Führerscheine müssen weiter warten Was die Corona-Krise für eine Bremer Fahrschule bedeutet

Seit diesem Montag ist bei Bremens Fahrschulen Theorieunterricht wieder möglich. Fahrlehrer Michael Kreie sagt, dass aber vor allem die Fahrstunden die Existenz sichern. Wie er auf die Öffnung vorbereitet ist.
04.05.2020, 05:00
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Was die Corona-Krise für eine Bremer Fahrschule bedeutet
Von Florian Schwiegershausen

Für Michael Kreie ist es zumindest ein kleiner Schritt. Seit diesem Montag darf er seine Fahrschule für den Theorieunterricht wieder öffnen. Das geht aus den aktuellen ­Beschlüssen in Bremen hervor, die leichte ­Lockerungen vorsehen. Darauf hat der ­Vorsitzende des Bremer Fahrlehrerverbands seit Wochen hingearbeitet. Bereits seit dem 20. April liefen in seiner ­Fahrschule in ­Bremen-Osterholz die Vorbereitungen, um den Betrieb endlich wieder aufnehmen zu können.

Im Schulungsraum hat Kreie die Stühle jetzt so aufgestellt, dass beim Theorieunterricht jeder Schüler mindestens eineinhalb Meter Abstand zum anderen hat. Am Schreibtisch, wo die Anmeldungen entgegengenommen oder andere formale Dinge geklärt werden, steht auf der Holzplatte nun eine Scheibe, ­eingespannt in eine Halterung mit Füßen. Die Scheibe soll als Tröpfchenschutz dienen – wie es die Verbraucher aus diversen Super­märkten kennen. „Die Scheibe habe ich selbst ­gebastelt aus einem Bilderrahmen“, sagt Kreie.

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Wer sich mit ihm unterhält, der merkt es: Er ist mit Leib und Seele Fahrlehrer. Seit gut 15 Jahren hat er seine Fahrschule nahe der Osterholzer Heerstraße. Normalerweise startet er morgens spätestens um neun Uhr, und abends könne es auch schon mal später werden, sagt Kreie. Schließlich müssen seine Schüler ja auch Fahrstunden bei Dunkelheit absolvieren. Doch Übungsstunden fallen seit März komplett aus. Ganz ohne Aufgabe ist Kreie seitdem trotzdem nicht, er übernimmt derzeit die Kinderbetreuung in der Familie.

Der Fahrlehrer ist auf alle Eventualitäten vorbereitet. Wenn es für seinen Büroraum direkt am Eingang Vorgaben gebe, dass zum Beispiel nur eine Person, die ein Anliegen hat, vor dem Schreibtisch sitzen darf, dann ist Kreie in einer glücklichen Situation. Denn vor seiner Fahrschule ist genug Platz, um die anderen dort draußen warten zu lassen. Für diesen Fall hat er sogar schon zwei Campingstühle in die Fahrschule gebracht, damit die Wartenden sich hinsetzen können. Der Fahrlehrer will nun erst mal mit seinen Bestandsschülern den Theorieunterricht fortführen.

Mit Mundschutz am Steuer

Das größte Problem ist laut Kreie allerdings, dass die Fahrzeuge immer noch stehenbleiben müssen. „Aber nur mit den Fahrstunden verdienen wir erst wieder Geld“, stellt er fest. Mit den Vorgaben des Robert-Koch-In­stituts habe er sich genau beschäftigt: „Wenn man die richtig umsetzt, ist ein Schulbetrieb in vollem Umfang möglich, auch am Steuer.“

Für die Stunden im Auto würde er einen Mundschutz tragen. Das könnte aus seiner Sicht ebenso für die Fahrschüler gelten – wenn sie es denn möchten: „Durch den Paragraf 23 der Straßenverkehrsordnung besteht zwar ein Vermummungsverbot, aber wir dokumentieren ja genau, welcher Schüler an welchem Tag und zu welcher Stunde das Auto gefahren hat. Damit wäre die Identität des Fahrenden eindeutig sichergestellt“, sagt Kreie. Die stundengenaue Dokumentation brauche er schon allein, um hinterher die Rechnungen schreiben zu können. Außerdem sei momentan zu beobachten, dass auch die Mitarbeiter von Polizei und Rettungsdienst mit Schutzmaske am Steuer sitzen – warum nicht Fahrschullehrer und -schüler?

