Bremer Professor über Fintechs „Eine Bank kann auch Facebook heißen“

Lars Hornuf ist Professor für ¬Betriebswirtschaftslehre der Universität Bremen. Im Interview spricht er über sogenannte Fintechs - Start-ups, die schnellere und bequemere Bankdienstleistungen bieten wollen.
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„Eine Bank kann auch Facebook heißen“
Von Lisa Schröder

Herr Hornuf, Sie haben das gemacht, was sonst keiner tut: Datenschutzerklärungen gelesen. Wie viel Freude bereitet das?

Lars Hornuf: Ich muss zugeben, ich habe die Aufgabe an meine Frau, an Hilfskräfte und Doktoranden vergeben. Man könnte denken, das ist eine sehr stupide und langweilige Arbeit. Doch die Datenschutzerklärungen sind nichts, was schon im großen Stil erforscht wurde. Es war ein spannender Entdeckungsprozess dort zu sehen, wie die Fintechs arbeiten.

Zusammen mit Ihrem Kollegen Gregor Dorfleitner veröffentlichen Sie bald ein Buch über „Fintechs und Datenschutz“. Was haben Sie herausgefunden?

Wir haben uns die Datenschutzerklärungen vor der Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO) angeschaut. Mein Co-Autor meinte dann: Mensch Lars, das war blöd, das ist alles veraltet! Doch aus wissenschaftlicher Perspektive war das wunderbar. Wir können nun vergleichen, was sich verändert hat. Unser Ansatz war, herauszufinden, was die Geschäftsmodelle der Fintechs sind. Wir dachten sehr naiv, dass sie Big Data und Künstliche Intelligenz nutzen. Das ist aber laut den Datenschutzerklärungen selten der Fall.

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Welche Auswirkungen hatte die DSGVO denn?

Die DSGVO ist angetreten, den Datenschutz zu verbessern: Verbraucher sollten verstehen, was in den Erklärungen steht. Anspruch und Realität klaffen aber auseinander. Die Datenschutzerklärungen sind umfangreicher geworden, bestehen häufig aus Textbausteinen, sind sprachlich schwieriger. Die Fintechs wollen sich auch absichern, um nicht verklagt zu werden. Oft wird mit „zum Beispiel“ gearbeitet, um nicht alle Daten nennen zu müssen und dabei etwas zu vergessen. Für den Verbraucher ist das sehr intransparent.

Das Dilemma ist bekannt – auch bei anderen Finanzdienstleistungen: Die Rechtssicherheit kostet Verständlichkeit. Gibt es einen Ausweg?

Dieses Dilemma haben wir in extrem vielen Bereichen. In der Regel sind Datenschutzerklärungen nicht für den Verbraucher gemacht, sondern um im Schadensfall zu überprüfen, ob alles rechtmäßig war. Unsere Wahrnehmung ist, dass die Leute die Erklärung kennen sollten. Ich habe aber doch gar nicht die Zeit, 50 Seiten zu lesen, wenn ich eine App herunterlade. Gut finde ich, wenn der Verbraucher selbst etwas macht: Es lässt sich etwa viel erklären, wie man mit Aktien spekuliert, aber viel besser ist es, in einem geschützten Umfeld an der Börse zu handeln, um die Risiken zu realisieren.

Wie es bei einem Spiel leichter ist, sich die Regeln in einer Proberunde anzueignen.

Ja. Das Problem ist aber auch, dass es keinen Markt für Datenschutz gibt. Ich bin Ökonom: Ich glaube an Märkte. Heute kann ich aber ein Produkt mitunter nicht nutzen, wenn ich die Datenschutzerklärung nicht annehme. Au­ßerdem gibt es schon einen Handel mit Daten. Bei Payback sammeln Sie zum Beispiel Punkte und lassen überall Ihre Daten. Am Ende werden Sie dafür extrem schlecht bezahlt und kriegen vielleicht eine halbe Kaffeemaschine.

Die Daten sind eigentlich mehr wert?

Genau. Cookies werden heute bereits an Börsen gehandelt. Werbetreiber kaufen sie, um Anzeigen besser zu schalten. Die Cookies haben also einen echten Preis. Der wird nur nicht an die Verbraucher weitergegeben. Die Leute glauben, dass bestimmte Dienstleistungen umsonst sind. Doch es gilt: Wenn es nichts kostet, sind Sie das Produkt.

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Zurück zu den Geschäftsmodellen von Fintechs: Welche gibt es da überhaupt?

Fintechs decken alle Geschäftsbereiche ab, die eine klassische Bank auch betreibt: die Finanzierung durch Kredite, die Geldanlage etwa in Aktien und den Zahlungsverkehr. All das machen die Fintechs. Meistens bieten sie aber nicht alle Dienstleistungen einer Bank gleichzeitig an. Die Banken sind wie große Walfische, die Fintechs wie kleine Fische, die sich ein Stück vom Business nehmen. Sie bieten die Finanzierung über Crowdinvesting, also ein gemeinsames Investment, oder die Anlageberatung über Robo-Advisor, also Vermögensanlage auf Basis von Algorithmen.

Und wie sehr ärgern die vielen kleinen Fische die Wale?

In der Vergangenheit gab es die Debatte, dass Fintechs irgendwann mal die Bankenwelt übernehmen. Dann hat man gemerkt, es sind vielleicht eher die Facebooks, Googles und Amazons. Wobei es nicht nur die Amerikaner sind, vor allem auch die Chinesen mit Tencent und Alibaba. Und da haben die deutschen Banken realisiert: Wir brauchen Innovationen. Die Fintechs schaffen Innovationen. Es fällt ihnen aber schwer, stark zu skalieren. Der Trend geht dahin, dass Fintechs miteinander und mit Banken koalieren. Banken sehen das derzeit eher als Chance denn als Risiko. Jeder, der eine Banklizenz besitzt, ist eine Bank. In Zukunft wird also eine Bank auch Facebook heißen können.

