Bremens Preisträger für innovatives Handwerk

Erst Tierärztin, dann Putzhilfe und jetzt Augenoptikern

Mit Kraft und Willen hat es Augenoptikerin Alesya Fox zu ihrem eigenen Ladengeschäft geschafft. Sie, der Sanitärbetrieb Uwe Röhrs und Joona Hellwegs „Brotbude“ sind beim Mahl des Handwerks ausgezeichnet worden.
06.11.2019, 19:30
Lesedauer: 3 Min
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Erst Tierärztin, dann Putzhilfe und jetzt Augenoptikern
Von Florian Schwiegershausen
Erst Tierärztin, dann Putzhilfe und jetzt Augenoptikern

Gratulation an die Preisträger (von links): Handwerkskammer-Präses Thomas Kurzke, Steffen Röhrs, Joona Tim Hellweg, Alesya Fox, Sparkassen-Vorstand Heiko Staroßom und Kammer-Hauptgeschäftsführer Andreas Meyer.

Koch

Alesya Fox hat beruflich einiges hinter sich. Die Ukrainerin studiert erfolgreich Tiermedizin in ihrer Heimat. Als sie nach Deutschland zieht, wird ihr Studium nicht anerkannt. Dann geht ihre Ehe in die Brüche. Fox ist auf sich allein gestellt, geht putzen, um sich und ihren Sohn über Wasser zu halten. Durch eine Zeitungsanzeige erfährt sie von der Möglichkeit, sich zur Augenoptikerin umschulen zu lassen. Sie fragt in der Arbeitsagentur, doch die will die Umschulung nicht bezahlen. Davon lässt sie sich nicht entmutigen: Sie geht trotzdem ins Bildungszentrum der Bremer Handwerkskammer, wo die Umschulung läuft. Sie hat Glück, trifft dort auf Hilfe, lässt sich zur Optikerin umschulen und besteht die Prüfung.

Brillen für Demenzkranke

Mit Unterstützung ihres jetzigen Ehemannes konnte sie ihre Meisterprüfung beenden und hat inzwischen in Horn ihr eigenes Fachgeschäft eröffnet. Wer nicht mobil genug ist, zu dem kommt die Ukrainerin aber auch nach Hause. Das sind auch Seniorenresidenzen. „Der Bedarf ist riesengroß“, sagt die 41-Jährige. Inzwischen hat sie 500 Kunden. Mit einem speziellen Messgerät kann sie auch Demenzkranken zur richtigen Sehstärke verhelfen. Ihre Brillen sind nur aus europäischer Herstellung, notfalls kann sie die Sehhilfe innerhalb von 30 Minuten fertig machen. Am Mittwochabend hat sie den diesjährigen Preis „Innovatives Handwerk“ in der Kategorie Existenzgründung erhalten. Lob gab es von der Handwerkskammer. Präses Thomas Kurzke und Hauptgeschäftsführer Andreas Meyer priesen Fox‘ Hartnäckigkeit, trotz schwieriger Umstände ihre Ziele zu verfolgen. Auf die Frage, wo sie all diese Kraft her nimmt, sagte sie: „Deutschland ist das Paradies, um etwas zu erreichen – wenn du dich anstrengst.“

Tablet statt Arbeitszettel

Ebenso wurde der Sanitärbetrieb Uwe Röhrs aus der Neustadt in der Kategorie „Technologie“ ausgezeichnet. Steffen Röhrs übernahm das Unternehmen 2015 von seinem Vater Uwe und investierte in die Digitalisierung, arbeitet nun mit Datenservern. Statt Arbeitszetteln sind die Mitarbeiter seitdem mit einem Tablet beim Kunden. Dadurch können die Gesellen vor Ort auch schneller Preise abfragen, wenn es die Situation erfordert. Steffen Röhrs sagt, dass sie nun Termine besser planen können und die Arbeitsprozesse transparenter seien. „Bei der Umsetzung war es am Ende sogar mehr mein Vater, der da Dampf gemacht hat“, sagt Steffen Röhrs. Gleichzeitig vertreibt der Betrieb bundesweit Heizungsanlagen mit Brennstoffzellen. Da sei es notwendig, digital unterwegs zu sein: „Die Anlagen checken sie heutzutage per App und erhalten auch Daten der letzten Wartungen“, sagt Röhrs. Der digitale Aspekt helfe, neue Mitarbeiter und Nachwuchskräfte zu gewinnen.

Beim Backen zuschauen

In der Kategorie „Gesellschaftliche Verantwortung“ wurde der 24 Jahre alte Bäckermeister Joona Hellweg ausgezeichnet. In seiner gläsernen Bäckerei im ehemaligen Kino Capitol in Bremen-Grohn können ihm die Kunden beim Backen zuschauen. „Für sie waren aber unsere Öffnungszeiten erst ungewohnt“, sagt Hellweg. Die sind von Dienstag bis Sonnabend, jeweils von sieben bis 14 Uhr. So will er seinem Team zwei zusammenhängende freie Tage garantieren. Die Jury zeigte sich beeindruckt, wie ganzheitlich der Jungbäcker den Betrieb ausgerichtet hat. Dabei beschränkt er sich auf das Wesentliche: Mehr als zehn Sorten Brot und zehn Sorten Brötchen gibt es nicht. Hellweg hat in einer Biobäckerei gelernt, setzt aber lieber auf Rohstoffe und Zutaten aus der Region. Im vergangenen Dezember eröffnete er den Laden. „Wir schreiben schon jetzt schwarze Zahlen.“

Potenzial der Mitarbeiter fördern

Sparkassen-Vorstandsmitglied Heiko Staroßom lobte am Abend beim „Mahl des Handwerks“ vor gut 250 Gästen im Finanzzentrum am Brill den Schaffenswillen der Preisträger, die sich insgesamt über 6000 Euro Preisgeld freuen können. Von der Handwerkskammer appellierten Präses Thomas Kurzke und Hauptgeschäftsführer Andreas Meyer an die anwesenden Unternehmer, das Potenzial ihrer Mitarbeiter zu erkennen und zu fördern.

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