Bremer Handwerkspreis 2017

Ein Chef mit Durchblick

Benjamin Philipp erhält in diesem Jahr den Bremer Handwerkspreis in der Sparte Existenzgründung. Was ihn auszeichnet neben den anderen beiden Preisträgern Pharao Dentaltechnik und Metallbau Seitz.
07.11.2017, 19:31
Lesedauer: 4 Min
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Ein Chef mit Durchblick
Von Florian Schwiegershausen
Ein Chef mit Durchblick

Benjamin Philipp von Viertel Optik erhält den Bremer Handwerkspreis in der Sparte "Existenzgründung/Nachfolge".

Christina Kuhaupt

Mal eben das Glas für die Brille schleifen, dann beim Kunden kurz für den Sehtest den richtigen Abstand der Gläser anpassen – da muss sich der Reporter hinten anstellen mit seinen Fragen. Benjamin Philipp ist der Chef von Viertel Optik im Ostertorsteinweg und seit Dienstag Preisträger des Handwerkspreises 2017. Er erhielt die Auszeichnung in der Sparte „Betriebsgründung“ am Abend beim 51. Mahl des Handwerks in der Sparkasse am Brill.

Erst seit 2016 ist Philipp sein eigener Chef. „Seit Jahren war klar, dass ich mich selbstständig machen will. Und dann am liebsten im Viertel“, erzählt der 33-jährige Augenoptikermeister. Das hat geklappt, und es könnte als Positivbeispiel dienen. Den Laden übernahm er von der Familie Schüschner. Philipp erinnert sich: „2015 machte unter den Optikern das Gerücht die Runde, dass sich Schüschners zurückziehen wollten. Da bin ich einfach ins Geschäft und habe gefragt, was denn an dem Gerücht dran ist. Und gleich beim zweiten Treffen war klar, dass ich den Laden übernehmen kann.“

Hilfe erhielt er dabei von der Handwerkskammer. Ein Experte von dort hatte eine Unternehmensbewertung vorgenommen. Mit dem Ergebnis waren beide Seiten einverstanden. Im Januar 2016 wurde eröffnet – vorerst unter dem alten Namen. Philipp schaffte sich auch neue Geräte an: „So bin ich dann auch mit der Ausstattung im Jahr 2017 angekommen.“

Handwerkspreis 2017 - Sparkasse

Die Preisträger (von links): Reinhard Wetjen und seine Frau Bettina, Inhaber des Bremerhavener Betriebs Metallbau Seitz, Optiker Benjamin Philipp, sowie die Geschäftsführer Frank Laux und Sven Davidsmeyer von Pharao Dentaltechnik.

Foto: Christina Kuhaupt

Dank Internet und den sozialen Netzwerken hat er neben den alten Stammkunden neue hinzugewonnen. Momentan hat er zwei Mitarbeiter, aber für ihn ist klar: „Als Meister möchte ich auch gern junge Menschen ausbilden.“ Zur alten Besitzerfamilie Schüschner hat Philipp weiterhin einen guten Kontakt: „Ihnen gehört das Haus. Deshalb haben sie auch jemanden gesucht, der sich hier langfristig niederlassen will.“ Daher achtet Philipp auch etwas mehr aufs Haus, als wenn er einfach „nur Mieter“ wäre.

Für den Handwerkspreis haben die Kammer und die Sparkasse Bremen insgesamt ein Preisgeld von 6000 Euro ausgelobt, das sich die drei Preisträger teilen. Im Beisein von 300 Gästen in der Sparkassenhalle am Brill wurden am Dienstag auch der Bremer Betrieb Pharao Dentaltechnik und Bremerhavens älteste Schlosserei Seitz Metallbau mit einem Preis geehrt. „Die Auszeichnung würdigt die herausragende wirtschaftliche Leistung der Unternehmen“, sagte Sparkassen-Vorstandsmitglied Heiko Staroßom. Pharao Dentaltechnik ist in diesem Jahr Preisträger in der Sparte „Innovation“. Die Hauptgeschäftsführerin der Bremer Handwerkskammer, Martina Jungclaus, begründete die Entscheidung der Jury: „Sie sind seit Jahren in Bremen Vorreiter beim Einsatz neuer innovativer Technologien.“ Pharao sei ein Beispiel, wie die Digitalisierung auch Einzug ins Handwerk erhalte.

