Weil Kunden zu oft den Stromvertrag wechseln

Fahndung nach Schnäppchenjägern

Auf der einen Seiten locken Stromanbieter Neukunden mit Willkommensbonus. Auf der anderen Seite könnten zu wechselfreudige Kunden bald Probleme bekommen. Denn die Schufa will die Stromkunden kontrollieren.
09.09.2020, 07:52
Lesedauer: 3 Min
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Von Florian Schwiegershausen und Claus Haffert
Fahndung nach Schnäppchenjägern

Die Auswahl an Energieversorgern ist groß. Doch bei manchen, so das Ergebnis einer Erhebung, wird schon heute jeder fünfte Neukunde abgelehnt.

Jens Büttner / dpa

Strom- und Gaskunden, die ihren Anbieter häufig wechseln, könnten bald systematisch davon abgehalten werden. Denn die Schufa und die Münchener Wirtschaftsauskunftei CRIF Bürgel haben Datenbanken entwickelt, in denen offenbar branchenweit Vertragsdaten von Kunden gespeichert werden sollen, wie der NDR und die „Süddeutsche Zeitung“ berichten. Verbraucher- und Datenschützer fürchten, dass Energieversorger so wechselfreudige Verbraucher identifizieren und ablehnen. Anfang November wollen sich die Datenschutzbehörden der Länder bundesweit zu diesem Thema abstimmen. Die hessische Behörde sieht bisher keinen Einwand dagegen.

Momentan dürfen nur Daten von Kunden, die ihre Rechnungen nicht zahlen oder die betrügen, branchenweit ausgetauscht werden. Die neuen Datenbanken sollen dagegen auch Daten vertragstreuer Kunden enthalten. Der Datenschutzexperte und frühere Landesdatenschutzbeauftragte von Schleswig-Holstein Thilo Weichert sieht das sehr kritisch. Solche Pools führten dazu, dass Verbraucher unter den Anbietern nicht mehr frei wählen könnten. Die Kunden würden auf diese Weise „zum Freiwild der gesamten Branche“. Allerdings hat die Bundesnetzagentur nach eigenen Angaben keine Möglichkeit, solche Datenbanken zu untersagen.

Kritik von der Verbraucherzentrale

Die Verbraucherzentrale Bremen sieht eine solche Datenbank mit Sorge. Die Rechtsexpertin Nicole Mertgen-Sauer sagt: „Wenn man hier die sogenannten Bonushopper identifiziert und sie beim nächsten Wechsel vom neuen Stromanbieter abgelehnt werden, dann würde die Neukundenwerbung mit einem Willkommensbonus ja nicht mehr funktionieren. Denn da würde sich ja die Katze in den Schwanz beißen.“ Schließlich seien es ja viele Stromunternehmen, die Neukunden mit einem Bonus anlocken. Dabei ist es völlig legal, dass die Kunden jedes Jahr wechseln. „Sie sind dadurch ja nicht vertragsbrüchig“, sagt die Juristin. „Aber sie könnten in Zukunft bei zu vielen Wechseln das Problem bekommen, dass sie kein Anbieter mehr haben möchte.“ Die Übermittlung der Daten an die Schufa bezeichnet Mertgen-Sauer als „fragwürdig“. Sie stellt infrage, ob die Anbieter diese Datenweitergabe ihren Kunden transparent mitteilen.

Gerade durch die Boni werden ja laut Verbraucherzentrale Kunden angelockt. Wer nicht jedes Jahr den Anbieter wechseln will, sollte sich auf den Vergleichsportalen die Preise am besten ohne Boni anzeigen lassen. Denn die Erfahrung zeige, dass manche Stromversorger nur durch den Willkommensbonus günstiger erscheinen. Ab dem zweiten Vertragsjahr könne das anders aussehen. „Wenn das Bonussystem für die Stromanbieter nicht attraktiv ist, sollten sie doch überlegen, dieses System abzuschaffen, statt eine solche Datenbank zu schaffen“, fordert die Rechtsexpertin.

Die größte deutsche Wirtschaftsauskunftei, die Schufa, hat eine Datenbank namens „Schufa-E-Pool“ konzipiert, die laut einer Werbebroschüre unter anderem „wertvolle Hinweise“ zur Laufzeit des bestehenden Energievertrags enthalten solle. Schufa-Sprecher Ingo A. Koch betonte jedoch, der „Schufa-E-Pool“ sei bislang nicht „marktfähig“. Ohnehin sei „die Idee hinter dem E-Pool nicht das Verhindern eines Wechsels“, so Koch. Es werde in der Datenbank „nach gegenwärtigem Entwicklungsstand lediglich die faktische und zeitliche Existenz des aktuellen Energiekontos gespeichert“. Wie lange ein Verbraucher bei seinem letzten Versorger gewesen sei, sage nichts darüber aus, wie lange er bei seinem neuen Versorger bleibe oder ob er gar ein „Vielwechsler“ sei, sagt Koch. Mit solchen Informationen seien Energieversorger in der Lage, Kunden genauer zu bewerten und auch solche als Vertragspartner anzunehmen, die sie sonst vielleicht nicht annehmen würden.

Bayerns Datenschützer prüfen die Pläne

Auch die Wirtschaftsauskunftei CRIF Bürgel hat einen Pool für Energieversorger entwickelt, dessen Konzept derzeit von der zuständigen bayerischen Datenschutzbehörde geprüft wird. Das Unternehmen wollte sich auf Nachfrage nicht zu Details äußern. Man halte sich stets an geltendes Recht, heißt es.

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Seit der Liberalisierung des Strom- und Gasmarktes vor mehr als 20 Jahren können die Kunden ihren Lieferanten frei wählen – allein beim Strom zwischen mehr als 100 Anbietern. Doch nach Angaben der Bundesnetzagentur bezogen 2018 noch gut zwei Drittel aller Haushalte Strom vom angestammten örtlichen Versorger. Pro Jahr wechseln nur rund zehn Prozent der Haushalte ihren Stromanbieter. Allerdings berichtet das Portal Wechselpilot, dass bereits jetzt jeder fünfte Stromwechsler bei einem Neuvertrag abgelehnt werde.

Bei einer Umfrage unter 75 Energieversorgern haben nur einige grundsätzlich ablehnend reagiert. Von den drei größten deutschen Energieversorgern mit Privatkundengeschäft äußerte sich nur EnBW klar ablehnend zu solchen Datenbanken. Der WESER-KURIER hat nach einer Bewertung dieser Pläne bei Bremens Verbraucherschutzsenatorin Claudia Bernhard (Linke) und bei der Landesdatenschutzbeauftragten Imke Sommer nachgefragt. Eine Antwort lag bis Redaktionsschluss nicht vor.

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