Energieexperte Erst jeder Zehnte hat den Gasanbieter gewechselt

Bremen. Nicht nur in Bremen sind Gaskunden gegen ihren Versorger vor Gericht gezogen. Über die Streitlust der Verbraucher und neue Entwicklungen am Gasmarkt sprach Petra Sigge mit dem Energieexperten des Bundesverbandes der Verbraucherzentralen, Holger Krawinkel.
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Bremen. Nicht nur in Bremen sind Gaskunden gegen ihren Versorger vor Gericht gezogen. Über die Streitlust der Verbraucher und neue Entwicklungen am Gasmarkt sprach Petra Sigge mit dem Energieexperten des Bundesverbandes der Verbraucherzentralen, Holger Krawinkel.

Der Streit um Gasrechnungen beschäftigt bundesweit die Gerichte. Um wie viele Verfahren geht es da eigentlich?

Holger Krawinkel:Das sind auf jeden Fall Hunderte von Verbrauchern, einige davon sind Einzelkämpfer, für viele Verbraucher haben die Verbraucherzentralen Ansprüche gebündelt und eingeklagt. Eine besondere Konzentration gibt es unter anderem in Hamburg, Berlin und Bremen.

Haben die Richter in den bisher entschiedenen Verfahren eher zugunsten der Verbraucher oder im Sinne der Unternehmen geurteilt?

Man kann schon sagen, dass die überwiegende Zahl der Fälle zugunsten der Verbraucher entschieden wurde. Was es anderen Gaskunden, die bis dahin nur Widerspruch eingelegt, aber nicht selbst geklagt hatten, natürlich leichter machte, eigene Rückzahlungsansprüche in einem gesonderten Verfahren durchzusetzen.

Aber ein Ziel wurde nicht erreicht: die gerichtliche Überprüfung, ob die Gaspreise zu hoch und damit, wie es so schön heißt, "unbillig" sind.

Das stimmt. Es hat anfangs unterschiedliche Verfahren gegeben - zum einen die Billigkeitsüberprüfungen und andererseits die Verfahren wegen unzulässiger Preisänderungsklauseln. Und nur im letzteren Fall sind Verfahren erfolgreich durchgeklagt worden. Was die Prüfung der Gaspreise angeht, haben sich die Richter eher zurückgehalten. Durch den zunehmenden Wettbewerb sind solche Klagen inzwischen jedoch weitgehend hinfällig geworden.

Kann man denn tatsächlich schon von einem funktionierenden Wettbewerb beim Gas sprechen?

Zumindest sind seit ein, zwei Jahren deutliche Verbesserungen zu spüren. Selbst im ländlichen Raum haben die Verbraucher mittlerweile die Auswahl unter mehreren Anbietern, die zum Teil deutlich preisgünstiger sind als die etablierten Versorger.

Wie gelingt ihnen das?

Seit der Wirtschaftskrise, in der industrielle Abnehmer ihren Verbrauch drastisch reduziert hatten, haben wir ein starkes Überangebot auf dem Gasmarkt. Während die traditionellen Versorger mit ihren Lieferanten meist langfristige Verträge mit Ölpreisbindung haben, sind die neuen Unternehmen flexibel und können sich am Spotmarkt eindecken und damit die Marktlage jetzt für sich nutzen. Experten sprechen von Unterschieden im Einkaufspreis von 20 bis 30 Prozent. In welcher Höhe das dann an die Endkunden weitergegeben wird, ist natürlich eine andere Frage. Aber ich denke schon, dass viele Verbraucher bei der Wahl eines günstigeren Anbieters durchschnittlich 100 bis 200 Euro im Jahr sparen können - teilweise auch deutlich mehr.

Motiviert das die Verbraucher genügend, ihren Gasversorger zu wechseln?

Bei Gas sind haben bisher gerade mal zehn Prozent gewechselt - im Strombereich sind es doppelt so viele. Manche haben vielleicht noch nicht mitbekommen, dass sie auch den Gasversorger wechseln können. Aber sicher spielt auch eine gewisse Trägheit eine Rolle. Es will sich eben nicht jeder auch noch mit diesen Dingen beschäftigen.

Oder herrscht nicht vielmehr noch Skepsis, ob der Wettbewerb am Gasmarkt tatsächlich von Dauer ist?

Ich gehe davon aus, dass ein immer größerer Anteil künftig an der Börse gehandelt wird und die Bindung vom Gas- an den Ölpreis nach und nach aufgegeben wird. Früher hatte die Ölpreisbindung sicher ihre Vorteile, weil sie Preisschwankungen etwas gedämpft hat. Inzwischen gibt es im Ölmarkt aber deutlich mehr Knappheitssignale als beim Gas. Ein Festhalten an der Preisbindung würde den Gaspreis also ungerechtfertigt mit in die Höhe ziehen. Wenn es weltweit zu einer wirtschaftlichen Erholung kommt, muss man natürlich damit rechnen, dass auch die Gaspreise wieder anziehen. Aber sie werden sicher nicht mehr so stark ansteigen wie die Ölpreise.

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