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Fachkräftemangel in der Bremer IT-Branche

Die IT-Branche gehört zu den wichtigsten Wirtschaftszweigen in Bremen. Doch sie plagt der Nachwuchsmangel. Neue Formen der Ausbildung sollen Abhilfe schaffen.
14.07.2020, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Fachkräftemangel in der Bremer IT-Branche
Von Stefan Lakeband
Fachkräftemangel in der Bremer IT-Branche

Künstliche Intelligenz und Robotik spielen eine wichtige Rolle in Bremen. Doch die Branche kämpft mit Nachwuchssorgen.

Axel Heimken / dpa

Es ist selten, dass man das Wort „Hotspot“ dieser Tage in Verbindung mit etwas Positivem hört. Doch genau das sei Bremen eben, sagt Wirtschaftssenatorin Kristina Vogt (Linke), „ein Hotspot für künstliche Intelligenz“. Überdurchschnittlich viele Firmen in der Hansestadt entwickelten Produkte, die mit künstlicher Intelligenz (KI) zu tun hätten. In fast einem Drittel aller IT-Unternehmen werde sie selbst eingesetzt.

Diese Erkenntnis ist Teil einer Studie, die der Branchenverband Bremen Digitalmedia am Montag zusammen mit Vogt vorgestellt hat. Demnach wird das, was Bremer IT-Firmen in Sachen KI entwickeln, besonders häufig in digitalen Assistenten wie etwa Amazons Alexa eingesetzt, aber auch im industriellen Umfeld und in der Robotik.

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Setzen Unternehmen selbst künstliche Intelligenz ein, dann meistens in der Datenanalyse und im Marketing. Laut Roland Becker, Initiator des Clusters Bremen AI, das sich mit künstlicher Intelligenz beschäftigt und Firmen vernetzen will, haben regionale Unternehmen einen stärkeren Fokus auf KI als andere deutsche Standorte und „Bremen somit eine absolute Vorreiterrolle“.

Welchen Stellenwert die IT in der Hansestadt hat, zeigt sich beim Blick auf die gesamte Branche: Sie beschäftigt laut Studie, die das Institut Arbeit und Wirtschaft (IAW) erstellt hat, etwa 12 400 Fachkräfte – 3,7 Prozent aller Beschäftigten in Bremen. Gegenüber den vergangenen Jahren ist diese Zahl deutlich gewachsen. Hinzu kommen noch einmal 8000 Arbeitnehmer, die zwar einen IT-Beruf haben, aber nicht in der Branche arbeiten. Das kann zum Beispiel der Softwareentwickler sein, der bei einem Industrieunternehmen angestellt ist.

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Für Björn Portillo sind das gute Nachrichten, die aber auch zu Problemen führen. „Nicht nur wir als IT-Branche brauchen diese Fachkräfte, sondern auch andere Branchen“, sagt der Vorsitzende von Bremen Digitalmedia und Vorstand des Bremer IT-Unternehmens Hmmh. Doch genau an diesen Fachkräften mangele es. So gaben mehr als 70 Prozent der befragten Unternehmen an, Schwierigkeiten dabei zu haben, Stellen zu besetzen. 40 Prozent haben nach eigenen Angaben auf Ausschreibungen auch schon mal keine einzige Bewerbung erhalten. Bei der Suche nach neuen Mitarbeitern beschränken sich die IT-Firmen nicht nur auf Bremen und die Region: Rund ein Drittel beschäftigt auch Mitarbeiter aus dem Ausland.

Neben der Tatsache, dass sich manchmal gar keine Bewerber melden, ist häufig auch die Qualifikation ein Grund, warum Unternehmen Stellen nicht besetzen können. 45 Prozent der Studienteilnehmer gaben an, dass mangelnde Sprachkenntnisse der Bewerber ein Problem seien. Hierbei gehe es aber gar nicht mal ums Deutsche. „In vielen Unternehmen ist Englisch die Arbeitssprache“, sagt Vogt. Das größte Hindernis ist aber ein anderes. Oft fehle es an der fachlichen Qualifikation.

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Für Portillo ist daher klar: „Aus diesem Grund müssen dringend Wege gefunden werden, auch dem Nachwuchs mit einfachen Bildungsabschlüssen durch zusätzliche Qualifikationen einen Einstieg in unsere Branche zu ermöglichen.“ Daher plane man bereites mit Vertretern der bremischen Wirtschaft und aus der Bildung eine neue Ausbildung: zum Digitalen Assistenten Informatik. Sie soll sich an Jugendliche mit einfachen Bildungsabschlüssen richten und einen Einstieg in die Branche ermöglichen.

Ein anderes Mittel sollen laut Günter Warsewa vom IAW zusätzliche Qualifikationen sein, die Studierende an den Unis und Hochschulen erwerben sollen. Denn – auch das habe die Untersuchung gezeigt – die Betriebe bestätigten zwar, dass die Informatik-Ausbildung in Bremen gut sei. Für den Arbeitsalltag wäre es für sie jedoch wünschenswert, wenn mehr Studierende auch kaufmännische Kenntnisse oder im Coaching hätten. „Die Uni muss jetzt schauen, wie sie das hinbekommt“, sagt Warsewa.

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Einig sind sich der IAW-Forscher Vogt und Portillo bei einer Sache: Es müssen mehr Frauen in IT-Berufen arbeiten. Denn bislang sind gerade einmal 28 Prozent der Beschäftigten weiblich. Den Grund für dieses Ungleichgewicht sieht Portillo schon in der Schule, wo Schülerinnen für die IT begeistert werden müssten, aber auch an den Universitäten und den Betrieben. Er fordert daher, die IT-Ausbildung für Frauen attraktiver zu machen und die Fähigkeiten und Interessen von Frauen gezielt in den Fokus zu stellen. Sein Ziel: In den kommenden zehn Jahren soll die Ausbildungsquote von Frauen auf 50 Prozent gesteigert werden.

Erste Erfolge in der Ausbildung habe man bereits erzielt, sagt Portillo. So gebe es bereits duale Bachelor- und Masterstudiengänge, die Informatiker-Nachwuchs in Kooperation mit rund 30 Unternehmen ausbildeten. Die Studierenden lernen hier sowohl wissenschaftlich als auch praxisnah; Firmen soll es so gelingen, den Nachwuchs schon frühzeitig an sich zu binden. Denn nur weil jemand an einer Bremer Hochschule ein IT-Fach studiert, bleibt er anschließend nicht automatisch in der Hansestadt.

Und nur weil Bremen für Menschen mit IT-Berufen viel zu bieten habe, kämen Fachkräfte nicht automatisch in den Norden. Das kann einerseits mit dem Lohngefüge in Bremen zu tun haben: Laut Studie sind hier die Gehälter in der IT-Branche sechs Prozent geringer als im Bundesdurchschnitt – gleichzeitig sind aber auch die Lebenshaltungskosten niedriger als in anderen Regionen Deutschlands. Andererseits könne es auch an fehlendem Marketing liegen. So leitet der Branchenverband aus der Studie ab, dass sich der Standort attraktiver machen muss, indem Wirtschaft, Politik und Wirtschaftsförderung enger zusammenarbeiten.

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