Die Windmacher, letzter Teil: Verbandschef Hermann Albers fordert klares Bekenntnis zum Ausbau der Windkraft "Es stehen Arbeitsplätze auf dem Spiel"

Die Windkraftbranche beklagt eine zunehmende Verunsicherung durch die Berliner Politik. Mit Hermann Albers, Präsident der Bundesverbandes Wind-Energie (BWE), hat Krischan Förster zum Abschluss unserer Serie "Die Windmacher" gesprochen.
24.01.2011, 05:00
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Die Windkraftbranche beklagt eine zunehmende Verunsicherung durch die Berliner Politik. Mit Hermann Albers, Präsident der Bundesverbandes Wind-Energie (BWE), hat Krischan Förster zum Abschluss unserer Serie "Die Windmacher" gesprochen.

Als die Kanzlerin jüngst zum Energiegipfel bat, war kein Vertreter der Erneuerbaren Energien eingeladen. Hat Sie das enttäuscht?

Hermann Albers: Ja, natürlich und ich halte das für falsch. Gerade, wenn es um die Weiterentwicklung der Energiemärkte unter dem Aspekt des Klimaschutzes geht, sind die Erneuerbaren Energien, allen voran die Windkraft, unverzichtbar. Bereits heute halten die Erneuerbaren einen Anteil von 17 Prozent des Strommarktes. Nach unseren Berechnungen kann dieser Anteil bis 2020 auf 50 Prozent gesteigert werden. Die Bundesregierung will laut Energiekonzept 80 Prozent bis 2050 erreichen. Auf uns als Gesprächspartner zu verzichten, ist da genau das falsche Signal. Man muss sich schon fragen, wie ernst es die Bundesregierung mit ihren Klimaschutzzielen überhaupt meint.

Welche Gründe vermuten Sie?

Ich habe mehr und mehr den Eindruck, dass diese Bundesregierung sich nur noch mit den vier großen Monopolunternehmen unterhalten will. Das hatte sich ja leider auch schon beim neuen Energiekonzept gezeigt.

Sie meinen die Laufzeitverlängerung?

Ganz klar. So wird es schwer, die Klimaschutzziele zu erreichen. Die Laufzeitverlängerung für die Kernkraftwerke wird zu erheblichen Engpässen in den Stromnetzen führen. Da, wo schon Kernenergie drin ist, passt oft kein Windstrom mehr hinein. In Teilen ist das heute schon zu 20 Prozent der Laufzeit eines Windrades der Fall. So wird der Ausbau der erneuerbaren Energien erheblich behindert und verzögert. Die Gewinne, die durch die Laufzeitverlängerung bei den Energiekonzernen anfallen, sind zudem ein Wettbewerbsvorteil für die ohnehin kapitalstarken Unternehmen.

Sie fühlen sich benachteiligt?

Das tun wir. Unser Potenzial wurde im Energiekonzept leider bewusst kleingerechnet. Aber wir stehen damit nicht allein. Das geht auch anderen so, etwa den kommunalen Energieversorgern, immerhin knapp 800 Unternehmen in Deutschland. Wir sprechen da die gleiche Sprache.

Bei dem Energiegipfel ging es auch um den Plan von EU-Kommissar Oettinger, die Einspeisevergütungen für Ökostrom europaweit anzugleichen. Was halten Sie davon?

Wir sind strikt dagegen. Ich bin Bundesumweltminister Röttgen dankbar, dass wenigstens er deutliche Kritik geäußert hat. Weil dieser Plan die erneuerbaren Energien nicht fördert, sondern behindert. Wir haben dank des Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG) eine Spitzenposition in Europa erlangt. Nicht zufällig wurde das EEG von mehr als 50 Ländern kopiert.

Welche Konsequenzen fürchten Sie denn?

Mit der regenerativen Energieerzeugung sind in den vergangenen 20 Jahren in Deutschland 340000 Arbeitsplätze entstanden, darunter 103000 in der Windkraftbranche. Die Exportquote liegt bei 80 Prozent, das ist ein Spitzenwert im industriellen Vergleich. Das alles war nur möglich, weil wir bislang verlässliche Rahmenbedingungen hatten und so auch Projektfinanzierungen immer sichern konnten - selbst während der Krise. Bei einer voreiligen Harmonisierung würden wir alle Asse aus der Hand geben, sowohl national als auch international. Eine ganze Zukunftsbranche würde radikal ausgebremst. Und es käme zu einer Kostensteigerung für die Verbraucher.

