Zum Ärger von Bremer Fahrlehrern Start-up will die Führerscheinausbildung digitalisieren

Den Theorieunterricht in einer Online-Fahrschule absolvieren? Ein Start-up will die Führerscheinausbildung digitalisieren. Betreiber klassischer Fahrschulen wehren sich dagegen. Auch gesetzlich gibt es Hürden.
27.10.2020, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Start-up will die Führerscheinausbildung digitalisieren
Von Stefan Lakeband

Wer an seine Fahrschulzeit denkt, der hat ganz bestimmte Bilder im Kopf: ein Seminarraum für den Theorieunterricht, die ersten holprigen Anfahrversuche, den Fahrlehrer auf dem Beifahrersitz. Generationen von Fahrschülern dürften ähnliche Erinnerungen haben – bis jetzt. Denn ein Berliner Start-up will das System Fahrschule umkrempeln.

Driveddy heißt das Unternehmen, das Robin Stegemann gegründet hat und mit dem er nun für Wirbel in der Branche sorgt. Sein Plan: Die Fahrausbildung ins Internet bringen. Genauer: die Theorie. „Wir wollen den Markt nachhaltig verändern“, sagte er kürzlich dem „Handelsblatt“.

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Die Idee dahinter klingt erst einmal simpel. Driveddy ist eine Plattform, auf der sich Fahrschüler anmelden können. Hier sollen sie ihren Theorieunterricht absolvieren können und gleichzeitig bei einer Fahrschule in ihrer Stadt die praktischen Fahrstunden buchen können. Dazu sollen die Fahrlehrer mit dem Start-up kooperieren. Für jeden Fahrschüler, den Driveddy an eine Fahrschule vor Ort vermittelt, verlangt das Unternehmen eine Provision. Der Führerschein würde insgesamt günstiger.

Trotz allem soll das Geschäft für die Fahrschulen noch auskömmlich sein, so Stegemann. Denn die würden schließlich sparen: Sie benötigten keine Schulungsräume mehr, weniger Personal und müssten sich nicht mehr um die Abrechnung kümmern. Im Grunde bräuchte ein Fahrlehrer also nur noch ein Auto, einen Parkplatz und einen Internetanschluss. „Die Fahrschule verdient so mehr, obwohl der Führerschein billiger wird“, sagte Stegemann dem „Handelsblatt“.

Die Theorieausbildung aus der Hand geben

Von diesem Konzept sind jedoch nur wenige Fahrschulen überzeugt. Auch der Bremer Fahrlehrerverband wehrt sich gegen die Pläne des Berliner Start-ups. „Nicht umsonst gibt es eine klare Gesetzeslage“, sagt sein Vorsitzender Michael Kreie. Und die sehe vor, dass Präsenzunterricht stattfinden müsse. Zudem sei der pädagogische Teil der Fahrlehrerausbildung erst kürzlich gestärkt worden. „Wir müssen die Schüler da abholen, wo sie sind“, sagt Kreie. Das sei nicht möglich, wenn jeder alleine vor dem Bildschirm sitze. Kreie ist seit mehr als 20 Jahren selbst Fahrlehrer. Die Vorstellung, die Theorieausbildung aus der Hand zu geben, gefalle ihm gar nicht.

Natürlich sei allen klar, sagt Kreie, dass es ohne Digitalisierung nicht gehe. Bislang habe ihn aber noch kein Konzept überzeugt. „Beim Theorieunterricht wird nicht nur Wissen vermittelt, sondern auch Werte und Einstellungen.“ Damit meine er die Verantwortung, die man als Teilnehmer im Straßenverkehr habe und das Miteinander der Verkehrsteilnehmer. Wie das beim Onlineunterricht gehen solle, könne er sich nicht vorstellen.

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Laut Kreie kommt hinzu, dass die Fahrlehrer den Verkehr und die Straßen in der Gegend genau kennen. „In den Theoriestunden können wir spezieller auf die regionale Verkehrsführung eingehen“, sagt er. So könne man die Schüler besser auf die Fahrten vorbereiten.

Verkehrssicherheit gefährdet

Einen Schritt weiter in seiner Kritik geht der Verband Moving, der sich für Sicherheit auf der Straße einsetzt. In einem Positionspapier gemeinsam mit dem Bundesverband der Fahrlehrer sowie Tüv und Dekra warnt er vor mehr Unfällen durch eine digitale Theorieausbildung – und beruft sich dabei auf die Statistik. Sie zeige, dass durch die Verzahnung von theoretischer und praktischer Ausbildung die Zahl der Unfälle mit Fahranfängern seit 2015 zurückgegangen sei. „Eine Theorieausbildung ausschließlich mit elektronischen Medien kann diese Qualität niemals erreichen. Wir gefährden unsere Verkehrssicherheit, wenn wir zukünftig auf den Präsenzunterricht in der Theorieausbildung verzichten“, sagt Verbandspräsident Jörg-Michael Satz.

Aktuell steht Driveddy mit seinem Geschäftsmodell noch vor einer großen Hürde: Onlineunterricht gilt gesetzlich noch nicht als Ersatz für die Präsenzstunden. Lediglich Nordrhein-Westfalen hat das im Zuge der Corona-Krise erlaubt – allerdings unter Auflagen und auch nur befristet.

Teilnahmebescheinigung zwei Jahre lang gültig

Stegemann hofft, dass sich das ändert. Er wirbt schon jetzt damit, dass Fahrschüler Theorieunterricht bei Driveddy nehmen können und am Ende eine Teilnahmebescheinigung erhalten. Die sei zwei Jahre lang gültig und werde – wenn Onlineunterricht denn dann erlaubt sei – angerechnet.

Bis dahin geht das Start-up einen anderen Weg: In Berlin hat Driveddy seine erste Niederlassung eröffnet – als Showroom, aber auch für Präsenzunterricht. Laut „Handelsblatt“ sollen solche Filialen in den nächsten drei Jahren in allen Bundesländern entstehen, in sieben Jahren dann in den 40 größten Städten Deutschlands.

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Fahrschulen in der Krise

Nicht erst seit der Corona-Pandemie haben es Fahrschulen schwer. Ihre Zahl sinkt stetig: Waren es 2015 noch 11.400 Fahrschulen bundesweit, sind es jetzt 10.600. Gleichzeitig stieg der Umsatz der Branche – von 1,9 auf mehr als 2,3 Milliarden Euro. Das zeigen Zahlen des Verbands Moving. 2018 machte in Bremen eine Fahrschule im Schnitt 206.000 Euro Umsatz. Gefährlich wird zudem der Fachkräftemangel.

Vor fünf Jahren gab es bundesweit noch mehr als 45.000 Fahrlehrer, vergangenes Jahr waren es noch 42.000. Früher hat die Bundeswehr viele Fahrlehrer ausgebildet, die nach ihrer Dienstzeit diesen Beruf weiter ausgeübt haben. Mittlerweile hat sie sich aber größtenteils aus der Ausbildung zurückgezogen. Und das Problem dürfte noch größer werden: Das Durchschnittsalter bei Fahrlehrern liegt bei 54 Jahren; ein Drittel ist älter als 60.

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