Start-up Entosus

Erste Bio-Zucht für essbare Insekten in Bremen

Mit seinem Unternehmen Entosus will Florian Berend die erste Bio-Zucht für essbare Insekten in Bremen aufbauen. Er will, dass die Menschen Insekten probieren, statt sich vor ihnen zu ekeln.
01.03.2020, 21:05
Lesedauer: 4 Min
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Erste Bio-Zucht für essbare Insekten in Bremen
Von Maurice Arndt
Erste Bio-Zucht für essbare Insekten in Bremen

Florian Berendts Grillen fühlen sich bei konstant 30 Grad wohl. In dieser Umgebung können sie bis zu 80 Tage alt werden.

Christina Kuhaupt

Seinen Arbeitsplatz teilt sich Florian Berendt mit mehr als 1000 Grillen. Mit seiner Geschäftspartnerin und Lebensmitteltechnikerin Melanie Christians züchtet er Insekten, um sie später essen zu können. Er hofft, dass sich künftig immer weniger Menschen vor den kleinen Tierchen ekeln und sie stattdessen mal probieren. Mit seinem Unternehmen Entosus möchte Berendt die ersten Bio-Grillen der EU herstellen – und damit einen Beitrag zur Ernährung der Zukunft leisten.

Etwa fünf Quadratmeter misst das Herzstück von Entosus. Der Name setzt sich aus den englischen Worten für nachhaltige Insektenernährung (entomophagy, sustained) zusammen. In einem gemieteten Raum im Waller Bunker an der Holsteiner Straße hat Agraringenieur Berendt eine Holzkammer aufgebaut. Von außen ähnelt sie einer Blocksauna, mit konstant 30 Grad ist die Temperatur in der Holzbox jedoch etwas geringer. An einer Wand steht ein Regal, in dem Plastikkisten verstaut sind. In jeder Kiste leben mehrere hundert Grillen. Sie sind ausgestattet mit einem Wassertrog, einem Futtergitter sowie zahlreichen Eierpappen. „Die sind wichtig, damit die Tiere einen Rückzugsort haben. Außerdem haben sie dadurch eine größere Lauffläche. So können mehr Insekten in eine Box, ohne sich totzutrampeln“, erklärt Berendt.

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Eine richtige Zucht ist das noch nicht. Die hölzerne Zuchtbox ist eher ein Testlabor. Eine erste Pilotfarm mit automatisierten Zuchtboxen würde er gerne bis Jahresende aufbauen. Acht Tonnen getrockneter Insekten im Jahr sollen so hergestellt werden. Dazu braucht das Start-up Geld. Deswegen läuft aktuell eine Crowdfunding-Kampagne, bei der das Unternehmen versucht, über das Internet 12.500 Euro im Gegenzug für kleine Geschenke einzusammeln. Läuft alles nach Plan, lockt die Pilotfarm Investoren an. In zwei bis drei Jahren könnte dann eine vollwertige Farm den Betrieb aufnehmen. Diese würde auf bis zum 1000 Quadratmetern 100 Tonnen essbare Insekten produzieren. Das entspräche rund der Hälfte des von Berendt aktuell geschätzten Bedarfs an essbaren Insekten für Deutschland.

Mindestens dreißig bis vierzig Tage werden die Insekten in der Farm künftig leben – das entspricht einem halben Grillen-Leben. Das beginnt als Ei in einem Inkubator. Nach spätestens zehn Tagen schlüpfen die Insekten und nach weiteren zwei Wochen bekommen sie einen Wachstumsschub. Sie sind dann zwischen zwei und drei Zentimetern groß. Für etwa die Hälfte geht es dann in den Froster. „Das ist die schonendste Art der Tötung“, sagt Berendt. Da Insekten Kaltblüter sind schlafen sie bei niedrigen Temperaturen einfach ein, wird es zu kalt wachen sie danach nicht mehr auf. Die andere Hälfte darf noch bis zu zwanzig Tage weiterleben, um für den Nachwuchs zu sorgen. Anschließend werden sie zu Mehl verarbeitet oder landen auf dem Kompost. Da sie bereits zu alt sind und Flügel haben, können sie nicht mehr gefroren und zu einer Speise verarbeitet werden.

