Bremerhavener Betrieb Fiedler hat sich erfolgreich neu erfunden Fischgeschäft wie vor 100 Jahren

Dass Innovation nicht unbedingt mit dem Begriff "neu" gleichgesetzt werden muss, zeigt das Bremerhavener Fischunternehmen Fiedler. Ihre Restaurants und Geschäfte wurden so gestaltet, als wären sie vor mehr als 100 Jahren erbaut worden.
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Fischgeschäft wie vor 100 Jahren
Von Kristin Hermann

Dass Innovation nicht unbedingt mit dem Begriff „neu“ gleichgesetzt werden muss, zeigt das Bremerhavener Fischunternehmen Fiedler. Ihre Restaurants und Geschäfte wurden so gestaltet, als wären sie vor mehr als 100 Jahren erbaut worden. Die Reise in die Vergangenheit kommt nicht nur bei den Kunden gut an, sondern auch beim Bremer Marketing-Club. Für das Konzept hat das Unternehmen nun den Innovationspreis bekommen.

Wer auf einen Bummel zum Schaufenster Fischereihafen nach Bremerhaven fährt und sich in den hinteren Teil der Fußgängerzone verirrt, findet sich in einer anderen Zeit wieder. An der Packhalle IV, in den Geschäften und Restaurants von „Fiedler Meeresdelikatessen“ ist es noch so, wie vor mehr als 100 Jahren. Die Restaurants sind mit schweren Holzmöbeln und Antiquitäten ausgestattet, im Fischmarkt hört man Fischer über Preise verhandeln, roter Backstein trifft auf Metall und aus einem traditionellen Ofen quillt der Rauch. Mit dem Konzept „Fiedlers Fischmarkt anno 1906“ ist der Betrieb mittlerweile so erfolgreich, dass der Bremer Marketing-Club ihn dafür mit dem Innovationspreis „Highlight“ ausgezeichnet hat.

Der Name Fiedler steht in Bremerhaven schon lange für frischen Fisch und Tradition. Als Großvater Hans Fiedler nach Gefangenschaft im Zweiten Weltkrieg in seinen Beruf als Räucherer zurückkehren wollte, sagten ihm seine alten Arbeitgeber, er solle zu Hause zunächst einmal wieder zu Kräften kommen. Doch das war nichts für den eifrigen Mann. „Er war darüber so erbost, dass er sich kurzerhand selbstständig gemacht hat. Unsere erste Räucherei bestand aus zwei kleinen Garagen“, erzählt Enkel Frederick Fiedler, der wie alle anderen Familienmitglieder mit im Unternehmen arbeitet. Irgendwie ist das Tradition, dass man bei uns mit in den Familienbetrieb einsteigt“, erzählt Hans-Joachim Fiedler, der das Geschäft von seinem Vater übernommen hat. Waren es 1987 noch drei Mitarbeiter hat Fiedler heute 105 Beschäftigte, inklusive seiner Frau, den drei Söhnen und seine Schwiegertöchter. Zu dem kleinen Imperium gehören mittlerweile mehrere Restaurants, ein Fischmarkt, ein Großhandel, ein Fischerdorf und ein Kolonialwarenladen. Auch im Internet vertreiben Fiedlers ihren Fisch.

Viel Geschäftsfläche, die die Familie anständig bewerben wollte. Die Idee zu der Neuausrichtung kam den Fiedlers 2006. „Wir wollten uns von dem klassischen blau-weiß in Fischrestaurants abheben und unseren eigenen Stil entwickeln“, erzählt Frederick Fiedler. Für die Umsetzung hat sich die Familie mit einer Agentur zusammengesetzt. Sogar Kulissenbauer haben geholfen. Dass es letztendlich auf ein Konzept hinausgelaufen ist, das die Kunden in eine Welt entführen soll, die wie vor hundert Jahren gestaltet ist, liegt nicht zuletzt an Hans-Joachim Fiedler. Der Senior-Chef liebt Antiquitäten und Kunst. „Ich konnte mich endlich mal austoben und durfte einkaufen“, erzählt er freudestrahlend.

Der Stil zieht sich durch sämtliche Räume und Produkte von Fiedler. Schon das Büro der Familie wirkt fast hochherrschaftlich. Hinter den dunklen Schreibtischen hängen große Gemälde an der Wand, Schiffe und andere maritime Fundstücke füllen die Ecken. Auf dem Schreibtisch von Hans-Joachim Fiedler steht ein kleiner Buddhakopf mit vier verschiedenen Gesichtsausdrücken. Je nach Stimmung dreht er das Gesicht zum Eingangsbereich des Büros. Heute ist zum Glück ein guter Tag für den Chef.

Eigentlich könnte der Senior-Chef sich schon in den Ruhestand verabschiedet haben. „Aber es fällt mir schwer, ganz loszulassen. Das Tagesgeschäft habe ich eigentlich schon komplett meinen Söhnen überlassen“, sagt er. Er kümmere sich vor allem um die großen Sachen: Politik und Stadtgeschichte. „Es ist wichtig, dass jemand die Politik regelmäßig auf das Schaufenster Fischereihafen aufmerksam macht. Damit auch hier investiert wird“, sagt er. Wenn es mal zu stressig wird und die Fiedlers eine Pause brauchen, ziehen sie sich in eines ihrer Restaurants zurück und lassen sich von Jan-Henrik Fiedler kulinarisch verwöhnen. Der leitet nämlich die Gastronomie.

In der Halle neben dem Büro befindet sich das Fischgeschäft der Fiedlers. Der Kunde wird hier zu einem besonderen Kauferlebnis eingeladen. Am Eingang filetiert ein Händler Scholle, ein Rundgang führt direkt an der Produktion vorbei. Etwa 50 Sorten Fisch hat Fiedler im Sortiment. „Obwohl wir auch Fisch aus fernen Ländern verkaufen, sind Aal, Forelle und Lachs immer noch am beliebtesten“, erzählt Frederick Fiedler. 350 Tonnen Fisch werden jährlich in der eigenen Räucherei verarbeitet. Neben Fisch können im Geschäft auch Salate, Spirituosen, Gewürze und vieles mehr eingekauft werden – alles in dem Design von anno 1906. „Sogar unsere Telefonansage ist darauf abgestimmt“, sagt Frederick Fiedler.

Seitdem die Fiedlers mit dem neuen Konzept arbeiten, haben sie nach eigenen Angaben ihren Umsatz um 100 Prozent steigern können. Mit dem Gewinn des Marketing-Clubs dürfen sie viele Werbeflächen in Bremen und Bremerhaven nutzen, um noch mehr Menschen auf ihre Fischwelt in Bremerhaven aufmerksam machen zu können. Vielleicht nutzen sie diese Möglichkeit auch, um für ihr neuestes Produkt zu werben – denn auf ihrem Erfolg ausruhen wollen sich die Fiedlers nicht. Ihr nächstes großes Projekt: eine Fischbratwurst, die möglichst wenig nach Fisch schmecken soll.

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