Sie gehen also nicht davon aus, dass die Banken verschwinden werden?

Welche Banken haben wir denn überhaupt noch? Die Wirecard hat die Commerzbank bereits aus dem Dax verdrängt. Wir haben noch die Deutsche Bank. Ich sehe überhaupt nicht, dass die in Zukunft noch den Markt bespielen werden.

Was heißt das für die Verbraucher?

Wir werden zukünftig sehen, dass Kredite vergeben werden, aber überhaupt nicht klar ist, wer das tut: Bankdienstleistungen werden über Plattformen vergeben – wie bei N26.

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Haben Sie dabei Bedenken?

Ich sehe das schon kritisch, nicht zu wissen, wer am Ende die Gegenpartei ist. Ich habe das schon öfter persönlich erlebt. Da konnte mir der Verleiher des Mietwagens nicht mehr sagen, wie viel ich letztendlich für das Auto bezahle, weil eine Plattform zwischengeschaltet war. Das sehe ich als Problem. Transparenz lässt sich schaffen. Doch ob der Markt das entwickelt? Die Verbraucher sind zwar mächtig, können sich aber schwer koordinieren.

Welche Rolle spielen Fintechs aus Deutschland in der Welt?

In Deutschland gibt es ein Unicorn mit einer Bewertung von mindestens einer Milliarde Dollar: N26. Ein weiteres großes Fintech ist Scalable Capital als größter Robo-Advisor. Gleichzeitig sind wir allgemein in Deutschland im internationalen Vergleich technologisch meilenweit entfernt.

Wo sind die Fintechs hier vor allem vertreten?

Natürlich in Berlin. Das ist historisch gewachsen: Berlin war lange Zeit relativ günstig und hip. Das bröckelt zwar, weil der Wohnraum fehlt, doch die Start-ups sind dort. Die Stadt hat dafür viel getan. München ist der zweitgrößte Standort, weil die Versicherungsindustrie vor Ort ist und viel Risikokapital. Danach kommen Frankfurt und Hamburg.

Gibt es für die Verbraucher einen Gewinn durch Fintechs?

Ob die Fintechs eine Bereicherung sind? Potenziell auf jeden Fall. Jedes Start-up hat die Chance, dem Verbraucher ein Produkt anzubieten, das ihm nützt. Man kann nicht sagen, dass die Banken das bisher immer gemacht haben. Die Strukturen sind sehr verkrustet und Veränderungen in Konzernen schwer umzusetzen. Denken wir an Paypal, sehen wir klar einen Nutzen. Es gab damals ein Vertrauensdefizit gegenüber Anbietern auf Ebay: Wird der Verkäufer das Produkt tatsächlich liefern? Vielleicht ist das Geld weg? Da hat Paypal gesagt: Wir versichern das. Heute ist der Nutzen bei vielen Fintechs nicht so groß, dass der Kunde sie unbedingt haben will.

Was macht unsere Finanzdaten überhaupt so interessant?

Der Verbraucher verliert permanent Daten. Google sieht, wo ich das letzte Mal aus der Straßenbahn gestiegen bin. Der Unterschied ist aber der, dass meine Bezahldaten sagen, was ich wirklich gemacht habe – anders als Lippenbekenntnisse. Ich wüsste nicht, wo man sonst an diese Informationen kommt.

Welchen Appell richten Sie an die Verbraucher?

Die Verbraucher müssen sich organisieren. Die Zukunft ist nicht, die Daten nicht zu nutzen, dazu sind sie zu wertvoll. Die Unternehmen können sie gebrauchen, um uns bessere Produkte anzubieten. Warum sollten wir das nicht wollen? Doch man muss einen echten Gegenwert für die Abgabe der Daten schaffen.

Nutzen Sie eigentlich Fintechs?

Wie jeder Finanzwissenschaftler bin ich ex­trem schlecht darin, meine Finanzen selbst zu managen. Ich mache das zum Spaß, würde aber nicht sagen, dass ich es richtig mache. Ich glaube immer noch, dass der große Absturz kommt und der Aktienmarkt stark fällt. Das glaube ich aber schon seit fünf Jahren – und es tritt nicht ein. Was ich gut finde, ist das Bezahlen mit dem Smartphone. Das ist viel einfacher als aus dem Rucksack das Portemonnaie herauszukramen.

Das Gespräch führte Lisa Boekhoff.

Info

Zur Person

Lars Hornuf ist Professor für ­Betriebswirtschaftslehre der Universität Bremen und spezialisiert auf ­Finanzdienstleistungen und -technologien. 2017 wurde der gebürtige Dresdner von einer ­Juniorprofessur in Trier nach Bremen berufen.

Info

Zur Sache

Was sind Fintechs?

Der Begriff Fintech leitet sich ab von Finanztechnologie. Damit gemeint sind Start-ups, die den Anspruch haben, schnellere und bequemere Bankdienstleistungen zu bieten etwa mit Apps fürs Smartphone: vom Kredit, über die Geldanlage bis zur Überweisung oder Versicherung. Inzwischen tun Fintechs sich auch zusammen oder arbeiten mit klassischen Banken zusammen. Deshalb wächst ihre Bedeutung in der Finanzbranche weiter.

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