Sven Davidsmeyer, neben Frank Laux einer der Pharao-Geschäftsführer, sagte: „Über diesen Preis hat sich unser Team so gefreut. Es pusht uns und unsere Arbeit richtig.“ Zum Team gehören 15 Mitarbeiter, die versuchen, durch örtliche Nähe zu punkten. So arbeitet Pharao zwar mit Zahnärzten zusammen. Es kommt aber immer wieder vor, dass Patienten direkt bei ihnen im Dentallabor stehen, um zu besprechen, wie der Zahnersatz denn am besten sein sollte.

3D-Frästechnik und 3D-Druck

Dabei setzt Pharao seit Jahren auf 3D-Frästechnik und seit kurzem auf 3D-Druck. Eines ist den Unternehmern dabei aber wichtig, wie Sven Davidsmeyer erläutert: „Mithilfe von 3D werden die Produkte hergestellt, sind aber halbfertig und werden dann vom Techniker veredelt. Denn bei all den neueren Arbeitsprozessen müssen Sie die Techniker mitnehmen.“ Es gehe darum, die Technik nicht als Konkurrenz zu sehen. Mit der neuen Technik wurde auch der Personalstand aufgestockt, die Mitarbeiter erhielten spezielle Fortbildungen. Und in Zukunft werde die Zusammenarbeit mit den Zahnärzten immer wichtiger. „Es wird zunehmen, dass der Zahnarzt die Daten vom Mundscan des Patienten direkt ans Dentallabor mailt.“

Der Preis in der Sparte „gesellschaftliche Verantwortung“ geht an Bremerhavens ältesten Schlossereibetrieb, und zwar an Metallbau Seitz – aus mehreren Gründen. So überlassen es der Inhaber Reinhard Wetjen und seine Frau Bettina ihren Gesellen, welche Praktikaten bei ihnen als Auszubildende eingestellt werden. Bettina Brand-Wetjen begründet das so: „Es sind doch die Gesellen, die täglich mit den Azubis zusammenarbeiten. Also haben die doch den besten Eindruck, ob jemand das Talent und den Spaß für diesen Beruf mitbringt. Wenn sich jemand bei mir im Büro vorstellt und einen guten Eindruck macht, weiß ich doch zum Beispiel nicht, ob der schwindelfrei ist.“

Praktikum als Voraussetzung für Ausbildung

So ist unter ihren Azubis auch ein junger Mann, der aus Ghana geflüchtet ist. Ihn hat Brand-Wetjen zu allen Ämtern begleitet und so die Bürokratie von der härtesten Seite kennengelernt. „Ich selbst hatte in der Schule Deutsch Leistungskurs. Aber wenn ich da vor einem Formular sitze und das kaum verstehe, wie geht es dann erst Menschen, die unsere Sprache nicht können.“ Voraussetzung für eine Ausbildung bei ihnen ist ein Praktikum. „Dabei interessiert uns weder die schulische Bildung noch das Elternhaus. Wichtig ist, dass unsere Gesellen am Ende sagen „Ja, das passt!“. Ob den Betrieb dann später einmal jemand übernehmen wird, der bei Wetjens gelernt hat – sie hätten nichts dagegen. Denn Reinhard Wetjen hat in dem Metallbaubetrieb einst selbst als Azubi angefangen.

Gerade was Firmengründungen angeht, habe das kleinste Bundesland Nachholbedarf. „Bremen belegt bei der Selbstständigen-Quote den letzten Platz. Da muss sich etwas ändern“, sagte der Bremer Handwerkskammer-Präses Jan-Gerd Kröger.

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