Gespräch mit NordLB-Chefvolkswirt

„Dividende ist der neue Zins“

NordLB-Chefvolkswirt Torsten Windels ist seit der Fusion mit der Bremer Landesbank ein gefragter Mann in der Hansestadt. Warum er sich mehr Aufmerksamkeit für den Standort wünscht.
07.12.2017, 19:24
Lesedauer: 5 Min
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„Dividende ist der neue Zins“
Von Maren Beneke
„Dividende ist der neue Zins“

Torsten Windels beobachtet seine Heimat von Hannover aus. Mit der Entwicklung des Standorts ist er im Großen und Ganzen zufrieden.

Christina Kuhaupt

Herr Windels, Sie sind gebürtiger Bremer. Sind Sie nun wieder häufiger in Ihrer Heimatstadt anzutreffen?

Torsten Windels: Seit der Vollfusion von Bremer Landesbank (BLB) und NordLB bin ich natürlich öfter in Bremen. Zuletzt zu einer Tagung von Kunden und Experten im Bereich Agrarwirtschaft. Zum Ende des Jahres verlässt der bisherige Chefanalyst der BLB, Folker Hellmeyer, die Bank. Ich denke, dann wird es noch häufiger werden. Grundsätzlich bin ich immer dann da, wenn die BLB oder ihre Kunden mich brauchen.

In Ihrem Team, das sich um die Themen Kapitalmarktprognosen und Volkswirtschaft kümmert sind mehr als 40 Mitarbeiter. Wie sind Sie nach dem Zusammenschluss mit der BLB aufgestellt?

Lediglich ein Kollege aus Bremen ist zu uns nach Hannover gewechselt, ansonsten hat es kaum Veränderungen für uns gegeben. Eine eigene Analyseeinheit in dem Sinne hat es bei der BLB ja gar nicht gegeben, sondern Folker Hellmeyer und Moritz Westerheide sind mit ihrem umfassenden Wissen für die BLB aufgetreten.

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Was ändert sich denn für die Kunden? Die BLB war ja auch vor der Vollfusion schon Teil des NordLB-Konzerns?

Das stimmt, aber wir wurden nicht so häufig angefragt – das wird sich ändern. Mit 47 Mitarbeitern ist unsere Struktur sehr viel differenzierter als es die in Bremen war: Mein Team beschäftigt sich nicht nur mit der Analyse von Aktien, Fonds, Zinsen, Wechselkursen oder Renten, sondern auch mit Länderanalysen und regionalen Schwerpunkten sowie relevanten Bereichen wie eben Agrar.

Wie treffsicher waren Sie zuletzt mit Ihren Prognosen?

Im vergangenen Jahr waren wir bei Thomson Reuters auf Platz eins für die Euroland-Daten und in den letzten Jahren waren wir bei Euro am Sonntag immer unter den Top Drei in der Zinsprognose. Manchmal steht man besser, manchmal weniger gut da – das Schicksal teilen alle Analysten.

Für 2017 haben die meisten Volkswirte und Analysten prophezeit, dass es wegen der politischen Spannungen ein schwieriges Jahr werden würde. Politische Spannungen gab es, dennoch war es – zumindest für die deutsche Wirtschaft – ein gutes Jahr. Was haben Sie falsch gemacht?

Auch wir haben Populismus und Protektionismus als Hauptprobleme für 2017 ausgemacht. Leider deutet die angekündigte US-Steuerreform protektionistische Tendenzen an. Zudem erscheinen die Äußerungen von US-Präsident Donald Trump zu Jerusalem wenig konzeptbasiert. Sie sind für mich unverständlich und sehr risikoreich. Auch der Brexit bleibt weiter ein Risiko. Aus Bremen gehen 20 Prozent der Exporte nach Großbritannien und in die USA. Wenn dort Einbrüche drohen, trifft das Bremen empfindlich. Bislang hat die deutsche Wirtschaft aber immer hocheffizient und hochflexibel auf solche Schwierigkeiten reagiert. Zum Beispiel bei den Russland-Sanktionen. Deswegen mache ich mir auch keine allzugroße Sorgen.

Worüber machen Sie sich Sorgen? Dass es in Deutschland statt Jamaika wieder eine Große Koalition geben könnte?

Egal ob Jamaika, Große Koalition oder Minderheitsregierung: Wichtig ist, dass die Bundesregierung schnell wieder handlungsfähig ist. Auch, um europäische Reformen vorantreiben zu können. Momentan ist die Schwierigkeit, dass alle Parteien nur sagen, was sie nicht wollen, statt dass sie sagen, was sie sich denn vorstellen könnten.

Ist der Wirtschaft dieses politische Hickhack egal? Die Konjunktur brummt nach wie vor.

