Lockdown Lücke in Corona-Verordnung: Friseure dürfen in Bremen zu Hause Haare schneiden

Das Haareschneiden außerhalb von Friseursalons ist durch Bremens Corona-Verordnung nicht verboten. Viele Friseure stehen nun vor einer schwierigen Entscheidung.
27.01.2021, 10:57
Lesedauer: 3 Min
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Von Stefan Lakeband und Wolf von Dewitz
  • Friseursalons in Bremen sind derzeit wegen der Corona-Pandemie geschlossen
  • Die Bremer Corona-Verordnung sieht jedoch kein Verbot von Hausbesuchen von Friseuren vor
  • Friseur-Innung und Handwerkskammer sind überrascht - und einige ihrer Mitglieder verärgert

Trotz der Corona-Beschränkungen dürfen Bremer Friseure Hausbesuche machen. Das hat die Friseur-Innung am Dienstag ihren Mitgliedern mitgeteilt. Möglich wird das durch die Formulierung in der Corona-Verordnung. Sie besagt, dass die Betriebe geschlossen werden müssen, die eigentliche Dienstleistung ist aber nicht untersagt. Konkret heißt das: Friseure dürfen seit Ende Dezember in ihrem Salon nicht mehr Haare schneiden, wären sie zu ihren Kunden nach Hause gekommen, hätten sie das aber gedurft – unter Einhaltung der geltenden Hygienemaßnahmen.

„Diese Information hat uns – wie auch die Handwerkskammer – überrascht“, heißt es in dem Schreiben der Innung. „Wir sind seit dem 16. Dezember davon ausgegangen, dass sämtliche Dienstleistungen im Bereich der nichtmedizinischen Körperpflege untersagt sind.“ In Gesprächen mit der Politik sei diese Auffassung nie korrigiert worden. Zudem sei so eine Ausnahmeregelung weder aus Niedersachsen noch aus anderen Bundesländern bekannt.

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Friseure in Bremen: "Vielen steht das Wasser bis zum Hals“

„Das ist ein Skandal“, sagt Heiko Klumker, Obermeister der Bremer Friseur-Innung. Er und viele seiner Kollegen hätten die vergangenen Wochen nutzen können, um Kunden zu Hause zu bedienen. Dass die Politik nicht auf die Möglichkeit hingewiesen habe, sei ein „Schlag ins Gesicht“. „Vielen Friseuren steht das Wasser bis zum Hals“, sagt Klumker. Erst auf Nachfrage habe nun das Ordnungsamt bestätigt, dass mobiles Frisieren erlaubt sei.

Für Andreas Meyer, Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer, ist das eine missliche Situation. Betriebe müssten sich nun überlegen, ob sie Hausbesuche anböten oder nicht. „Allen ist klar, dass in der Corona-Zeit Kontakte vermieden werden sollten“, sagt er. Gleichzeitig sieht er die finanzielle Not vieler Betriebe. Vor der warnte am Dienstag auch der Präsident des Zentralverbandes des Deutschen Handwerks, Hans Peter Wollseifer. „Jeder Tag verschlimmert die Lage noch weiter“, sagt er. Ein Grund sei das neue Förderprogramm, die Überbrückungshilfe III, das relativ spärlich ausfalle.

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Anders als die November- und Dezemberhilfen orientiert sich das aktuelle Programm nicht mehr am Vorjahresumsatz, sondern an den Fixkosten wie etwa der Miete. Wie groß der Unterschied dabei ist, macht Wollseifer in einer Beispielrechnung deutlich: Bei einem exemplarischen Betrieb würde diese Staatshilfe im Zeitraum Dezember bis Februar nur 16 Prozent des Umsatzes im Vorjahreszeitraum ausmachen. Der Zeitraum wurde gewählt, weil in diesen Monaten die Branche von Schließungen betroffen ist.

Wegen dieser Notlage ist auch die Bremer Friseur-Innung gespalten. „Natürlich ist die Möglichkeit, jetzt Geld zu verdienen, sehr verlockend“, schreibt sie ihren Mitgliedern und weist gleichzeitig auf die Probleme hin: „Bedenken Sie das gesundheitliche Risiko, wenn Sie sich in das private Umfeld des Kunden begeben.“ Friseure sollten vorsichtig abwägen, ob sie wirklich Hausbesuche bei ihren Kunden machen wollen.

Friseure fassungslos über Lücke in Bremer Corona-Verordnung

Für Stefan Hagens ist die Erlaubnis „das Absurdeste, was ich in der Corona-Zeit gehört habe“. Auch viele seiner Kollegen seien fassungslos. Hagens ist Inhaber des Friseurunternehmens Hairliner‘s mit drei Salons in Bremen. Dass seine Angestellten nun zu den Kunden nach Hause gehen, komme für ihn nicht infrage. „Ich will meine Mitarbeiter keiner Gefahr aussetzen“, sagt er. Denn selbst wenn es erlaubt sei, glaubt er nicht, dass die Corona-Regeln in Privathaushalten so gut einhaltbar seien wie in Friseursalons. Und noch eine Gefahr sieht er für die Branche: Schwarzarbeit. Er könne sich nicht vorstellen, dass im Privaten jeder Haarschnitt vorschriftsmäßig versteuert werde.

Schwarzarbeit sei ohnehin schon ein Problem, berichtet auch die Friseur-Innung. „Es gibt Schwarzarbeit ohne Ende“, sagt Obermeister Klumker. Wer in Kurzarbeit sei und nur 60 Prozent seines ohnehin geringen Gehaltes bekomme, der werde zu diesem Schritt schon fast gezwungen. Gleichzeitig, so ist es aus der Branche zu hören, sei die Nachfrage bei den Kunden da.

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Zur Sache

Zoll kontrolliert Schwarzarbeit

Bundesweit hat der Zoll ein Auge auf Schwarzarbeit. Nach Angaben der Behörde komme diese in Branchen vor, die wegen des Lockdowns weniger Umsatz hatten, etwa Friseure. Schwarzarbeit gebe es aber auch dort, wo das Arbeitsaufkommen durch Corona gestiegen sei, zum Beispiel bei Paketzustellern. Weniger Schwarzarbeit hat der Zoll in der Landwirtschaft festgestellt. Der Grund dafür seien die Reisebeschränkungen. Bundesweite Schwerpunktkontrollen habe der Zoll vergangenes Jahr in der Fleischindustrie und bei Paketdienstleistern durchgeführt.

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