Statistik

Die unterschätzte Inflation

Besonders in Berlin, Bremen und anderen Großstädten steigen Preise schneller als von der offiziellen Statistik angezeigt.
08.01.2018, 22:42
Lesedauer: 2 Min
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Von Markus Sievers
Die unterschätzte Inflation

Es wirkt sich spürbar aus, wenn Mieten nicht korrekt erfasst werden.

dpa

So manchen Verbraucher wundert es, wenn Notenbanker über die notorisch niedrige Inflation klagen. Beim Einkauf an der Käsetheke, bei der Fahrt an die Tankstelle und erst recht bei der Wohnungssuche spüren die Bürger, dass die Kosten kräftig zunehmen. Nun beschleicht auch Ökonomen das Gefühl, dass die amtliche Statistik die tatsächliche Inflation nur unzureichend beschreibt. Gerade in Berlin, Bremen und anderen Großstädten könnte das Leben deutlich schneller teurer werden als es die offiziellen Angaben besagen, meint Jochen Möbert von der Deutschen Bank.

Denn in diesen Berechnungen tauche das Hochschnellen der Mieten nicht auf. Doch Mieten machen einen großen Anteil an den Gesamtausgaben eines Privathaushaltes aus. Daher wirkt es sich spürbar aus, wenn sie nicht korrekt erfasst werden. „Dies gilt besonders für Berlin“, so Möbert. „Folglich dürfte dort, und weniger ausgeprägt auch bundesweit, die offiziell gemessene Preisentwicklung die tatsächliche Inflation insgesamt unterschätzen.“

So stiegen die Nettokaltmieten laut dem Berliner Landesamt für Statistik seit 2009 um rund 16 Prozent und im vergangenen Jahr um etwa zwei Prozent. Die vielen Menschen auf Wohnungssuche dürften über solch maue Aufschläge ungläubig staunen, vermutet der Bank-Volkswirt. Der alle zwei Jahre erscheinende Berliner Mietspiegel nähre diese Zweifel.

Demnach kletterten die Nettokaltmieten in der Hauptstadt zwischen 2008 und 2016 um etwa 45 Prozent – und damit dreimal so schnell wie in der Statistik zur Messung der Verbraucherinflation. Einen ähnlichen Trend zeigt die riwis-Datenbank an, die auch die Bundesbank für ihre Berichte über die Finanzmarktstabilität heranzieht.

Vergleichbare Abweichungen in Bremen

Tauscht man die Nettokaltmieten aus der offiziellen Verbraucherpreisstatistik gegen die Zahlen aus dieser Quelle, zeigt sich Erstaunliches. Dann hatten es die Berliner 2017 nicht mit einer Inflation von 1,5 Prozent, sondern von 3,1 Prozent zu tun. Die Preisentwertung lag so berechnet also mehr als doppelt so hoch.

Vergleichbare Abweichungen stellte Möbert auch für Bremen fest, wo die Marktmieten zuletzt doppelt so schnell angezogen seien wie die, die in den offiziellen Inflationsberechnungen ausgewiesen sind. Für die Stadtstaaten lässt sich dies besonders gut feststellen, da für die Bundesländer entsprechende Informationen vorliegen. Die Kölner, Münchner oder Frankfurter dürften unter ähnlichen Kaufkraftverlusten leiden.

Der Befund bedeutet freilich nicht, dass die amtliche Inflationsrate manipuliert ist. Wie jede Statistik ist sie weder falsch noch richtig, sondern gibt die Realität mehr oder wenig angemessen wider. Es kommt vor allem darauf an, sie korrekt zu interpretieren und ihre Grenzen zu kennen. Natürlich könnte man die Marktmieten heranziehen, um die Preisentwicklung zu ermitteln.

Problematik stellt sich in der gesamten Republik

Damit aber würde man das tatsächliche Mietwachstum überzeichnen, da diese Daten die Neuvermietung, aber nicht die Bestandmieten mit deutlich geringeren Steigerungsraten erfassen. So würde die Inflation überzeichnet, während sie nach dem heute üblichen Verfahren unterzeichnet wird. Zwar sind viele Menschen auf der Wohnungssuche – gerade die Großstädter ziehen häufig um. Aber die überwiegende Mehrheit lebt aber seit Jahren in denselben vier Wänden.

Bundesweit sieht es etwas entspannter aus als in Berlin oder Bremen. Und doch stellt sich die Problematik im Kern in der gesamten Republik. Insgesamt nahmen die Marktmieten von 2009 bis 2017 um fast 40 Prozent zu, während die offizielle Mietinflation bei zehn Prozent liegt. Auf Basis der Marktmieten ergibt sich eine bundesweite Inflation von 2,5 Prozent, die damit den amtlichen Wert um fast einen Prozentpunkt übertrifft.

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