Spezielle Kamerakonstruktion

Ein Video geht um die Welt

Bremen. Der Fotograf Jonas Ginter hat mit einem einminütigen Video einen echten Hit im Internet gelandet. Nun klopfen die ganz großen Firmen bei ihm an, um mit dem Kreativschaffenden zu arbeiten.
18.05.2014, 00:00
Lesedauer: 4 Min
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Ein Video geht um die Welt
Von Maren Beneke
Ein Video geht um die Welt

Sechs Kameras in einer Vorrichtung: Mit seiner „360er“ erschafft Jonas Ginter kleine Planeten. Derzeit ist der Bremer Fotograf weltweit mit der Konstruktion unterwegs.

Karsten Klama

Der Fotograf Jonas Ginter hat mit einem einminütigen Video einen echten Hit im Internet gelandet. Knapp zwei Millionen Menschen wollten bislang sehen, wie der 28-Jährige in „Kleiner-Planeten-Optik“ mit seinem Fahrrad am Osterdeich entlang fährt. Nun klopfen die ganz großen Firmen bei ihm an, um mit dem Kreativschaffenden zu arbeiten. Über den Erfolg ist Ginter selbst am meisten überrascht.

Ein junger Mann mit schwarzer Schirmmütze und blauer Regenjacke fährt mit seinem Rad am Osterdeich entlang. Rechts die Weser, links die Häuserzeile. Alles so, wie viele Bremer es tagtäglich auch erleben. Das Besondere an dem Video von Jonas Ginter, der sich hier beim Fahrradfahren gefilmt hat, ist, dass das komplette Video in „Tiny Planet“-Optik gedreht ist. Das heißt: Der Zuschauer sieht das Panorama (im Fachjargon „sphärisches Panorama“) in einem 360-Grad-Winkel, sodass es eben aussieht, also würde sich der 28-Jährige auf einem kleinen Planeten bewegen.

Diese Technik ist nicht neu, in der Fotografie gibt es sie schon seit Längerem. Und auch für Videos wurde sie schon verwendet. Besonders ist allerdings, dass Jonas Ginter es mit relativ einfachen Mitteln geschafft hat, eine Konstruktion aus sechs sogenannten GoPro-Kameras zu basteln, mit deren Hilfe er solche Videos in kürzester Zeit drehen kann. Und besonders ist auch, dass der Journalist aus Bremen sein Wissen mit den Lesern seines Blogs teilt, wo er eine detaillierte Anleitung zu Bau und Funktion seiner „360er“ eingestellt hat.

Im Internet hat Jonas Ginter mit seinem Video einen echten Treffer gelandet: Fast zwei Millionen Menschen haben es allein über die Videoplattform Vimeo bereits angeklickt, durchschnittlich sind es derzeit mehr als 6000 Internetnutzer täglich, die Jonas Ginter auf seinem Fahrrad sehen wollen. Immer noch, denn eingestellt hat Jonas Ginter seinen kleinen Film bereits im März.

Am meisten überrascht über den Erfolg ist Jonas Ginter wohl selbst. Eigentlich verdient er sein Geld als Journalist und Fotograf. Das Video sei eine Tüftelei gewesen, an der er am Ende zwei Jahre gebastelt und das Resultat dann ganz einfach ins Netz gestellt hat. Über kleine Blogs verbreitete sich das Video fast über Nacht, heute erhält der 28-Jährige Nachrichten aus aller Welt. Und natürlich auch Jobanfragen.

Dabei hat sich Jonas Ginter erst vor zwei Jahren selbstständig gemacht. 14 Semester hatte er zuvor gebraucht, um sein Journalistik-Studium an der Hochschule Bremen abzuschließen. Eine lange Zeit, die er aber auch gebraucht habe – schließlich habe er nebenbei immer gearbeitet. Erste Sporen verdiente er sich etwa mit einem Dokumentarfilm, den er nach dem Abitur zusammen mit einem Bekannten gedreht hatte und der später dann bei Arte und ZDF lief. Aber auch als Journalist und Fotograf („Ich habe all mein verdientes Geld immer in neue Fotoausrüstung gesteckt.“) war er während des Studiums tätig.

