich verkauft.
05.01.2019, 21:06
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Von York Schaefer

Als die europäischen Eisenbahnunternehmen 1961 die genormte Europalette erfanden, war das ein Quantensprung für den Gütertransport und ein Vorläufer nachhaltigen Wirtschaftens. Seit 1995 setzt auch das Bremer Paletten-Kontor in Stuhr auf die Bretter, die die Welt bewegen und wertvollen Stauraum schonen.

Das Familienunternehmen in zweiter Generation mit 20 Mitarbeitern und einem Jahresumsatz von 5,5 Millionen Euro verkauft jährlich über eine Million verschiedenste Palettensorten, davon etwa 750 000 Einwegpaletten aus eigener Produktion.

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Nina Monsig, 39 Jahre alt, gelernte Groß- und Außenhandelskauffrau, ist eine einfühlsame Geschäftsführerin. „Wenn die Palette reden könnte, hätte sie einiges zu erzählen“, sagt sie über das Produkt ihrer Firma. Sechs Jahre ist eine Europalette im Schnitt unterwegs, quer durch Deutschland und den Rest Europas, bevor sie nach ihrem mit bis zu 1500 Kilo belasteten Dasein auf Lastwagen und Güterzügen, in Kleintransportern und Supermärkten, Werkshallen und Fabriken verschlissen ist. Die Europalette ist der Streuner und der Kraftprotz unter den Transportmitteln, mit ähnlich großer Bedeutung für das Transportwesen wie der Container.

Fast alles wird auf einer Palette bewegt

„Fast alles im Waren- und Güterverkehr wird auf einer Palette bewegt“, weiß Firmenchefin Monsig. Das Unternehmen beliefert Großkunden wie Möbelhäuser, Reifenproduzenten, Autobauer und Kunden aus der Lebensmittelindustrie, aber auch mittelständische Unternehmen wie Schlossereien und Speditionen. Mit drei eigenen 40-Tonnern ist man 350 Kilometer rund um den Standort Stuhr unterwegs.

In der Firmenzentrale des Bremer Paletten Kontors, einem rötlich geklinkerten Flachdachgebäude im Gewerbegebiet Stuhr, hängt neben moderner Kunst auch eine Europalette zur Dekoration an der Wand. „Wichtig ist das spezielle Nagelbild“, erklärt Firmenchef a. D. Werner Monsig, der noch als Teilhaber am Unternehmen beteiligt ist.

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Jeweils vier Nägel in den äußeren Deckbrettern und drei in den inneren geben der Konstruktion ihre erstaunliche Widerstandskraft. Sieht das Nagelbild anders aus, kann man von einer Fälschung ausgehen, von denen früher Millionen im Umlauf waren, vor allem aus Osteuropa. „Heute hat man dieses Problem aber dank besserer Kontrollen ganz gut im Griff“, erklärt Nina Monsig, die vor zehn Jahren die Geschäftsführung von ihrem Vater übernommen hat.

Starke Konkurrenz

Seit die Europalette erfunden wurde, richtet sich alles nach ihren Maßen: die Ladeflächen der Lkw, die Verpackungsmaschinen der Hersteller, die Hochregallager beim Zwischenhändler und die Verkaufsräume im Supermarkt. Der Clou aus ökonomischer und ökologischer Sicht: Die Europalette ist austauschbar und muss bei Anlieferung nicht sofort entladen werden. Bei Bedarf kann ein Auslieferer leere Paletten wieder mitnehmen. Etwa 400 Millionen Europaletten sind weltweit unterwegs, in Deutschland dürften es um die hundert Millionen sein.

Auf dem 14 000 Quadratmeter großen Firmengelände in Stuhr stapeln sich die 20 bis 24 Kilo schweren Holzgebilde meterhoch auf. 100 000 Paletten gehören zum ständigen Lagerbestand des Unternehmens. Sogenannte erste Wahl-Paletten, für abgepackte Lebensmittel oder Produkte der Hygieneindustrie. Scharfkantig, nur leicht dunkle Färbung, ohne Absplitterungen. „Geeignet für jedes Hochregallager“, erklärt Werner Monsig. Gegenüber stehen Exemplare der zweiten Wahl: dunkler gefärbt, mit sichtbaren Gebrauchsspuren, geeignet zum Beispiel als Tauschpalette für Speditionen.

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Beim Bremer Paletten-Kontor setzt man inzwischen allerdings deutlich weniger auf die Europalette. Die Konkurrenz ist stark, in Ostdeutschland produziert ein Mitbewerber allein bis zu 5000 Stück pro Tag, mit entsprechenden Kampfpreisen. Lange Jahre hatten die Stuhrer eine eigene Produktionshalle in Hodenhagen, 2017 wurde sie verkauft. „Damit ließ sich kein Geld mehr verdienen“, sagt Werner Monsig in aller Deutlichkeit. Und: „Der Zukauf ist deutlich günstiger“.

Man setzt auf Sonderanfertigungen

Nun setzt man in Stuhr viel auf Sonderanfertigungen wie Pressholzpaletten für den Export oder abwaschbare Exemplare aus Kunststoff für die Fleischindustrie. In der Werkshalle zeigt Monsig Senior auf einen Stapel Holzaufsteckrahmen, die Verpackungsfirmen, zum Beispiel in der Windindustrie, nutzen oder wie man sie für Hochbeete auch in der Bremer Innenstadt findet. Immerhin 50 000 Stück davon verkauft das Unternehmen pro Jahr.

Stärkstes Geschäftsfeld ist inzwischen die Produktion von Einwegpaletten an einer eigenen Palettenstraße. Vier Mitarbeiter arbeiten dort, die vier Paletten pro Minute produzieren. Eines haben Einweg-, Kunststoff- oder tauschbare Europalette gemeinsam: Sie sind trotz simpler Konstruktion als wichtigstes Transportmittel neben dem Container vielseitig einsetzbar. Und auch gegenüber neueren Entwicklungen erweist sich dieser Klassiker des Industriedesigns als widerständig. Die Idee, Paletten mit Funkchips zur elektronischen Nachverfolgung zu entwickeln, hat sich bisher nicht durchgesetzt.

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