Online-Produktfotos aus Bremen

Fotos am Fließband

Made in Bremen: Die Agentur Wiethe bewirbt Kleidung online und betreibt hierfür eines der größten Studios Europas.
10.03.2018, 21:37
Lesedauer: 4 Min
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Fotos am Fließband
Von Nico Schnurr
Fotos am Fließband

In Szene gesetzt: Geschäftsführer Markus Wiethe (sitzend) in einer der 24 Fotoboxen, die es in seinem Studio in der Überseestadt gibt.

Christina Kuhaupt

Die Models und Fotografen sind gewarnt. Kleine Zettel kleben an den Trennwänden zwischen den Fotoboxen, darauf der Hinweis: Nutzt Snapchat, aber bitte macht keine Bilder von der Ware. Was hier in einer Halle im Schuppen Eins an Kleiderstangen und über Modelschultern hängt, ist nicht für das Netz bestimmt. Zumindest noch nicht.

An diesem Wintertag werden im Bremer Fotostudio der Agentur Wiethe Bilder für die nächsten Herbstkollektionen geschossen. Trainingsjacken und Sporthosen von Adidas, Hemden von Boss, Jeans von G-Star. Alles streng geheim, raunt einem Geschäftsführer Markus Wiethe, weißes Hemd, blauer Pullover, umgeschlagene Jeans, Boots, entgegen. In ein paar Monaten wird sich das ändern.

Dann werden die Bilder aus der Überseestadt nicht mehr geheim, sondern überall online zu sehen sein. Auf Modeblogs, auf den Seiten der verschiedenen Onlineshops. Die Bremer Bilder sollen dann Visitenkarten sein. Optische Beipackzettel für Mode, nach der immer gleichen Formel: Weißer Hintergrund, davor ein Model, das ein bisschen posiert, aber nicht zu ausladend, im Fokus die Klamotten, die es zu bewerben gilt.

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„Alles, was online verkauft werden soll, braucht ein Bild“, sagt Markus Wiethe. Er hat das ziemlich früh verstanden, früher als die meisten anderen. Mitte der 2000er-Jahre machte er daraus ein Geschäftsmodell und erweiterte seine Osnabrücker Marketingagentur um ein Fotostudio in Bremen. Wer heute im Internet auf der Suche nach Kleidung ist, stößt, ohne das zu wissen, früher oder später ganz automatisch auf Bilder seiner Agentur.

In der Überseestadt werden im Jahr über 140.000 Artikel in Szene gesetzt. Kartonweise kommen die knittrigen Klamotten in Bremen an. Oft bleiben nicht mehr als vier, vielleicht fünf Tage. Dann müssen die Teile gebügelt, zu Outfits kombiniert und fotografiert sein. Wenn der Arbeitstag in Bremen endet, gehen die Bilder nach Asien, wo sie grob bearbeitet werden. Am nächsten Morgen wird sich in Bremen um die letzten Details gekümmert. Fotografische Fließbandarbeit fürs digitalisierte Einkaufen.

Onlineshopping wird immer beliebter, weil es so bequem ist. Weil ein paar Klicks zur neuen Jeans genügen. Etwa ein Viertel ihres Gesamtumsatzes macht die Modeindustrie in Deutschland inzwischen im Internet. Dabei steht die Branche vor einem ungelösten Problem: Letzte Zweifel kann sie ihren Kunden online nicht nehmen. Kleidung soll sitzen, aber anprobieren, Stoffe fühlen und Material testen funktioniert vor dem Bildschirm nicht.

"Unser Ziel ist es, zu emotionalisieren"

Zu den Aufgaben von Markus Wiethe und seiner Agentur gehört es, zu ersetzen, was sich kaum ersetzen lässt. Ansehen statt anziehen. Die Bilder, die in den 24 Fotoboxen des Bremer Studios entstehen, sollen den Kunden das Gefühl geben zu wissen, was sie da für Mode kaufen. Fünf Aufnahmen gibt es zu jedem Artikel, dazu ein kurzer Text, manchmal noch ein Video.

Den Kunden erleichtert das bestenfalls die Entscheidung, den Herstellern soll es die Retouren ersparen. „Die meisten Menschen haben einen vollen Kleiderschrank und bräuchten keine Kleidung mehr“, sagt Markus Wiethe. Er weiß: Allein mit ein paar Hinweisen zur Passform verkaufen sich teure Markenklamotten noch nicht. Die Bilder aus der Überseestadt haben noch eine weitere Aufgabe.

