Gamestop-Aktie

Videospieler zwingen Hedgefonds in die Knie

Zwei New Yorker Finanzunternehmen, die auf einen Niedergang der Ladenkette Gamestop wetteten, mussten große Verluste hinnehmen, weil Videospielenthusiasten ihr Geschäftsmodell sabotierten.
29.01.2021, 05:00
Lesedauer: 2 Min
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Von Finn Mayer-Kuckuk
Videospieler zwingen Hedgefonds in die Knie

Finanzfirmen wetteten auf fallende Kurse der Gamestop-Aktie.

JEFF ROBERSON/DPA

Kleinanleger-Aktivisten haben der Macht von Leerverkäufern Grenzen aufgezeigt. Videospiel-Enthusiasten haben sich weltweit zusammengetan, um Spekulationen gegen die angeschlagene Ladenkette Gamestop zu sabotieren. Ihre Gegenreaktion wirkt so durchschlagend, dass große Institutionen der Wall Street schwanken.

Es gibt Finanzfirmen, sogenannte Hedgefonds, die sich auf die schwächsten Wirtschaftsakteure stürzen. Sie identifizieren angeschlagene Firmen und wetten darauf, dass deren Kurse fallen. Nun hatten Gamer im weltumspannenden Plauder-Forum Reddit Anfang des Jahres Wind davon bekommen, dass zwei Hedgefonds sich die Ladenkette Gamestop dafür vorgenommen haben. Melvin Capital und Citron Research prognostizierten schlechte Aussichten für physische Läden für Computerspiele.

Tauschbörse für gebrauchte Spiele

Doch viele Videospieler mögen Gamestop. Das Personal spielt selbst gerne und ist für einen Plausch offen, zudem dienen die Läden als Tauschbörse für gebrauchte Spiele. Auf Reddit ergab sich jetzt eine chemische Reaktion zwischen dem Forum „Wall Street Bets“, in dem es um Leerverkäufe und Finanzgeschäfte geht, und der Spielergemeinde. Die überwiegend jungen Leute versprachen sich, die Aktie zu ordern.

Die vielen kleinen Käufe haben den Gamestop-Kurs spektakulär hochgetrieben. Zehn Millionen Dollar übersteigt die Bewertung der angeschlagenen Kette. Melvin Capital musste so gewaltige Positionen decken, dass der reiche Fonds sich 2,75 Milliarden Dollar leihen musste, um zu überleben.

Kurz erklärt: Der Ablauf von Leerverkäufen

Sie arbeiten vor allem mit Leerverkäufen. Damit lässt sich Profit aus fallenden Kursen schlagen. Im Fall von Aktien läuft das so ab: Der Leerverkäufer leiht sich ein großes Paket der Anteilsscheine bei einem institutionellen Investor, etwa einer Versicherung. Die Versicherung erhält dafür eine Gebühr und ist nicht weiter beteiligt. Der Shortseller verkauft dieses Aktienpaket nun regulär am Markt. Zu einem festgelegten Zeitpunkt kauft er die gleiche Stückzahl an Aktien zurück. Wenn der Kurs des Papiers inzwischen wie erwartet gefallen ist, muss er dafür weniger Geld bezahlen, als er zuvor beim Verkauf eingenommen hat.

Diesem irren Gewinnpotenzial steht ein viel höheres Risiko gegenüber. Wenn der Kurs steigt, statt zu fallen, sind die Aktien zum festgelegten Termin dennoch zurückzukaufen. Der Leihgeber erwartet sie pünktlich zurück. Verdreifacht sich der Kurs, entsteht bei einem anfänglichen Aktienwert von 100 Millionen Euro ein Verlust von 200 Millionen Euro.

Gamestop-Aktien sind steil gestiegen

Der Kurs von Gamestop ist seit einem Tief im vergangenen Jahr um den Faktor 50 gestiegen. Der besonders steile Anstieg lag auch an den Praktiken der Leerverkäufer. Sie müssen die Aktienpakete schließlich auf den Markt werfen, um das Geschäft abzuschließen – auch, wenn der Kurs schon unnatürlich hoch steht. Damit treiben sie den Kurs weiter nach oben. Schließlich schaffen sie weitere Nachfrage – auch wenn das alles letztlich ein Luftgeschäft war.

Nun stürzen sich Gegenspekulanten weltweit auf Aktien, von denen bekannt ist, dass sie gerade die Zielobjekte von Leerverkäufern sind – und bringen die Märkte in Aufruhr. Marktexperten sehen das als Warnung an Hedge-Fonds, nicht selbstzufrieden zu werden und Risiken von Rückschlägen gegen ihre Praktiken besser einzubeziehen.

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