EntoSus - Florian Berendt -Startup Grillen

Grillen haben dank zahlreicher Vitamine und Mineralstoffe einen hohen Nährwert. Zudem kann man sie – im Gegensatz zu anderen
tierischen Produkten – komplett verarbeiten.

Foto: Christina Kuhaupt

Auch Deutsche mit Interesse an Insekten als Nahrungsmittel

Bevor sich der 31-jährige Berendt Gedanken über Insekten machte, kümmerte er sich um Hühner. Vor zehn Jahren arbeitete er, wie heute auch noch, bereits in der Bio-Landwirtschaft. Parallel lebte er in einem alternativen Wohnprojekt, kümmerte sich dort um die Hühnerzucht. „Ich fand es immer spannend, als die Tiere auf Insekten trafen. Ich dachte mir: Das ist eine gute Nahrungsquelle.“ Im Sommer vergangenen Jahres entschied er sich dazu, sich stärker mit Insektenernährung zu befassen. Wegen einer Studie, die zeigt, dass auch Deutsche Interesse an Insekten als Nahrungsmittel haben, setzte er aber nicht auf Insekten für Tiere, sondern eben für Menschen. Es sei schließlich effizienter, die nährstoffreichen Grillen direkt zu sich zu nehmen.

Im Vergleich zu herkömmlichen Tierprodukten hätten Insekten viele Vorteile für den Menschen: verschiedene Vitamine, Mineralstoffe oder der Stoff Chitin, aus dem die Grillenpanzer bestehen, sorgen für einen hohen Nährwert. Gleichzeitig verbraucht die Produktion der getrockneten Insekten deutlich weniger Wasser, Nutzfläche und Futter, als die Fleischproduktion. „Insekten sind einfach effizienter. Vor allem, weil man 100 Prozent von ihnen verzehren kann“, sagt Unternehmensgründer Berendt, schon eine Handvoll mache satt. Auch die CO2-Bilanz sei besser, als in der herkömmlichen tierischen Landwirtschaft.

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Berendt will keineswegs Fleisch durch Insekten ersetzen. Der Agraringenieur ernährt sich zwar viel von Insekten, isst aber auch „gerne ein Stück Bio-Rindfleisch“. Er denkt, dass die Zukunft der Ernährung ein Mix sein sollte: vegan, vegetarisch, Fleisch und eben Insekten. Alles möglichst nachhaltig, Bio und ausgewogen. „Insekten sind nicht die eine Lösung, sie sind aber ein Puzzleteil“, sagt er.

Importiertes Spezialfutter aus Finnland

Damit die Grillen von Entosus aber auch nachhaltig und die ersten Bio-Insekten in Europa sind, muss zunächst noch ein Futter entwickelt werden. Die bisherige Grundpopulation, deren Nachfahren Ende des Jahres in der Pilotfarm leben sollen, bekommt bisher importiertes Spezialfutter aus einer Farm in Finnland. Von dort kamen auch die ersten Insekteneier für die aktuelle Population. Künftig soll aber alles aus Bremen kommen. Deshalb entwickeln er und Christians ein Futter, das einzig aus Altbackwaren und anderen Reststoffen aus der Lebensmittelherstellung bestehen soll. Die Population ist bereits groß genug, um selbst ihre Existenz zu sichern.

Für Berendt ist es ganz normal seinen Arbeitsplatz mit tausenden von Grillen zu teilen. Das Zirpen habe sogar etwas Beruhigendes. Doch viele Menschen ekeln sich vor Insekten. Wie möchte er die dazubekommen Grillen zu essen, als getrocknete Snacks oder in Proteinriegeln? „Es ist Gewöhnungssache. Hätte ich meine Oma vor zwanzig Jahren gefragt, ob sie Sushi, also rohen Fisch, essen würde – hätte sie mich wohl gefragt, ob es bei mir piept. Mittlerweile gibt es Sushi an jeder Ecke“, sagt er. Für seinen Sohn sei es bereits völlig normal, Grillen zu naschen.

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