Ein Werktag weniger pro Woche

Die Vier-Tage-Woche ist auch in Bremen ein Thema

Mehr Freizeit, weniger Arbeit: Weltweit wird über das Ende der Fünf-Tage-Woche diskutiert. Auch in Bremen machen sich Politik und Wirtschaft Gedanken über neue Arbeitszeitmodelle.
08.01.2020, 19:26
Lesedauer: 4 Min
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Die Vier-Tage-Woche ist auch in Bremen ein Thema
Von Stefan Lakeband

Für Ludwig Erhard war die Sache klar. Nur 40 Stunden in der Woche arbeiten? Luxus! Das könne sich die westdeutsche Wirtschaft nicht leisten, sagte der damalige Wirtschaftsminister 1955. „Es ist noch zu früh.“ Der Deutsche Gewerkschaftsbund sah das anderes. „Die Zeit ist reif“, lautete die Antwort. Und: „40 Stunden Arbeit sind genug!“

Wer wie lange arbeiten sollte, darüber lässt sich vortrefflich streiten. So war das vor 65 Jahren und auch heute ist das nicht anders – mit einem Unterschied: Die Befürworter für eine geringere Wochenarbeitszeit sitzen nicht mehr nur bei den Gewerkschaften, sondern kommen auch aus der Politik.

„Der Staat sollte sich raushalten“

Anfang der Woche fragte Sozialsenatorin Anja Stahmann (Grüne) auf Twitter, ob das Modell einer Vier-Tage-Woche nicht auch etwas für Deutschland wäre. Stahmann berief sich auf die finnische Ministerpräsidentin Sanna Marin. Sie hatte kurz zuvor für Aufsehen gesorgt, weil sie davon gesprochen haben soll, die Arbeitszeit zu reduzieren. „Ich glaube, die Menschen haben es verdient, mehr Zeit mit ihren Familien, Angehörigen, Hobbys und anderen Aspekten des Lebens wie der Kultur zu verbringen. Dies könnte der nächste Schritt für uns im Berufsleben sein“, soll Marin demnach gesagt haben.

Das Ganze stellte sich später als Missverständnis raus. So ein Vorhaben gebe es nicht, dementierte wenig später die finnische Regierung. Die reguläre Arbeitszeit beträgt – und das solle auch so bleiben – maximal acht Stunden pro Tag und 40 Stunden pro Woche. Aber einmal in der Welt hat sich die Idee verbreitet – und flexibles Arbeiten einige Anhänger gefunden. Eine von ihnen ist Arbeitssenatorin Kristina Vogt (Linke).

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„Aus meiner Sicht macht es durchaus Sinn, über neue Arbeitszeitmodelle nachzudenken“, sagt sie. „Dabei geht es aber weniger um die starre Einführung von Konzepten wie einer Vier-Tage-Woche, sondern darum, den Arbeitnehmern unterschiedliche Arbeitszeitmodelle und Formen zu ermöglichen.“ Unternehmen und Betriebsräte seien gut beraten, frühzeitig in den Dialog zu gehen. Den wolle ihr Ressort intensiv begleiten.

Cornelius Neumann-Redlin warnt vor zu viel Einmischung der Politik. Der Hauptgeschäftsführer der Unternehmensverbände im Lande Bremen sagt: „Der Staat sollte sich raushalten“ – und die Tarifparteien machen lassen. Eine Vier-Tage-Woche sieht er skeptisch: „Deutschland hat mit Sicherheit nicht das Problem, dass zu viel gearbeitet wird.“ Im Gegenteil: Internationale Vergleiche zeigten, dass andere Staaten fleißiger seien.

Für ihn sprechen zwei Punkte besonders gegen das Vier-Tage-Modell: Schon jetzt würden Unternehmen auf die Kosten eines Standortes schauen – das habe auch Bremen zuletzt zu spüren bekommen. Wenn die Beschäftigten weniger arbeiteten, dann würden die Ausgaben steigen und Unternehmen eventuell Deutschland verlassen. Gleichzeitig stünden schon jetzt viele Branchen in Deutschland vor dem gleichen Problem: dem Fachkräftemangel. Eine zusätzliche Verknappung der Arbeitszeit wäre da besonders verheerend.

Ein Versuch von Microsoft in Japan hat anderes gezeigt. Der IT-Konzern hat mit einer Vier-Tage-Woche experimentiert und alle 2300 Beschäftigten im August schon am Donnerstagabend ins Wochenende geschickt. Das Gehalt blieb dabei gleich. Das Ergebnis: Die Produktivität soll um 40 Prozent gestiegen sein. Wie diese genau gemessen wurde, ließ der Konzern offen. Microsoft hat nach eigenen Angaben dadurch jedenfalls Energie- und Druckkosten gespart – weil die Mitarbeiter seltener im Büro gewesen seien.

Werner Eichhorst rät dazu, solche einzelnen Experimente nicht zu überschätzen. Der Forscher am Bonner Institut für Arbeitsmarktökonomie IZA und Honorarprofessor an der Uni Bremen sagt, dass die Ergebnisse nicht eins zu eins auf andere Firmen übertragen werden könnten; sie geben lediglich Hinweise, welche Vor- und Nachteile eine Vier-Tage-Woche haben könnte.

Demnach könnte die Produktivität gleich bleiben – trotz verkürzter Arbeitszeit. Versuche hätten gezeigt, dass Beschäftigte ihre Aufgaben auch bei einer geringeren Stundenzahl erledigen könnten. Hinzu komme das Mehr an Freizeit, das Mitarbeiter motiviere und zu ihrem Wohlbefinden beitrage. „Man muss aber fragen, wie rentabel das Ganze ist“, sagt Eichhorst. Daran schließe sich die Frage nach dem Lohnausgleich an: Gleiches Gehalt bei weniger Arbeit könne zum Nachteil für die Unternehmen werden. Ähnliches gilt für zusätzliche Arbeitskräfte, die eventuell eingestellt und ausgebildet werden müssten.

"Letztendlich soll die Wirtschaft ja dem Menschen dienen"

Der Ökonom hält die Vier-Tage-Woche nicht für ein Modell, das auf die gesamte Wirtschaft angewendet werden kann. Die sei zu individuell dafür. Für möglich hält er es jedoch, wenn sich Firmen zusammen mit der Belegschaft auf neue Arbeitszeitmodelle einigen „Grundsätzlich sollten die wirtschaftlichen Effekte nicht im alleinigen Fokus stehen. Letztendlich soll die Wirtschaft ja dem Menschen dienen und nicht umgekehrt“, sagt der in Bremerhaven geborene Zukunftsforscher Ulrich Reinhardt.

Dabei könnte die Vier-Tage-Woche sogar ein Wettbewerbsvorteil für Unternehmen sein. Sie könnten mit einer besseren Work-Life-Balance werben und sich von Mitbewerbern absetzen. Das könnte wiederum viele Bremer Arbeitnehmer interessieren. Eine Umfrage der Arbeitnehmerkammer aus dem vergangenen Jahr zeigt, dass sich 45 Prozent der Vollzeitbeschäftigten weniger Stunden wünschten, 25 Prozent der Teilzeitbeschäftigten hingegen gerne mehr. Im Mittel lag die Wunscharbeitszeit bei 32,8 Stunden pro Woche.

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