Interview mit einem ehemaligen Piloten

„Fliegen ist zu selbstverständlich geworden“

Werner Vogel war von 1971 bis 2002 Linienpilot. Im Interview spricht er über den Traumberuf Pilot, Fridays for Future und darüber, ob er heute noch einmal Pilot werden würde.
06.10.2020, 05:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Gerald Wessel
„Fliegen ist zu selbstverständlich geworden“

Heute steigen „junge Piloten in eine vollkommen andere Berufswelt ein“, meint der ehemalige Lufthansa-Pilot Werner Vogel.

Boris Roessler /dpa
Herr Vogel, ein junger Mensch kommt zu Ihnen und sagt: Ich träume vom Fliegen, ich will Pilot werden. Bestärken Sie ihn oder sie?

Werner Vogel: Eine berechtigte Frage und ich wurde das schon oft in meinem Leben gefragt. Aber die Antwort wird bereits seit Mitte der 80er-Jahre nicht leichter, eher immer schwerer. Denn das einst relativ klare Berufsbild eines Piloten, der viele Privilegien genoss und sich über wenig Sorgen machen musste, hat sich doch sehr verändert. Ich konnte den Traum des Fliegens leben und dabei sogar noch andere Leidenschaften befriedigen: mein Fernweh und den Wunsch nach Völkerverständigung. Den Wunsch, dies zu tun, haben auch heute noch viele junge Menschen mit mir gemeinsam, aber sie steigen als junge Piloten in eine vollkommen andere Berufswelt ein, die nur noch wenig mit der meinigen von einst zu tun hat.

Was hat sich verändert?

Man muss wohl eher fragen: Was hat sich nicht verändert? Es ist nämlich fast alles anders. Die einstigen sozialen Standards, also die Absicherung, die Bezahlung sowie die Rahmenbedingungen, unter denen viele heutige vor allem junge Kollegen arbeiten, grenzen an Ausbeutung. Dies betrifft aber vor allem die Billigairlines, die zuletzt noch stark wuchsen. Aber das geht auf Kosten der Menschen im Unternehmen. Bei anderen Fluglinien, wie der Lufthansa, sieht das besser aus, aber im Vergleich zu früher kann sich meine Generation glücklich schätzen. Es war viel einfacher, diesen Traum zu leben.

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Sind die Zeiten des Traumberufs Pilot vorbei?

In gewisser Weise ja, die Arbeitsplätze werden bedingt durch die schrumpfende Flotte rarer. Viele bekommen kein Cockpit mehr und so können immer weniger den Traum leben. Zugleich verliert mancher Kapitän sein Muster, weil sein Muster, wie zum Beispiel der A380, stillgelegt wird. Aber Linienpilot zu sein, ist an sich fantastisch. Du bist Herr über eine mitunter 300 Tonnen schwere Maschine, die über Meere und Kontinente fliegt. Viel toller wird's nicht. Aber die Bedingungen, unter denen die Piloten arbeiten, werden nicht besser.

Zum Beispiel?

Früher regelten beispielsweise Manteltarifverträge die arbeitstechnischen Rahmenbedingungen, die weitaus komfortabler waren, als die gesetzlichen Grenzwerte. Doch die tarifvertraglichen Grenzen haben sich angesichts verschärfter wirtschaftlicher Zwänge immer mehr den gesetzlichen Limits angenähert. Heute gehen quasi alle an die gesetzlichen Mindeststandards ran, um eben auch die Kosten zu drücken. Fliegen ist zu selbstverständlich geworden. Wir können uns diesen Verkehr eigentlich ökologisch nicht mehr leisten. Es sollte kein Massenprodukt sein, dafür sind die Umweltkosten zu hoch.

Darf ein junger Mensch, der sich zum Beispiel bei Fridays for Future engagiert, also überhaupt noch vom Fliegen träumen?

Eigentlich nein. Aber das muss jeder für sich entscheiden, ob er das vereinbaren kann. Die Hoffnung muss auf der Technologie liegen. Wir brauchen umweltverträgliche Antriebe, wenn wir auf Dauer diese – auch jetzt stark verringerte – Menge an Flügen und damit auch die Zahl der Piloten und der Menschen, die ihren Traum leben können, aufrechterhalten wollen. Aber bisher wurde die Ersparnis bei neuen Triebwerken immer wieder durch höhere Passagierzahlen umwelttechnisch negiert. Die Verbrennungsmotoren bleiben eine schwere Hypothek für die Branche. Wir wissen heute einfach mehr als früher, wir denken globaler als früher und auch das verändert das Berufsbild des Piloten. Es nimmt ihm einen Teil des Zaubers.

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Würde Sie heute noch mal Pilot werden?

Schwer zu sagen, aber wahrscheinlich nicht, wenn ich drüber nachdenke. Die Lufthansa bot mir die Chance, meine Leidenschaften zu verbinden, und diese Chance ergriff ich und hab es nie bereut. Ich hatte aber auch andere Ideen. Heute würden manche von denen – Medizin oder in der Technik – im Angesicht der Lage der Branche wohl reizvoller sein.

Das Gespräch führte Gerald Weßel.

Info

Zur Person

Werner Vogel (73), war von 1971 bis 2002 Linienpilot. Seine Karriere begann 1969 als Schüler an der Bremer Flugschule. Danach flog er viele Boeing-Maschinen, bis er 2002 in den Ruhestand ging.

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