Als seinen „krassesten Lehrer“ bezeichnet Ginter heute das Internet. Also sei es eine logische Konsequenz gewesen, die Netzgemeinde über seinen Blog auch an seinem Wissen teilhaben zu lassen – frei nach dem Motto „ihr habt mich inspiriert, also gebe ich euch auch etwas zurück“.

Der Schritt in die Selbstständigkeit war für Jonas Ginter eine bewusste Entscheidung. Die Aufträge während des Studiums seien für ihn ein wichtiger Lernprozess gewesen. „Ich hatte keine Ahnung, welche Preise ich für meine Leistung nehmen kann“, sagt der 28-Jährige. „Man fragt rum, aber keiner hilft.“

Mittlerweile fühlt sich der Journalist sicherer auf dem Markt. Als Fotograf hat er sich vor allem auf die Bereiche Businessfotos und Industriefotografie sowie Porträts und Reportagen spezialisiert. Vor einem Jahr zog er schließlich in eine Bürogemeinschaft in der Plantage, um sich mit anderen kreativen Köpfen der Stadt zu vernetzen. Außerdem ist er seit Kurzem Teil des von der Wirtschaftsförderung Bremen und der EU geförderten Ideenlotsen-Programms. Dabei wird er nun ein Jahr lang von Experten des Bremer U-Instituts gecoacht und auf seinem unternehmerischen Weg begleitet. „Eine wertvolle Erfahrung“, nennt Ginter die Beratung, die ihm helfen werde, sich weiter zu professionalisieren.

Und dank seiner „360er“ ist er auch schon auf einem guten Weg. Kamen seine Kunden vorher vorrangig aus Bremen und Umgebung, ist es derzeit schwer, überhaupt einen Termin bei Jonas Ginter zu bekommen. Gerade erst kommt er von einem Dreh auf den Kanarischen Inseln zurück, danach stehen Stationen wie Berlin oder London auf dem Programm. Seine E-Mail-Anfragen kann der Kreativschaffende nach eigenen Aussagen schon lange nicht mehr alle beantworten. Mittlerweile zählen neben Musikern wie der Hamburger Hip-Hop-Band Fettes Brot oder der Bremer Gruppe Rhonda auch Größen wie das Filmunternehmen UFA, Walt Disney oder TUI zu seinen Kunden. Sie alle wollen mit Jonas Ginters spezieller Kamerakonstruktion drehen.

Wann er glaubt, dass der Hype um seine Person und die „360er“ abebbt? „Ich dachte, es wäre schon lange vorbei“, sagt der Journalist. „Aber solange das nicht der Fall ist, sehe ich, was ich vom Kuchen abbekommen kann.“ Der 28-Jährige weiß, dass er derzeit wichtige Kontakte knüpft und jede Menge Erfahrungen sammelt. Aber langfristig freut er sich auch auf die Zeit, wo ein bisschen mehr Luft ist. Zeit, sich wieder ein wenig auszuprobieren, mit neuer Technik zu experimentieren.

Der Freiraum, eigene Projekte umsetzen zu können, sei ihm extrem wichtig, sagt Ginter. Etwa die monatlichen Geschwisterbilder, die ihn und seine Schwester Nora zeigen. „Nora und Jonas ohne Hals“, „Nora und Jonas – Wäscheleine“ oder „Nora und Jonas – big heads“ (auf deutsch: große Köpfe) heißen diese Werke zum Beispiel und zeigen die beiden immer aus einer ungewöhnlichen Perspektive. „Eine Spielerei“, wie Jonas Ginter sagt. Die nächsten „Spielereien“ für die Zeit nach der „360er“ hat er bereits im Hinterkopf.

Das 360-Grad-Video von Jonas Ginter können Sie hier auf Vimeo sehen.

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