Junge Köpfe für "Fakultät 73"

VW sucht Nachwuchs auf neue Art

VW geht bei der Ausbildung von Softwareentwicklern neue Wege: Abitur und Studium sind bei der „Fakultät 73“ kein Muss. Der Bedarf an IT-Fachkräften in der Branche ist groß.
07.08.2020, 05:00
Lesedauer: 3 Min
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VW sucht Nachwuchs auf neue Art
Von Lisa Boekhoff
VW sucht Nachwuchs auf neue Art

Mit der "Fakultät 73" sucht der VW-Konzern Junior-Softwareentwickler.

Ole Spata/DPA

73. Das scheint zunächst eine recht beliebige Zahl zu sein. Für VW aber verbirgt sich hinter ihr ein Stück Mobilität der Zukunft. Schließlich geht es bei der „Fakultät 73“ um den Nachwuchs in der IT des Konzerns. Und die gewinnt für die Industrie immer stärker an Bedeutung – ob autonomes Fahren oder Vernetzung. Autos sollen immer klüger werden, dafür sind kluge Köpfe bei der Entwicklung unabdingbar.

PS? Karosserie? Motoren? Für Rainer Mehl ist im neuen Zeitalter die Softwareentwicklung der Schlüssel für Erfolg in der Automobilindustrie. „Das Wettbewerbsfeld hat sich eindeutig auf Software verlagert“, sagt der Experte für die Automobilbranche und digitale Transformation vom Unternehmen Capgemini. In der Vergangenheit habe der Fokus der Hersteller im Wesentlichen auf dem Produkt gelegen. „Jetzt haben mittlerweile alle gelernt, dass in Zukunft die Softwarekompetenz den Unterschied macht.“ Schon die Smartphones zeigten, dass Apps entscheidend seien: „Das Produkt ist eine schöne Hülle. Dort sind wir heute auch bei Automotive.“

Nachholbedarf in Deutschland

Für die „Fakultät 73“ in Wolfsburg sucht VW die klugen Köpfe nun auf neue Art. Das zweijährige Qualifizierungsprogramm soll in jedem Durchgang 100 Teilnehmer zum Junior-Softwareentwickler machen. Studium oder Abitur sind keine Voraussetzung. In der Ausschreibung werden explizit „IT-Begabte“, „Studienabbrecher“ sowie Schüler mit oder kurz vor dem Abschluss angesprochen und Arbeitssuchende mit entsprechenden Fähigkeiten. Mitarbeiter können sich ebenfalls bewerben. „Wir sind damit personalpolitisch bei Volkswagen neue Wege gegangen“, zitiert die „Welt“ Gunnar Kilian, Personalvorstand von VW, zum Projekt. „Volkswagen ist heute schon ein riesiges IT-Unternehmen“. Bis 2025 soll VW dem Artikel zufolge in einer neuen Geschäftseinheit 5000 weitere Softwareentwickler bekommen.

Und bis dahin? „Einige Automobilhersteller holen sich die mangelnde IT-Kompetenz durch Partnerschaften mit IT-Unternehmen herein“, sagt Ellen Enkel, die an der Universität Duisburg-Essen den Lehrstuhl für BWL und Mobilität innehat. Die Kooperation zwischen Daimler und Nvidia, bei der es etwa um automatisiertes Fahren und das Navigieren auf Parkplätzen gehe, sei nur ein Beispiel. „Gerade bezüglich des autonomen Fahrens setzen die Konzerne auf Kooperationen“, sagt die Expertin auch mit Blick auf BMW und Intel. „Allerdings bedeutet Kooperation auch immer, einen Teil des eigenen Wissens preiszugeben.“ Auch bei der „Fakultät 73“ mischt Microsoft mit: Zwischen dem Softwarekonzern und VW gibt es eine Zusammenarbeit.

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Die mittel- und langfristige Alternative besteht aus Enkels Sicht jedoch im Aufbau eigener IT-Kompetenzen. Die Automobilindustrie müsse also dringend Mitarbeiter dafür gewinnen. Dabei zähle weniger ihr Abschluss als vielmehr Wissen und Erfahrung in der Problemlösung und Umsetzung. Eine eigene Weiterbildung im Unternehmen sei sinnvoll. Rainer Mehl weist auf die IT selbst hin: Die habe vor Jahren damit angefangen, Menschen ohne Informatikstudium eine Chance als Entwickler zu geben. „Das funktioniert erfolgreich.“ Die „Fakultät 73“ sei mit der Öffnung in puncto Abschluss eine Antwort auf den immer größeren Bedarf an Fachkräften.

Mercedes setzt derweil auf moderne Klassiker. „Die duale Berufsausbildung und das duale Studium sind das Herzstück unserer Nachwuchssicherung“, teilt eine Sprecherin von Daimler mit. Es gibt einen Studiengang Informatik. Zudem werden Fachinformatiker, Digitalisierungsmanager und IT-Systemelektroniker ausgebildet – mit Mittlerer Reife oder Abi. Neue Fachkräfte für neue Aufgaben sind hier ebenfalls begehrt: „Für den technologischen Umbruch der Autoindustrie hin zum elektrischen und autonomen Fahren suchen wir weltweit verstärkt nach Experten aus den Bereichen IT, Künstliche Intelligenz oder Virtual Reality.“

Tesla setzt auf eigenes Betriebssystem

Gerade bei einer wichtigen Komponente hat Tesla laut Branchenkenner Mehl einen Vorsprung vor der Konkurrenz: Der E-Auto-Hersteller setze auf ein eigenes Betriebssystem. Updates seien damit über das ganz Fahrzeug leicht möglich. „Das macht Tesla aus. Das führt bei sehr vielen Kunden zu Begeisterung – während deutsche Fahrzeughersteller hier ein bisschen hinterherhinken.“ Die seien öfter auf Dutzende verschiedene Systeme der Zulieferer angewiesen. „Wir fahren teilweise in Fahrzeugen mit veralteten Karten, obwohl ein Update ein Leichtes ist.“

Wer die Fakultät von VW erfolgreich abschließt, soll übernommen werden. Wer keinen Berufsabschluss hatte, muss sich im Anschluss zuvor zwölf Monate weiter ausbilden lassen: zum Fachinformatiker für Anwendungsentwicklung. Und 73? Warum eigentlich? Für Sheldon Cooper von „The Big Bang Theory“ ist die 73 wegen ihrer mathematischen Eigenschaften die beste Zahl. Binär lässt sie sich von hinten wie von vorne lesen: 1001001 – ein Palindrom und eine stimmige Serienreferenz für Nachwuchs in der IT.

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