„Unser Ziel ist es, zu emotionalisieren. Die Leute müssen Lust darauf haben, Mode zu kaufen, obwohl es nicht zwingend notwendig ist.“ Wie macht er das, Leute von Dingen zu begeistern, die sie nicht brauchen? Klar, die Fotos sollen nicht bloß schnöde Produktbilder sein.

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Markus Wiethes Maßstab ist die Häuserwand. Ein Bild, das an einer fünf Meter hohen Wand funktioniert, ist für ihn ein gutes Bild. „Unsere Fotos sind immer auch Kampagnenbilder, die für das Marken-Image stehen“, sagt er. Wofür genau die Marken und ihre Kollektionen stehen, lernen die 120 Bremer Mitarbeiter in Schulungen. Und in einem Katalog, 200 Seiten dick, in dem alles penibel festgelegt ist: Welches Model zu welcher Firma passt, Haarfarbe, Pose, Gesichtsausdruck, alles vorgeschrieben.

„Wir sind sehr eng mit der Modebranche verzahnt“, sagt Wiethe. Ein bisschen hat das auch mit seiner Geschichte zu tun. Er war 19, als er sich zum ersten Mal selbstständig machte. Die Idee: Bademoden-Business in Brasilien. Der Plan? Gab es nicht. Es war die Zeit, in der alle aussehen wollten wie Surfer, und Markus Wiethe dachte, Bademode aus Südamerika würde wahnsinnig gut dazu passen, lässiger ginge es doch kaum. Mit einem peruanischen Freund zog er nach Brasilien, ohne eine Ahnung vom Land und der Modebranche.

Jahresumsatz von 15 Millionen Euro Umsatz

„Wir wären ein Fall für diese Auswanderershow von Vox gewesen, wo sich die Leute fragen: Wie kann man so naiv sein?“ Nach zwei Jahren war Schluss, das Lager eines Lieferanten brannte ab, die Jungunternehmer konnten ihre Händler nicht mehr beliefern. Wiethe glaubt dennoch: „Unsere Blauäugigkeit war gar nicht so schlecht.“ Er ist froh über die Erfahrung.

Seitdem kenne er die Probleme der Branche, die Abläufe, das Denken der Hersteller. Heute, Jahrzehnte später, sagt Markus Wiethe: „Wir wissen nicht nur, wie man Mode vermarktet. Wir wissen auch, wie Mode funktioniert.“ Wenn man seinem Blick durch die gläserne Front des Konferenzraums folgt, hinunter auf das insgesamt 4500-Quadratmeter-Fotostudio, dann scheinen seine Sätze gar nicht so abwegig.

Jährlich macht Wiethe 15 Millionen Euro Umsatz, das Bremer Studio gehört zu den größten seiner Art in Europa. Arbeitet er hier am Ende der Innenstadt? Nein, sagt Markus Wiethe, so sieht er das nicht. „Wir werden die Fußgängerzone nicht abschaffen, aber wir werden sie umfunktionieren.“ Die Innenstadt, glaubt er, das ist schon bald kein Ort mehr, an dem Menschen einkaufen. Gekauft wird online. Weil es einfacher, schneller, die Auswahl größer ist, sagt Wiethe. „Der physische Verkauf in der Fußgängerzone ist gestrig und wird sterben.“

Kein Totengräber der Innenstadt

Seine Aufgabe ist, den Onlinehandel zu befeuern. Markus Wiethe hat seinen Job gut gemacht, wenn die Leute zu Hause bleiben und ihre Klamotten vom Sofa aus bestellen, anstatt in die Fußgängerzone zu gehen. Als Totengräber der Innenstadt versteht er sich trotzdem nicht. Im Gegenteil: Er glaubt, mit seiner Agentur zu einem Wandel beizutragen, von dem auch die stationären Einzelhändler profitieren.

„Die Fußgängerzone kann ein Riesenerlebnispark und Showroom für Produkte werden.“ Aus- und anprobiert wird in der Stadt, gekauft wird beim gleichen Händler im Netz. Für Markus Wiethe klingt das nach einer Idee, von der alle etwas hätten. „Wir wollen die Innenstadt nicht sterben lassen“, sagt er. „Es wäre schon sehr traurig, wenn Menschen keine Menschen mehr sehen möchten, dafür gibt es ja ein Stadtzentrum.“

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