Chefin der Verbraucherzentrale

Dr. Annabel Oelmann: „Ich muss die Inflation schlagen“

Warum fürchten sich die Deutschen vor Aktien? Warum sollten sie sich aber mit ihnen beschäftigen? Die Vorständin der Verbraucherzentrale Bremen klärt auf, warum das Tagesgeldkonto schon heute Verlust bringt.
04.03.2020, 06:00
Lesedauer: 3 Min
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Dr. Annabel Oelmann: „Ich muss die Inflation schlagen“
Von Lisa Boekhoff
Dr. Annabel Oelmann: „Ich muss die Inflation schlagen“

Für Dr. Annabel Oelmann ist das Sparen von Geld in den letzten Jahren ein Fehler gewesen.

Frank Thomas Koch
Ein Sprichwort sagt: ,Spare in der Zeit, dann hast du in der Not.' Lohnt sich denn Sparen überhaupt noch?

Annabel Oelmann: Es ist für die Sparer wirklich eine Zeit, wo man eigentlich nur weinen könnte. Das Problem ist auch, dass wir Deutschen ein spezieller Typus Sparer sind. Uns trifft es besonders hart: Wir lieben die Sicherheit und haben viel Geld auf dem Giro- und Tagesgeldkonto liegen. Wir sind es über Jahrzehnte gewohnt gewesen, dass wir damit eine sichere Rendite erzielen konnten. Die war nicht besonders groß, aber oberhalb der Inflationsrate.

Also höher als der Wertverlust des Geldes.

Genau: Ich muss die Inflation schlagen. Jetzt haben wir allerdings eine extreme Niedrigzinsphase. Die Renditen der sicheren Geldanlagen liegen deutlich unter der Inflationsrate: Wir haben Sparbücher und Tagesgeldkonten mit 0,01 Prozent Zinsen. Der Notgroschen auf dem Tagesgeldkonto ist super, wenn das Auto streikt. Aber wer deutlich mehr Geld auf dem Tagesgeldkonto liegen hat, sollte sich über Alternativen Gedanken machen.

An der Börse erleben wir wegen des Coronavirus eine Talfahrt. In Deutschland gibt es ohnehin Aktienangst – selbst in besseren Zeiten.

Aktien und Fonds sind nicht das Allheilmittel. Wir müssen uns aber mit dieser Investmentklasse stärker beschäftigen. Natürlich kommt es auf die persönliche Risikoorientierung an, wie viel Geld in Wertpapiere fließen sollte. Wenn ich wegen drei Prozent Bewegung im Depot schlaflose Nächte habe, sollte es ein kleinerer Anteil sein – wenn überhaupt.

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In diesen Zeiten ist es unklug, das Geld liegen zu lassen. War es zuvor bereits ein Fehler?

In den letzten Jahren war das ein Fehler. Denn wir befinden uns schon seit Jahren in einer Niedrigzinsphase. Aber vor der Niedrigzinsphase habe ich nichts falsch gemacht. Damals konnte man mit Lebensversicherung, Sparbuch, Bausparvertrag und Co. sein Geld fürs Alter anlegen. Und das ist das Problem: Es ist gelernt. Früher waren es gute Anlagen. Genau das sollte ich heute aber nicht mehr tun! Damit lässt sich nicht mehr fürs Alter sinnvoll vorsorgen. Für viele ist der Effekt lange nicht sichtbar gewesen, dass sie bereits Verluste machen. Nun rückt das Problem wegen der Negativzinsen stärker nach vorne. Das ist gut.

Dennoch gibt es kaum starke Bewegung hin zu den Alternativen.

Leider ja. Wir erleben in unseren Beratungsgesprächen, dass viele sich mit dem Gedanken schwertun oder auch schon schlechte Erfahrungen gemacht haben.

Woher kommt die Furcht vor Aktien?

Ein Problem ist, dass viele Verbraucher nie affin für Aktien waren. In anderen Länder haben die Menschen eine komplett andere Art mit ihrer Geldanlage und Altersvorsorge umzugehen. Aktien sind dort für die Altersvorsorge Standard. Der Deutsche war da lange sehr zurückhaltend. Dann kamen die Neuemissionen. Das Gefühl war: Jeder kann Geld machen. Ich war damals in der Banklehre und habe es hautnah miterlebt: Jeder zeichnete alles. Das war eine Goldrauschstimmung! Teils hat es auch funktioniert, doch als die New-Economy-Blase platzte haben sich viele die Finger verbrannt.

Warum fällt es Menschen schwer, sich mit ihren Finanzen zu beschäftigen?

Leider ist das Thema Geldanlage nicht einfach. Die meisten neigen hier zu einem gewissen Fluchtinstinkt. Ich muss mich aber damit auseinandersetzen, denn es gibt nicht den einzig richtigen Weg. Ich muss ihn für mich persönlich finden. Wenn sich in meinem Leben etwas ändert, dann muss ich immer wieder am Konstrukt nachschrauben – selbst wenn ich nicht in der Tiefe einsteigen möchte. Es ist wie beim Auto: Das muss ich auch nur fahren können, die Verkehrsregeln kennen und Signale verstehen. Ich muss aber nicht den Motor auseinandernehmen können.

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Also ab in die Werkstatt. Was raten Sie Verbrauchern?

Die Finanztesthefte von Stiftung Warentest sind eine hervorragende Quelle. Wir bieten als Verbraucherzentrale eine unabhängige Geldanlageberatung an, danach kann es zur Hausbank gehen. Es hilft, dort gewappnet zu sitzen. Wer ein Grundverständnis mitbringt, geht ganz anders ins Gespräch.

Das Gespräch führte Lisa Boekhoff.

Info

Zur Person

Annabel Oelmann

ist seit 2016 Vorständin der Verbraucherzentrale Bremen. In NRW war die gebürtige Lübeckerin zuvor bei der Verbraucherzentrale Gruppenleiterin für das Thema Finanzdienstleistungen.

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