Pause in Gefahr?

Fast jeder zweite Bremer arbeitet in der Mittagspause weiter

Nahezu jeder zweite Bremer verzichtet regelmäßig auf die Mittagspause. Ein Fehler, sagen Experten. Warum die Mittagspause ein wichtiger Bestandteil des Arbeitsalltags sein sollte.
18.01.2020, 05:33
Lesedauer: 4 Min
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Fast jeder zweite Bremer arbeitet in der Mittagspause weiter
Von Stefan Lakeband
Fast jeder zweite Bremer arbeitet in der Mittagspause weiter

Pause mit Ausblick: 1952 verbrachten einige Karstadt-Mitarbeiterinnen ihre Mittagspause auf dem Dach des Warenhauses in der Obernstraße. Auch nach heutigen Maßstäben eine gute Idee: Experten raten dazu, in der Pause mal den Kopf frei zu bekommen und sich mit Dingen zu beschäftigen, die nichts mit der Arbeit zu tun haben.

Otto Lohrisch-Achilles

Mal eben in die Kantine oder ganz entspannt zum Italiener um die Ecke: In der Mittagspause ist naturgemäß alles erlaubt – außer zu arbeiten. Doch genau daran halten sich viele Bremer nicht. Mehr als 45 Prozent der Beschäftigten geben an, oft auch in der Mittagszeit ihrem Job nachzugehen. Ist die Pause in Gefahr?

„Erquicklich ist die Mittagsruh, nur kommt man oftmals nicht dazu“, dichtete schon der 1832 geborene Wilhelm Busch. Er dachte zwar eher an einen entspannten Mittagsschlaf – sein Befund lässt sich aber ohne Probleme auf den modernen Angestellten von heute übertragen. Dass fast die Hälfte auch in der Mittagspause arbeitet, ist dabei nicht nur ein Bremer Problem: Ein fast identischer Wert ergibt sich für ganz Deutschland. Das fand das Start-up Smunch heraus, das dafür 5000 Beschäftigte aus der Bundesrepublik nach ihren Pausengewohnheiten befragte. Nur 19 Prozent geben demnach an, nie in der Mittagspause zu arbeiten.

Alles ist erlaubt

Dabei ist die Sache eigentlich ganz klar: „Eine Pause ist eine Erholung von der Arbeit“, sagt Alireza Khostevan von der Rechtsberatung der Arbeitnehmerkammer Bremen. „In dieser Zeit darf ein Arbeitnehmer machen, was er will.“ Er könne etwa in die Kantine gehe, sich ein Brötchen beim Bäcker holen oder eine Runde durch den Park spazieren. Selbst ein kleiner Snack am Schreibtisch sei erlaubt – solange er das freiwillig mache. Wenn ein Arbeitgeber seinem Angestellten vorschreibe, dass er am Arbeitsplatz Pause machen müsse, sei das keine Pause mehr – denn dann sei der Job überall, sagt Khostevan. Das Telefon könnte klingeln, der Kollege reinkommen, eine E-Mail aufpoppen. Streng genommen arbeitet auch schon, wer in der Pause im Restaurant oder in der Kantine nebenbei seine Mails auf dem Handy checkt oder mit dem Kollegen schnell noch ein paar Dinge abspricht.

Auf die arbeitsfreie Zeit hat laut Gesetz jeder Beschäftigte Anspruch, der sechs Stunden oder mehr am Tag arbeitet. Dann stehen ihm mindestens 30 Minuten zu, ab neun Stunden Arbeit sind es sogar 45 Minuten. „Ein Arbeitgeber kann natürlich auch längere Pausen gewähren“, erklärt Khostevan. „Es kostet ihn ja nichts.“ Denn damit Arbeitnehmer frei über sie verfügen können, ist eine Pause unbezahlt – das ist der Deal.

Manchen Arbeitnehmern scheint das allerdings herzliche egal zu sein. Schon im Film „Wall Street“ von 1987 sagt Hauptfigur Gordon Gekko: „Lunch is for wimps“ – die Mittagspause sei nur etwas für Waschlappen. Gut, könnte man meinen, eine filmische Überspitzung, um den Arbeitsethos gieriger Finanzmarktkapitalisten zur karikieren. Doch auch im echten Leben gibt es offenbar nicht nur Freunde der mittäglichen Mahlzeit. Denn laut Umfrage verzichten elf Prozent der Bremer Beschäftigten grundsätzlich ganz auf die Mittagspause.

Gründe noch unklar

Warum das so ist, geht aus der Untersuchung leider nicht hervor. So lässt sich nur spekulieren: Wollen die Pausenverweigerer lieber durcharbeiten, um sich schneller in den Feierabend verabschieden zu können? Verbietet ihnen der Chef das Pausemachen? Oder haben sie das Gefühl, ihr Arbeitspensum sonst nicht zu schaffen?

Gerade beim letzten Punkt könnten sich die Arbeitnehmer verkalkulieren, sagt Barbara Reuhl, Referentin für Arbeitsschutz- und Gesundheitspolitik bei der Arbeitnehmerkammer. Denn eine Pause solle verbrauchte Energie wieder zurückbringen; die Arbeit gehe dann also vielleicht sogar leichter von der Hand.

Doch wie sieht eine gute Pause aus? Reuhl empfiehlt, etwas zu tun, bei dem man gut abschalten kann. Deswegen sei der eigene Schreibtisch der denkbar schlechteste Platz für eine kleine Auszeit. „Es ist wichtig, mal was anderes zu sehen“, sagt sie. Dabei könne auch der Austausch mit den Kollegen in der Pause helfen. Dann allerdings nicht über betriebliche Dinge, sondern über Wetter, Filme, Hobbys – egal, Hauptsache, nicht über die Arbeit. Dass es nicht immer leicht fällt, die außen vor zu lassen, wenn man Kollegen die Pause verbringt, weiß Reuhl. Man solle es aber zumindest versuchen. Genauso rät sie dazu, bei Solopausen das Handy zur Seite zur legen.

Die Umfrage zeigt aber auch, dass die Pausenverweigerer in Bremen in der Unterzahl sind. Die Mehrheit (35 Prozent) macht zwischen 15 und 30 Minuten Mittagspause; rund 27 Prozent verlassen den Arbeitsplatz für 30 bis 45 Minuten. Sie haben offenbar auch eine ganz genaue Vorstellung vom idealen Mittagsmahl. 42 Prozent legen Wert auf etwas Gesundes, genauso wichtig ist der Geschmack. Für rund ein Viertel der Bremer ist entscheidend, dass sie mittags etwas Warmes essen können. Nur 16 Prozent achten besonders darauf, dass es nicht zu schwer im Magen liegt.

Das ist auch Reuhls Rat: Wer bei der Arbeit viel sitzt, der sollte mittags eher leicht essen, zudem etwas, das leicht verdaulich ist. Dann treffe einen das „Suppenkoma“ nicht so schwer. Hilfreich könnten zudem Tee oder Kaffee nach der Mahlzeit sein, zum Essen selbst empfiehlt die Expertin Wasser oder eine Saftschorle – von Alkohol rät sie hingegen ab. Denn auch wenn Arbeitnehmer ihre Pause frei gestalten können: Wenn sie danach beschwipst an den Schreibtisch zurückkehren, sind sie vielleicht maximal entspannt. Aber eben auch minimal blau.

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