An Bremer Schulen

Fach Wirtschaft ab der siebten Klasse gefordert

Der Verband „Die Familienunternehmer“ fordert für Bremens Schulen die Einführung des Schulfachs Wirtschaft ab der siebten Klasse. Zudem kritisieren sie, wie Unternehmer in Schulbüchern dargestellt werden.
03.05.2019, 20:24
Lesedauer: 4 Min
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Fach Wirtschaft ab der siebten Klasse gefordert
Von Florian Schwiegershausen
Fach Wirtschaft ab der siebten Klasse gefordert

Der Familienunternehmer-Verband fordert in Bremens Schulen das Fach Wirtschaft bereits ab der siebten Klasse – aber nicht mit den Schulbüchern, die derzeit im Einsatz sind.

123RF

„Ich bin fast 18 und hab keine Ahnung von Steuern, Miete oder Versicherungen. Aber ich kann 'ne Gedichtsanalyse schreiben. In 4 Sprachen“, schrieb die Abiturientin auf Naina vor vier Jahren auf Twitter. Was folgte war eine hitzige Diskussion, die in ganz Deutschland geführt wurde. Denn die Schülerin des alt-ehrwürdigen Kölner Ursulinengymnasiums hatte damit den Nerv vieler Mitschüler getroffen.

Steuern, Miete und Versicherungen sind Teile des Wirtschaftslebens. Und um das, was Bremens Schüler darüber im Unterricht lernen können, steht es laut Verband „Die Familienunternehmer“ schlecht. Ihre Studie, die sie beim Zentrum für ökonomische Bildung an der Uni Siegen in Auftrag gegeben hatten, zeige, dass die Vermittlung alltäglicher Wirtschaftszusammenhänge an Bremens Schulen nicht ausreichend stattfindet. Der Bremer Regionalvorsitzende der Familienunternehmer, Michael Kleine, sagt: „Nicht nur die vielen Vergleichstests und die hohe Schulabbrecherquote stellen der Bremer Bildungspolitik ein mangelhaftes Zeugnis aus. Jetzt haben wir schwarz auf weiß, dass es um die ökonomische Schulbildung schlecht bestellt ist.“

Die Studie zeige zudem, dass sich in den Schulbüchern, die in Bremen zum Einsatz kommen, überwiegend Globalisierungs- und Marktskepsis finden. So kämen Unternehmen und ihr Anteil am gesellschaftlichen Miteinander kaum vor – wenn doch, zumeist negativ. Der Leiter der Studie, der Wirtschaftswissenschaftler Hans Jürgen Schlösser, stellt unter anderem fest: „Für alle untersuchten Schulbücher gilt, dass der Unternehmer als Person kaum ausdrücklich vorkommt. Seine Bedeutung für die Dynamik der Wirtschaft wird vernachlässigt.“

Zwar werde die Wirtschaftsordnung in der Regel ausführlich behandelt, diese hätten aber eine marktskeptische Schlagseite. So werden beim Thema Globalisierung eher die Risiken als die Chancen betont. Schlösser stellt außerdem fest: „Die Analyse der Schulbücher für Geografie und Geschichte zeigt, dass beide Fächer als Ankerfächer für ökonomische Bildung nicht geeignet sind.“ Die Schulbücher für die Studie sind von den Verlagen Cornelsen, Diercke, Klett, Schönigh, Schroedel und Westermann.

Mischfächer nicht geeignet

Deshalb fordern die Familienunternehmer für alle weiterführenden Schulen im Land Bremen das Fach Wirtschaft bereits ab der siebten Klasse. Denn Geschichte, Geografie oder Mischfächer hält auch Kleine für nicht geeignet: "In diesen Fächern werden keine ausreichenden Einblicke in die Funktion der Sozialen Marktwirtschaft vermittelt. Leider ist hierfür auch die Mehrheit der Lehrer nicht ausgebildet.“ Der Familienunternehmer fürchtet zudem, dass es nicht gelingen werde, mehr junge Leute fürs Gründen zu begeistern, wenn Selbstständigkeit und Unternehmertum im Unterricht negativ dargestellt oder nur am Rande erwähnt werde. Entsprechend reiche das Schulfach Wirtschaft/Arbeit/Technik in der Sekundarstufe I der Bremer Oberschulen und Gymnasien nicht aus.

Das sieht Bernd Winkelmann, Bremer Landesvorstandssprecher der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW), anders: „Gerade das Fach “Wirtschaft/Arbeit/Technik„ hatten wir in dieser Ausrichtung favorisiert.“ Und da gehe es darum, den Schülern die Wirtschaft aus allen Blickwinkeln zu vermitteln, auch aus der Position des Arbeitnehmers. Winkelmann verweist auch auf das Bremische Schulgesetz, das unter anderem fordert, „die Schülerinnen und Schüler zu überlegtem, persönlichen, beruflichen und gesellschaftlichen Handeln zu befähigen.“

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Winkelmann hält ein Problem derzeit für viel wesentlich relevanter: „Unsere Sorge ist es, überhaupt junge Menschen für den Lehrerberuf begeistern zu können.“ Und es sei momentan auch viel wichtiger, ausreichend Sonderpädagogen für die Schulen zu finden.

Der Blick in die Wahlprogramme der Parteien für die Bürgerschaftswahl zeigt: Vor allem die FDP fordert mehr Beachtung von wirtschaftlichen Aspekten im Schulunterricht: „Themen wie zum Beispiel Wertschöpfung, Steuern, Existenz- oder Unternehmensgründung werden bisher nur unzureichend behandelt.“ Die Linke fordert in ihrem Wahlprogramm eine vielfältige und nachhaltige Ausbildung, „die auch Fähigkeiten für das spätere Leben lehrt, wie zum Beispiel Kochen oder Haushaltsplanung.“ Dabei sollen alle Fächer gleich wertgeschätzt werden.

Lehrbücher von fachfremden Autoren

Der SPD-Bürgerschaftsabgeordnete Mustafa Güngor ist Unternehmer, war bei der Präsentation der Studie dabei und nimmt als Erkenntnis mit: „Mich hat verwundert, dass die Lehrbücher von fachfremden Autoren geschrieben werden.“ Und er sieht auch, dass einige Darstellungen in den Schulbüchern nicht mehr die Realität widerspiegeln: „Da wäre es mal an der Zeit für eine angemessene Überarbeitung.“ Und Schulen und Unternehmen sollten laut Güngör stärker in Kontakt treten

In Nordrhein-Westfalen soll nach den Sommerferien an Gymnasien das Fach Wirtschaft ab der Mittelstufe eingeführt werden. Das Gesetz dazu soll demnächst den Landtag passieren. Das gilt dann auch für das Kölner Ursulinengymnasium – zusätzlich zur Gedichtinterpretation in vier Sprachen.

Weitere Informationen

Am Montag, den 6. Mai, laden die Verbände „Die Familienunternehmer“ und „Die jungen Unternehmer“ ab 19 Uhr in den Bremer Industrie-Club am Markt zum Politik-Talk ein. Auf dem Podium werden die Spitzenkandidaten der Parteien für die Bürgerschaftswahl sein. Für die Veranstaltung gibt es noch einige Restplätze. Eine Anmeldung ist erforderlich im Netz auf www.familienunternehmer.eu/mehrmut.

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