Repräsentative Umfrage Drei von vier Bremern gehen krank zur Arbeit

Die gesundheitlichen Belastungen durch Stress im Job nehmen laut einer aktuellen Umfrage der Arbeitnehmerkammer Bremen zu. Ein Drittel der Bremer Angestellten glaubt nicht, bis 67 arbeiten zu können.
16.08.2017, 17:38
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Drei von vier Bremern gehen krank zur Arbeit
Von Florian Schwiegershausen

Der Stress und die gesundheitlichen Belastungen nehmen für Bremens Arbeitnehmer zu. Das ist das Ergebnis einer aktuellen repräsentativen Umfrage der Arbeitnehmerkammer Bremen. Dabei ging es um die Themen Arbeitsorganisation und Ausblick auf die Rente. Dazu wurden 2000 Arbeitnehmer aus Bremen und Bremerhaven befragt.

So gaben zwei Drittel von ihnen an, häufig sehr schnell arbeiten zu müssen, um das Pensum zu schaffen. 70 Prozent sagten, dass durch die technischen Neuerungen die Aufgaben zugenommen haben, die gleichzeitig erledigt werden müssen.

„Präsentismus“ weit verbreitet

Auch wer krank ist, geht zur Arbeit. Laut der Umfrage sind drei Viertel aller Beschäftigten betroffen. Dieses Phänomen wird als Präsentismus bezeichnet. Die Mitarbeiter waren im Durchschnitt elf Tage innerhalb eines Jahres im Einsatz, obwohl sie sich eigentlich krank gefühlt hatten. Oft handele es sich dabei um Alleinerziehende. In der Pflegebranche, dem Einzelhandel oder auch im Bereich Verkehr und Lagerei sollen es sogar 15 Tage pro Jahr sein.

So meinen auch 40 Prozent der Beschäftigten in Bremen, dass die Arbeit einen negativen Einfluss auf die Gesundheit habe. Ein Drittel glaubt nicht, dass sie bei ihrer derzeitigen Tätigkeit bis zum Rentenalter durchhalten werden. Das waren vor allem die jüngeren Arbeitgeber, die dies äußerten.

Regine Geraedts, Referentin für Arbeitsmarktpolitik bei der Arbeitnehmerkammer, sagte: „Die Verantwortung dafür, dass niemand Raubbau an der eigenen Gesundheit betreiben muss, liegt ganz klar bei den Arbeitgebern.“

Allerdings seien die Befragten überwiegend davon überzeugt, es bis zur Rente zu schaffen, wenn es im Job Änderungen geben würde, beispielsweise durch eine andere Verteilung der Arbeitsaufgaben. Allerdings ist es laut der Umfrage nur die Minderheit, die hier im Betrieb entsprechende Unterstützung hat.

Die Schlüsse, die Regine Geraedts daraus zog: „Hier muss noch einiges passieren. Denn wir haben hier ein hohes Potenzial an präventiver Gesundheitsförderung im Betrieb, die noch nicht stattfindet.“ Schließlich werde das Renteneinstiegsalter immer weiter hochgetrieben.

Früher in den Ruhestand

Gleichzeitig würden gern mehr als zwei Drittel der Arbeitnehmer vor dem regulären Eintrittsalter in Rente gehen. Dabei handelt es sich überwiegend um Beschäftigte in der niedrigsten Einkommensgruppe, und zwar bis 1000 Euro brutto monatlich. Hier nehmen die Vertreter der Arbeitnehmerkammer an, dass finanzielle Gründen zum Weiterarbeiten zwingen.

Die Beschäftigten erwarten von der gesetzlichen Rente vor allem eine Absicherung ihres Lebensstandards. Deshalb lehnen 85 Prozent eine Absenkung des Rentenniveaus ab. Hierfür würde auch gut die Hälfte höhere Beiträge leisten. Insbesondere die Jüngeren sind mit 60 Prozent dazu bereit. Aber nur eine Minderheit von 14 Prozent glaubt noch, dass die gesetzliche Rente zum Leben ausreichen wird.

„Die Rentenreformen der letzten zwei Jahrzehnte haben zu einem massiven Vertrauensverlust geführt“, betonte der Hauptgeschäftsführer der Arbeitnehmerkammer, Ingo Schierenbeck. „Im Interesse aller Beschäftigten brauchen wir dringend wieder eine auskömmliche gesetzliche Rente und damit eine verlässliche Absicherung im Alter.“

Zumal eine weitere Absicherung etwa über eine zusätzliche Betriebsrente vielen Beschäftigten nicht möglich ist. So geben nur 36 Prozent der Befragten an, dass ihr Arbeitgeber eine betriebliche Altersversorgung anbietet.

Gleichzeitig sind viele mit ihrer Arbeitszeit nicht zufrieden. Denn die vertragliche und die tatsächliche Arbeitszeit klaffen bei mehr als der Hälfte der Befragten auseinander – durchschnittlich wird im Land Bremen drei Stunden pro Woche länger gearbeitet als vereinbart.

Überstunden in vielen Bereichen

In den Bereichen Verkehr- und Logistik, Hotel- und Gaststättengewerbe sowie in Krankenhäusern sind es regelmäßig sogar mehr als sechs Überstunden pro Woche. 18 Prozent der Beschäftigten hätten gern einen Arbeitsvertrag mit mehr Stunden, vor allem Frauen in Teilzeitbeschäftigung.

Besonders ausgeprägt ist dieser Wunsch bei Reinigungskräften, sowie bei Angestellten im Lebensmittel- und Gastgewerbeberufen und bei Beschäftigten im Handel und Einzelhandel. „Immer wieder weisen wir darauf hin, dass es in manchen Branchen inzwischen kaum noch gelingt, eine existenzsichernde Stundenzahl zu erreichen. Hier hat Teilzeit nichts mehr mit Familienfreundlichkeit zu tun“, mahnte Elke Heyduck, Geschäftsführerin der Arbeitnehmerkammer.

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In anderen Branchen dagegen würden viele Beschäftigte gern weniger Stunden arbeiten – vor allem in der öffentlichen Verwaltung, in der Information und Kommunikation und in den Krankenhäusern.

85 Prozent identifizieren sich mit Job

Trotz allem identifizieren sich 85 Prozent aller Arbeitnehmer im Land Bremen sehr stark mit ihrem Job. Überdies sind drei Viertel davon überzeugt, mit ihrer Arbeit einen gesellschaftlich relevanten Beitrag zu leisten. Zwischen der gesellschaftlichen Relevanz und der empfundenen gesellschaftlichen Anerkennung klafft aber besonders bei den Gesundheitsberufen und den sozialen Dienstleistungsberufen eine Lücke.

Hilfe und Unterstützung durch Vorgesetzte erfahren mehr als zwei Drittel der Beschäftigten. Und fast 93 Prozent der Befragten berichten von einer durchgehend oder häufig guten Arbeitsatmosphäre. Außerdem sind in Bremen 69 Prozent der Beschäftigten mit ihrem Gehalt zufrieden und in Bremerhaven 65 Prozent.

„Weitere Ergebnisse aus der Umfrage folgen“, zog Geschäftsführer Schierenbeck ein Fazit. „Und entsprechend der Ergebnisse werden wir auch überprüfen, wo wir vielleicht an unseren Beratungsangeboten etwas anpassen müssen.“

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