Die Konjunktur wird auch weiter rund laufen. Wir gehen für 2018 von einem Wirtschaftswachstum von 2,6 Prozent aus, die Inflation bleibt moderat und die Zinsen bleiben niedrig. Aber natürlich ist es den Unternehmen nicht egal, wie lange eine Regierungsbildung dauert. Die Verbände haben sich ja auch alle schon in die Richtung geäußert, dass schnell eine handlungsfähige Regierung her muss.

Gut zwölf Prozent hat der Dax 2017 dazugewonnen und immer wieder Rekordmarken geknackt. Wie weit kann es noch gehen?

In den vergangenen Jahren waren unsere Prognosen für den Dax immer vorsichtig. Dass der Index so schnell so hoch klettert, hätten wir nicht erwartet. Wir bleiben trotzdem weiter vorsichtig: Auch 2018 wird gut laufen, wir sehen keine Blasen, aber Risikolagen werden im kommenden Jahr mehr durchschlagen als 2017 – deswegen sind wir Ende 2018 auf dem selben Niveau wie jetzt.

Es gibt immer noch viele Sparer. Warum glauben viele Menschen den Prognosen von Chefvolkswirten und -analysten offenbar nicht?

Als Volkswirt kann ich da nur sagen: Wer sein Geld auf ein Sparbuch legt und sich über Nullzins beschwert, ist selber schuld. In diesem Jahr haben wir zum Glück gesehen, dass die Menschen sich bewegen, viele ihr Geld in Fonds investiert haben. Das macht Hoffnung, dass sich im Verständnis durchsetzt: Dividende ist der neue Zins, auch wenn dieser natürlich risikobehafteter ist.

Die großen Sprünge am Aktienmarkt sind aber vorbei – oder?

Davon gehe ich aus. Aber wer den Nullzins vermeiden will, muss ins Risiko...

...indem er zum Beispiel Bitcoins kauft. Da gab es zuletzt ja mal wieder einen Hype.

Von Bitcoins als Währung halte ich nicht viel. Währungen müssen stabil sein. Als Anlageobjekt sind Bitcoins viel zu klein, zu spekulativ, zu unübersichtlich, zu intransparent und zu kompliziert. Da würde ich lieber bei Gold zugreifen, der Markt ist organisierter. Der Versuch, Bitcoin als virtuelle Währung zu installieren, ist jedenfalls gescheitert, dafür sind die Schwankungen viel zu hoch. Übrigens: Um zu lernen, wie Bitcoins und die Technik dahinter funktionieren, können die NordLB-Mitarbeiter in der Hannoveraner Kantine auch mit Bitcoins zahlen. Davon profitieren manche, die noch zu einem guten Kurs gekauft haben, nun sehr (lacht).

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Sie setzen sich mit Ihren Analysten auch mit dem Thema Schiffe auseinander. Damit haben sich in der Vergangenheit sowohl BLB als auch NordLB verhoben. Wie werden sich die Märkte 2018 bewegen?

Wir sind verhalten optimistisch. Die Länge der Krise hat keiner von uns vorausgesehen. Was sich in diesem Jahr verändert hat, ist, dass die Zahl der Verschrottungen steigt, denn viele Schiffe haben ein entsprechendes Alter erreicht. Außerdem sind viele kleinere Reedereien verschwunden und die Neubauraten sind zurückgegangen. Diese Restrukturierungsphase wird noch ein wenig andauern, aber die Talsohle haben wir hinter uns.

Wie sehen Sie Bremen als Wirtschaftsstandort?

Von der Struktur her ist Bremen besser geworden. Nach dem Niedergang der Werften, aber auch mit den Veränderungen in der Brauerei- und Kaffeelandschaft hat das Land einen ziemlichen Knick bekommen. Bei den Unternehmensgründungen hinkt das Land immer noch ziemlich hinterher. Aber Bremen ist stark in der Raumfahrt, die Uni mit dem Technologiepark drumherum hat sich unheimlich gut entwickelt. Und mit Daimler gibt es einen großen Industriearbeitgeber, der mehr als 12 000 Jobs geschaffen hat – nur weiß da draußen leider kaum einer, wie gut der Wirtschaftsstandort Bremen wirklich ist.

Das Gespräch führte Maren Beneke.

Zur Person:

Torsten Windels wurde 1963 in Bremen geboren. Nach dem Studium der Wirtschaftswissenschaften in Hannover hat er in der volkswirtschaftlichen Abteilung der NordLB gearbeitet. Zwischenzeitlich war Windels für fünf Jahre in der Niedersächsischen Staatskanzlei als Referent für Wirtschaft, Technologie und Verkehr tätig. 1996 kehrte er schließlich zur NordLB zurück. Seit 2007 ist er dort Chefvolkswirt.

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