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Nicht nur Kreie hat sich vorbereitet. So sagt der Vorsitzende der Bundesvereinigung der Fahrlehrerverbände (BVF), Dieter Quentin: „Die Hygiene-Konzepte stehen.“ Aber der BVF fordert für die weiteren Schritte schnell einen Zeitplan. „Das ist nicht nur zwingend erforderlich, um den Fahrschulen Planungssicherheit zu geben und eine Insolvenzwelle zu vermeiden. Man darf auch nicht vergessen, dass für die Ausübung vieler Berufe der Führerschein eine wichtige Voraussetzung ist“, ergänzt Quentin. „So sind Fahrschulen ein wichtiger Baustein, damit in systemrelevanten Berufen weiterhin gearbeitet werden kann.“ Schließlich böten viele von ihnen ja auch den Lkw-Führerschein an.

Laut einer Umfrage des Branchenverbands Moving reichen bei 30 Prozent der Fahrschulen die staatlichen Hilfen nicht aus, um die Krise zu überstehen. Demnach stehen etwa 3000 der insgesamt rund 10.000 Fahrschulen in Deutschland vor dem Aus, wenn der Lockdown weiter anhält. „Uns ist sehr bewusst, welche Verantwortung wir nicht nur für unsere eigene Gesundheit, sondern auch für die unserer Fahrschüler haben“, sagt Dieter Quentin. „Deshalb werden wir die Hygiene-Vorschriften mit der gleichen Gewissenhaftigkeit einhalten, mit der wir bei der Ausbildung der uns anvertrauten Fahrschüler seit Jahrzehnten arbeiten.“

Kreie weiß, dass bei manchem Kollegen das Ersparte nicht mehr lange reicht, um durchzuhalten. Der Fahrlehrer hat direkt am ­Anfang die Bremer Soforthilfe beantragt. „Jetzt, vier Wochen später, habe ich das Geld immer noch nicht.“ Und im Voraus Geld von seinen Schülern zu verlangen für Fahrstunden, die erst noch zu leisten sind, das mache er nicht, sagt Kreie.

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So mancher Fahrschüler, erzählt der Fahrschulleiter, habe darauf hingearbeitet, dass er pünktlich zum 18. Geburtstag die Prüfung machen könne. Auch das sei nun hinfällig. Eine Sorge treibt Kreie zudem um: „Wie ist die Situation bei den Fahrschülern zu Hause?“ Denn Eltern, die sonst die Kosten für den Führerschein übernommen hätten, stünden jetzt vielleicht wegen Corona finanziell unter Druck, weil es bei der Arbeit Schwierigkeiten gebe. Der Führerschein des Nachwuchses habe dann vermutlich nicht die oberste Priorität.

Absprache mit anderen Bundesländern

In Nordrhein-Westfalen haben die Fahrschulen schon länger geöffnet, laut dem BVF-Vorsitzenden Quentin aber wie ein Flickenteppich: „In einem Landkreis dürfen Fahrschulen öffnen, wenige Meter entfernt im Nachbarort wird es den Fahrschulen verboten. Dieses Chaos darf sich auf keinen Fall in den anderen Bundesländern fortsetzen. Wir brauchen einheitliche Vorgaben.“ Kreie würde zumindest einen gleichen Kurs in Bremen und Niedersachsen begrüßen. Er wird sich an diesem Montag mit seinen Kollegen aus den anderen Bundesländern per Videokonferenz besprechen – mit der Hoffnung, dass all ihre Fahrschulautos in Kürze wieder rollen.

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