Stilllegung bis Mitte des nächsten Jahres Aus für Kraftwerk der SWB

Die SWB hat den Zuschlag für die Stilllegung des Kohlekraftwerks im Hafen bekommen. Die damit verbundenen Einsparungen an CO2 für Bremen sind erheblich. Doch wie läuft das Auktionsverfahren eigentlich genau?
02.12.2020, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Lisa Boekhoff und Christian Weth

Auf diese Liste haben nicht nur die Betreiber gespannt gewartet. Die Bundesnetzagentur in Bonn hat am Dienstag veröffentlicht, welche Kohlekraftwerke im nächsten Jahr im Zuge der ersten Auktion vom Netz gehen sollen. Das Steinkohlekraftwerk der SWB im Hafen bekam dabei den Zuschlag. Die Auktion markiert den Anfang vom Abschied von der Kohle.

Wie funktioniert das Verfahren?

Für die Stilllegung ihrer Kohlekraftwerke bekommen die Betreiber eine Entschädigung. Dabei läuft das Verfahren wie eine Auktion: Die Unternehmen geben geheim ein Gebot ab, zu welchem Preis sie bereit sind, auf die Verfeuerung von Kohle in ihrer Anlage zu verzichten. Es spielt dabei dann auch eine Rolle, wie viel Kohlendioxid durch die Abschaltung gespart wird. Derjenige bekommt zuerst den Zuschlag, der die geringste Prämie pro eingesparter Tonne CO2 aufruft. Insgesamt sind acht Auktionen bis 2024 vorgesehen. In Deutschland sollen bis spätestens 2038 alle Kohlekraftwerke stillgelegt sein.

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Mit den Braunkohlebetreibern RWE und Leag wurden feste Abschaltdaten und Entschädigungssummen ausgehandelt. Für die Steinkohle, bei der es viele verschiedene Kraftwerksbetreiber gibt, entschied man sich für die Ausschreibungen. Die stießen bei den Betreibern auf positive Resonanz, äußerte sich Jochen Homann, Präsident der Bundesnetzagentur, zur ersten Auktion: „Die Runde war deutlich überzeichnet.“ Generell gilt: Bereits ab dem 1. Januar 2021 dürfen die Anlagen, die einen Zuschlag bekommen haben, keinen mit Kohle produzierten Strom mehr verkaufen.

Was bedeutet der Zuschlag für Bremen?

In Bremen verabschiedet sich mit dem Standort im Hafen eins von drei Kohlekraftwerken. Der Kraftwerksblock 6 der SWB wird bis Mitte des nächsten Jahres stillgelegt. Nach Angaben des Energiekonzerns sinken die CO2-Emissionen in Bremen damit um rund 1,5 Millionen Tonnen jährlich – zehn Prozent der bremischen Gesamtemissionen. „Die Höhe des Auktionsergebnisses deckt einen großen Teil der zusätzlichen Kosten für den Kohleausstieg“, sagte Torsten Köhne, Vorstandschef der SWB, zum Ausgang der Auktion.

Die weiteren technischen Voraussetzungen für den Ausstieg seien auf den Weg gebracht und müssten jetzt genehmigt und realisiert werden. Die SWB besitzt ein weiteres mit Kohle betriebenes Kraftwerk in Hastedt. Für diesen Standort ist neben der Teilnahme an einer der folgenden Auktionen ein weiteres Szenario denkbar: einen Zuschuss für den Umstieg von Kohle auf Gas zu erhalten. Vom Kohleausstieg sind bei der SWB rund 170 Arbeitsplätze betroffen. Für nahezu alle Mitarbeiter sei es bisher gelungen, neue Aufgaben im Konzern zu finden.

Wie bewertet die Politik den Ausgang?

