Neuer Schwung auch in Bremen

E-Roller kehren in die Städte zurück

Voi hat in Bremen seine Roller wieder aufgestellt. Auch andernorts kehren die Verleiher nach der Corona-Pause zurück. Für einige könnte es dennoch eng werden.
03.06.2020, 05:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Stefan Lakeband und Christof Rührmair
E-Roller kehren in die Städte zurück

Geladen und fahrbereit: Neben den Rollern von Tier sind auch die E-Scooter von Voi in Bremen wieder zu mieten.

Oliver Berg /dpa

Nach der coronabedingten Vollbremsung nehmen die Verleiher von E-Rollern so langsam wieder Fahrt auf. In immer mehr Städte sind die umstrittenen Scooter zurückgekehrt. Auch in Bremen ist die Zahl wieder gewachsen. Ende Mai stellte der Anbieter Voi seine Roller wieder auf. Anders als Tier, der zweite Verleiher in der Hansestadt, hatte Voi zu Beginn der Pandemie seine Aktivitäten in Bremen eingestellt, die Roller eingesammelt und die Beschäftigten in Kurzarbeit geschickt.

Nun nehme Voi den Betrieb „Stück für Stück“ wieder auf, wie Claus Unterkircher, General Manager für den deutschsprachigen Raum, dem WESER-KURIER mitteilt. In Städten wie München, Hamburg und Lübeck war man als erstes wieder aktiv gewesen – nun folgte Bremen. Dass die Geschäfte jetzt so laufen, wie vor der Pandemie, glaubt Unterkircher jedoch nicht. Er geht davon aus, dass sich Fahrten von der Innenstadt künftig in Wohnbezirke verlegen. Der Grund: Viele Menschen arbeiteten weiterhin von zu Hause und würden lange Strecken vermeiden.

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Ähnlich sieht es das Unternehmen Tier, das im November 2019 kurz nach Voi mit seinen 500 Rollern in Bremen gestartet war. „Solange die Einhaltung von Abstandsempfehlungen die neue Normalität ist, werden die Menschen wahrscheinlich zunächst Mobilitätsoptionen bevorzugen, die ihnen individuelle Fortbewegung ermöglichen“, teilt ein Sprecher mit. Konkret heißt das: Aus Angst sich in Bussen und Bahnen anzustecken, würden viele lieber E-Roller oder Fahrrad fahren. Nach einem Knick durch Corona gehe es mit den Ausleihen wieder bergauf. Auch seien die Fahrten länger geworden, teilt der Tier-Sprecher mit.

Experten erwarten dennoch alles andere als eine Rückkehr zur Normalität, der momentan zersplitterte Markt für E-Leihroller werde sich ändern. „Es wird eine Bereinigung geben“, sagt Andreas Nienhaus von der Beratung Oliver Wyman. Die Corona-Krise verschärfe den „Überlebenskampf“. Gute Chancen hätten dabei vor allem die großen Anbieter. Diese seien meist gut finanziert und bekämen auch in der Krise weiter Kapital. „Für die Kleineren in der zweiten Reihe wird das aber zum Problem.“

Höhere Kosten als zunächst angenommen

Gregory Heckl, der ebenfalls für Oliver Wyman arbeitet, sieht ein Problem für die gesamte Branche. „Sharing-Geschäftsmodelle sind generell nichts, wo ich mich per se im Geld bade“, sagt er. „Ob das Geschäft profitabel ist, dürfte von Stadt zu Stadt unterschiedlich sein.“ Die Kosten des laufenden Betriebs seien höher, als die Betreiber zunächst angenommen hätten. Zudem könnten sich die Anbieter von der Konkurrenz vor allem dadurch absetzen, dass sie billiger seien oder indem sie so viele E-Scooter wie möglich in den Städten verteilten. Doch das sei teuer.

„Viele Dinge sind hier noch nicht komplett ausgereift und die Krise verstärkt das jetzt“, sagt Heckl. „Ein Markt, der sich ohnehin schnell entwickelt, ist gezwungen, das jetzt noch schneller zu tun.“ Zumindest den Anbietern, die diese Phase überleben, komme die Beschleunigung aber zugute, denn so würden sie dem Dilemma des teuren Wettbewerbs über Preis und Breite des Angebots enrkommen. „Die Konsolidierung wird den Anbietern helfen, profitabel zu arbeiten“, sagt Nienhaus. „Zudem verbessert sich die Technik – die Roller halten länger und brauchen weniger Wartung. Auch das spart Kosten.“

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In Bremen ist der Markt für Leihroller bislang sehr überschaubar. Vergangenes Jahr waren mit Voi und Tier zwei Anbieter gestartet, die jeweils 500 Scooter aufgestellt haben. Das US-Start-up Lime hatte einen geplanten Start in der Hansestadt kurzfristig abgesagt. Das Geschäftsmodell habe nicht mit den Regeln der Stadt zusammengepasst, hieß es als Begründung. Denn Bremen erlaubt Anbieter ein Kontingent von maximal 500 Rollern in der Stadt. Zudem gibt es Verbotszonen, in denen keine Scooter abgestellt werden dürfen.

Keine Alternative zur BSAG

Trotz strenger Auflagen versuchen Voi und Tier, sich mit der Stadt zu arrangieren. Beide betonen immer wieder, dass sie keine Alternativen zu den Bussen und Bahnen der BSAG sein wollen, sondern eine Ergänzung – beispielsweise für den Weg zwischen den Start- und Zielpunkten und der Haltestelle.

Jérôme Nonnenmacher von der Beratungsfirma Nunatak sieht darin eine wichtige Überlebensstrategie. „Der ,Wilde Westen' konsolidiert sich“, sagt er über die Branche, deren Vorgehen in der Vergangenheit auch schon für Kritik gesorgt hat. „Es bleiben ein paar Cowboys in der Stadt – aber sie arrangieren sich mit der Stadt.“ Letztlich komme es nicht nur darauf an, wer mehr Geld habe, sondern auch darauf, wer besser kooperiere.

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