Nun verweisen Kritiker aber gerade auf die Ökostrom-Zulagen als Kostentreiber...

... aber wir sind in Deutschland im europäischen Vergleich am kostengünstigsten. Das EEG schreibt zudem sinkende Vergütungssätze vor, bei der Windkraft um jährlich ein Prozent. Fehlentwicklungen in der Solarbranche werden gerade korrigiert, etwa durch eine vorgezogene Absenkung der Vergütung. Auf der anderen Seite werden bei allen Kostenrechnungen immer gern die Folgekosten der konventionellen Energieerzeugung vergessen. Denken Sie bei der Kernenergie an Asse oder Gorleben. Oder an die CO2-Emissionen der Kohlekraftwerke. Diese Kosten muss der Verbraucher auch zahlen, nur eben nicht über die Stromrechnung. Nimmt man das hinzu, sind die Erneuerbaren Energien heute schon wettbewerbsfähig, vor allem die Windenergie.

Wie hoch bewerten Sie denn Ihrerseits das Potenzial?

Wir könnten 3500 Megawatt jährlich zusätzlich installieren. Zuletzt waren es nur noch knapp 2000 Megawatt. Die Windkraftbranche könnte in den nächsten neun Jahren um die 10000 Megawatt Offshore errichten und an Land von heute 27000 auf 45000 Megawatt wachsen, auch durch das Aufrüsten alter Anlagen. Dann würde allein die Windenergie 25 bis 30 Prozent des Strombedarfs decken. Da liegt ein gigantisches Investitions- und Innovationspaket auf dem Tisch. Davon würden auch die Regionen massiv profitieren.

Was heißt das in Arbeitsplätzen?

Die Gesamtzahl der Jobs im Bereich der Erneuerbaren Energien könnte von heute 340000 auf 500000 bis 2020 steigen, in der Windkraftbranche wären es etwa 140000 Beschäftigte statt heute 103000. Das käme auch der Region um Bremen herum sehr zugute. Ich kann zu den bisherigen Erfolgen nur gratulieren. Der Nordwesten ist für die ganze Branche ein Schaufenster und ein Innovationstreiber. Aber die Unternehmen brauchen Sicherheit für ihre Planungen.

Was fordern Sie?

Zurzeit ist die Branche durch die laufenden Debatten stark verunsichert. Wir brauchen in erster Linie Verlässlichkeit und Kontinuität. Dieser Pfad darf nicht verlassen werden, sonst stehen Investitionen und Arbeitsplätze auf dem Spiel. Weltweit wird dieser Markt zulegen, das ist für Deutschland und für den Klimaschutz eine Riesenchance. Wir bereiten heute bereits Projekte für die Jahre 2012 bis 2014 vor. Da brauchen Banken, Planer, Investoren und Hersteller klare Perspektiven, um auch eine Finanzierung hinzubekommen.

Was muss also geschehen?

Wir brauchen ein Beschleunigungsprogramm für den Ausbau der Stromnetze für die nächsten fünf bis zehn Jahre. Bislang gibt es da nicht viel außer Bekenntnissen. Wir brauchen eine Fortschreibung des EEG und eine auskömmliche Vergütung. Die dritte Forderung, die sich ebenso an die Industrie selbst richtet, betrifft die Entwicklung neuer Speichertechnologien, damit wir auch windarme Zeiten überbrücken können. Da ist die Branche auch bereit zu investieren. Die Bundesregierung muss jetzt klare Signale geben.

Sind Sie optimistisch?

Ich glaube, dass die Stimmen der Bundesländer noch wichtig werden. Viele haben bereits die Weichen gestellt. Nordrhein-Westfalen will die Fläche für Windkraft verdreifachen, andere wollen verdoppeln. Sie müssen mit uns zusammen für den richtigen Weg kämpfen.

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