Generell sehen Bremer Politiker den Zuschlag für die SWB als wichtigen Schritt zum Kohleausstieg. Der Zuschlag schaffe Planungssicherheit für das Unternehmen und die Mitarbeiter, sagte Arno Gottschalk, Sprecher der SPD-Bürgerschaftsfraktion für Klima, Umwelt und Energie. Bremens Klimasenatorin Maike Schaefer (Grüne) sprach ebenfalls von einem „Meilenstein Bremens zum Ausstieg aus der Kohleverstromung“. Bedauerlich sei, dass das Kohlekraftwerk in Farge nicht ebenfalls zum Zuge gekommen sei: „Wie es dort perspektivisch weitergeht, werden wir sehr genau prüfen.“

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Als großen „Schritt Richtung Klimaneutralität im Land Bremen“ sieht auch Martin Michalik, CDU-Fraktionssprecher für Energie und Klimaschutz und Vorsitzender der Bremer Enquete-Kommission, den Ausgang der Auktion. BUND-Landesgeschäftsführer Martin Rode forderte, dass die Kraftwerke in Hastedt und Farge ebenfalls schnellstens stillgelegt werden müssen. Die Politik dürfe sich nicht ausruhen. Das Aus für das Kohlekraftwerk im Hafen, so Rode, sei von großer Bedeutung für den Klimaschutz im Bundesland.

Wie geht es mit Farge denn jetzt weiter?

Der Betreiber des Kraftwerks, die Unternehmensgruppe Onyx Power, will sich zum Auktionsverfahren vorerst nicht äußern. Dass Onyx sich am Bieterduell des Bundes beteiligt hat, wurde durch die Gewerkschaft Verdi bekannt. Sie hat kurz vor der Auktion mit der Geschäftsführung einen Tarifvertrag ausgehandelt, der eine soziale Absicherung der Beschäftigten im Fall der Stilllegung des Steinkohlekraftwerks regeln soll. Der Vertrag war Bedingung für eine Beteiligung an der Auktion. Gleichzeitig hält sich Onyx einen Weiterbetrieb seiner Anlagen in Farge offen. Demnach wird an einem Konzept gearbeitet, das vorsieht, künftig Holz statt Kohle zu verbrennen. Die Idee stößt vor allem bei den Grünen im Beirat auf Kritik. Sie befürchten, dass das Kraftwerk zu einer neuen Müllverbrennungsanlage wird, weil kein normales, sondern sogenanntes A3-Holz verfeuert werden soll: lackiertes, beschichtetes, verleimtes Holz. Beim Farger Kraftwerk geht es um 93 Arbeitsplätze.

Wer hat sich neben der SWB durchgesetzt?

Prämien zur Stilllegung hat es im ersten Schritt für elf Kraftwerksblöcke gegeben. Bremen gehört mit 303 MW Leistung zu den kleineren Standorten. Das Hamburger Steinkohlekraftwerk Moorburg des schwedischen Betreibers Vattenfall, das 2015 in Betrieb ging, geht ebenfalls vom Netz, obwohl es recht modern ist. Die beiden Blöcke verzeichnen eine Kapazität von jeweils 800 Megawatt. Der größte deutsche Stromerzeuger RWE erhält Prämien für zwei seiner Steinkohlekraftwerke in Nordrhein-Westfalen. Die großen Steinkohleverstromer Uniper und Steag sind ebenfalls mit Geboten zum Zuge gekommen. Daneben taucht ein Exot in der Liste auf: Südzucker schaltet die Kraftwerke zweier Zuckerfabriken (Warburg 4,6 MW und Brottewitz 3,6 MW) ab.

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Und was bekommen die Unternehmen?

Insgesamt werden an die Kraftwerksbetreiber rund 317 Millionen Euro ausgezahlt. Weil die Gebote unter das Betriebs- und Geschäftsgeheimnis fallen, wird die Bundesnetzagentur nicht genauer, wer wie viel bekommt. RWE legte derweil offen, für die Abschaltung der Kraftwerke eine Prämie von 216 Millionen Euro zu erhalten. Der Zuschlagswert lag im Schnitt bei 66.259 Euro pro Megawatt Kraftwerksleistung. Allerdings gingen die Gebote weit auseinander: von 6047 bis 150.000 Euro pro MW. Die SWB macht keine Angaben, wie hoch die Prämie für sie ausfällt. Die Betreiber halten sich vermutlich auch deshalb bedeckt, weil noch Auktionen folgen.

Was sagen Kritiker zum Verfahren?

Bemängelt wird, dass die Stromkonzerne Geld für Anlagen erhalten, die nicht mehr rentabel seien. „Die meisten der Kohlekraftwerke, die jetzt einen Zuschlag für die Stilllegung bekommen haben, wären zeitnah auch alleine aus dem Markt gegangen“, sagte der Fraktionsvize der Grünen im Bundestag Oliver Krischer.

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