Konjunkturaufschwung in Deutschland Für die Jungen ist die Krise nicht vorüber

Bremen. Der Konjunkturaufschwung in Deutschland geht einer Studie der IG Metall zufolge an der jungen Generation vorbei. Rund 54 Prozent der Erwerbstätigen unter 25 Jahren sind demnach prekär beschäftigt.
19.10.2010, 05:00
Lesedauer: 4 Min
Zur Merkliste
Von Sebastian Manz

Bremen. Der Konjunkturaufschwung in Deutschland geht einer Studie der IG Metall zufolge an der jungen Generation vorbei. Rund 54 Prozent der Erwerbstätigen unter 25 Jahren sind demnach prekär beschäftigt.

Prekär beschäftigt heißt in Leiharbeit, befristeten Jobs oder in Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen. Der Wert liege sogar noch neun Prozentpunkte über dem aus dem Krisenjahr 2009. Bei den Erwerbstätigen unter 35 Jahren beträgt der Anteil immer noch 30 Prozent. Dieser Wert liege sogar höher als im Krisenjahr 2009. Dass der Start ins Berufsleben, derart steinig ist, hätte Ina Jäger nicht gedacht. Seit ihrem Magisterabschluss in Anglistik, Kultur- und Musikwissenschaften in diesem Frühjahr ist die 29-Jährige auf Arbeitssuche. Ihr Ziel steht fest. Die Bremerin möchte im Bereich Eventmanagement oder Marketing arbeiten. 'Am liebsten im Kultur- oder Musikumfeld', sagt sie. Doch keine ihrer Dutzenden Bewerbungen hat bisher den erwünschten Erfolg gebracht. 'Das ist schon ein wenig ernüchternd.'

Mangelnde Qualifikation lässt sich aus ihrem Lebenslauf nicht ablesen. Nach dem Abitur absolvierte die gebürtige Braunschweigerin eine Tischlerlehre. Während ihres anschließenden Studiums sammelte sie in diversen Praktika konkrete Berufserfahrung. Sie hat für Fernsehsender Projekte geleitet, bei denen sie Hunderte Akteure koordinieren musste. Für ein Theater und eine Tanzkompagnie hat sie an der Organisation von Festivals und Auftritten mitgewirkt. Selbst einen fünfmonatigen Arbeitsaufenthalt in Großbritannien kann sie vorweisen. Ihr Studium schließlich beendete sie mit Note 1,5.

Ansprüche nicht hoch

Und dennoch ist Ina Jäger ihrem beruflichen Ziel bisher noch nicht näher gekommen. Dabei scheinen ihre Ansprüche an einen Einstiegsjob nicht hoch gesteckt zu sein. 'Ich würde mich ohne Weiteres auf ein Praktikum einlassen, wenn mir der Arbeitgeber eine Perspektive in Aussicht stellen kann', erklärt die Geisteswissenschaftlerin. Ihre einzige Bedingung wäre eine Bezahlung, mit der sie ihren Lebensunterhalt bestreiten kann. Von einer Agentur in Hamburg sei ihr vor Kurzem ein einjähriges Traineeship angeboten worden. Die Bezahlung hätte bei 900 Euro gelegen - brutto. 'Bei den Lebenshaltungskosten an der Elbe, komme ich mit dieser Bezahlung aber einfach nicht um die Runden', sagt die junge Frau.

Ihren Eltern habe sie nun auch lange genug auf der Tasche gelegen. 'Ich will auf eigenen Beinen stehen, dafür habe ich schließlich meine Ausbildung durchlaufen.' Ihre Bewerbungen richtet die Akademikerin an potenzielle Arbeitgeber in der gesamten Republik. Einen Wohnortwechsel würde sie für ein Jobangebot ohne Weiteres in Kauf nehmen - auch wenn ihr Bremen sehr ans Herz gewachsen ist. Zu jedem Eingeständnis ist die 29-Jährige jedoch nicht bereit. 'Ich kann was, und deshalb werde ich keinen Job annehmen, der mir nicht mindestens das Existenzminimum sichert.'

Wie Ina Jäger geht es nach wie vor vielen jungen Menschen in Deutschland. Zu diesem Ergebnis kommt eine aktuelle Untersuchung der IG Metall. Für die repräsentative Umfrage hatte TNS Infratest von Ende August bis Mitte September im Auftrag der Gewerkschaft 1134 Menschen im Alter von 14 bis 34 Jahren befragt. Demnach geht der Konjunkturaufschwung in Deutschland an der jungen Generation vorbei. Rund 54 Prozent der Erwerbstätigen unter 25 Jahren seien prekär beschäftigt, das heißt in Leiharbeit, befristeten Jobs oder in Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen, sagte IG-Metall-Vize Detlef Wetzel gestern in Frankfurt. Dies seien sogar noch neun Prozentpunkte mehr als im Krisenjahr 2009. Bei den Erwerbstätigen unter 35 Jahren liege der Anteil immer noch bei 30 Prozent.

'Die Prekarisierung der jungen Generation steigt auf hohem Niveau auch im Aufschwung weiter an und wird zu einer entscheidenden strukturellen Erfahrung von jungen Erwerbstätigen', sagte Wetzel. 'Der Berufsstart ist geprägt von Frust, Verzicht und Unsicherheit.' Die Ausgrenzung eines erheblichen Teils der jungen Menschen werde den Fachkräftemangel verstärken und gefährde auch den Industriestandort Deutschland.

Von der Politik verlangt die IG Metall einen Kurswechsel, der die Wünsche der jungen Generation aufnehme. So forderten 89 Prozent der jungen Generation eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf, 82 Prozent seien für Mindestlöhne und 71 Prozent für die Begrenzung von Leiharbeit. Das Sparpaket der Bundesregierung werde von 72 Prozent abgelehnt und die Rente mit 67 von 71 Prozent. Starker Unmut herrsche unter den Befragten auch über den Einfluss wirtschaftlicher Interessen auf politische Entscheidungen. Die Debatte über Einwanderung werde von betroffenen jungen Leuten als 'zynisch' angesehen.

Den Unternehmern warf Wetzel vor, gezielt einen Billiglohn-Bereich einführen zu wollen. Die Zunahme der Leiharbeit habe nichts mit einer Verunsicherung über die künftigen Konjunkturaussichten zu tun, sondern sei Teil einer Billig-Strategie.

'Ich habe Bock zu arbeiten'

Ina Jäger hat die Hoffnung auf einen ihrer Ausbildung angemessenen Berufseinstieg noch nicht aufgegeben. Momentan hält sie sich mit ihrem ehemaligen Studentenjob über Wasser und kellnert in einer Kneipe. 'So bin ich wenigstens ordentlich versichert und Spaß macht es mir auch', sagt sie. Auf lange Sicht werde sie aber mit dieser Tätigkeit nicht glücklich. Die Frage, wie ihre weitere Strategie aussieht, beantwortet sie ohne zu überlegen: 'Bewerben, bewerben, bewerben.' Von den ersten Misserfolgen lasse sie sich nicht unterkriegen. Dafür sei ihre Lebenseinstellung zu positiv. Irgendwo in Deutschland sitze eine Firma, die genau auf sie gewartet habe. 'Ich hab? total Bock zu arbeiten, ich mag es einfach, richtig zu wuppen.'

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+