GASTBEITRAG 'Exportüberschüsse - tickende Zeitbombe für Deutschland'

Deutschland jubelt, dass sich Kanzlerin Merkel in Seoul - beim Gipfeltreffen der zwanzig größten Wirtschaftsnationen - gegen den Rest der Welt durchgesetzt hat: Seit Monaten hatten Staaten wie Frankreich und die USA gefordert, dass Deutschland seine Exportüberschüsse verringert. Das sollte in Seoul verbindlich beschlossen werden. Dem hat die Kanzlerin eine Abfuhr erteilt. Ist das wirklich Grund zur Freude?
15.11.2010, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Lüder Gerken

Deutschland jubelt, dass sich Kanzlerin Merkel in Seoul - beim Gipfeltreffen der zwanzig größten Wirtschaftsnationen - gegen den Rest der Welt durchgesetzt hat: Seit Monaten hatten Staaten wie Frankreich und die USA gefordert, dass Deutschland seine Exportüberschüsse verringert. Das sollte in Seoul verbindlich beschlossen werden. Dem hat die Kanzlerin eine Abfuhr erteilt. Ist das wirklich Grund zur Freude?

Hinter dem Stolz der Deutschen auf ihre Exportüberschüsse steht die Vorstellung: Hohe Exportüberschüsse bedeuten hohe Einnahmeüberschüsse; so kommt mehr Geld ins Land, als hinausgeht; das heißt, der Wohlstand in Deutschland steigt. Leider ist diese Vorstellung grundfalsch. Dauerhafte Exportüberschüsse sind nicht Segen, sondern Fluch. Denn es wird Folgendes übersehen: Wenn deutsche Unternehmen Waren nach England exportieren, nehmen sie britische Pfund ein. Da sie damit in Deutschland wenig anfangen können, tauschen sie sie am Devisenmarkt in Euro um: Sie bieten Pfund an und fragen Euro nach. Die englischen Unternehmen, die Waren nach Deutschland exportieren, machen es genau anders herum.

Wenn Deutschland mehr Waren nach England liefert als umgekehrt - also Exportüberschüsse erzielt -, dann werden auf dem Devisenmarkt mehr Pfund angeboten als Euro. Die Folge: Der Wert des Pfundes fällt, der Wert des Euros steigt.

Das hat eine ärgerliche Konsequenz für die deutschen Exporteure. Da sie ihre Preise in (teuren) Euro kalkulieren, werden ihre Waren gegenüber den in (billigen) Pfund kalkulierten englischen Konkurrenzprodukten teurer. Das bedeutet, deutsche Waren sind auf dem Weltmarkt gegenüber englischen Waren weniger 'wettbewerbsfähig' und werden weniger verkauft.

Und doch hat Deutschland seit Jahren hohe Exportüberschüsse. Wie ist das möglich? Zeigen lässt sich das am besten an der Entwicklung in der Euro-Zone. In ihr werden die deutschen Exporte in Euro bezahlt. Dadurch haben Länder mit Importüberschüssen ein Problem: Wenn sie über längere Zeit mehr importieren als exportieren, geht ihnen irgendwann das Geld aus. Ein Ausgleich über eine Abwertung der eigenen Währung ist in der Euro-Zone nicht mehr möglich. Um ihre Importe dennoch bezahlen zu können, nehmen diese Länder Kredite auf - jedes Jahr aufs Neue. Und zwar per saldo dort, wo dank der Exportüberschüsse Kapital im Überfluss vorhanden ist: insbesondere in Deutschland.

Statistiken belegen dies. Deutschland exportiert Jahr für Jahr Kapital von zig Milliarden Euro in die Länder mit Importüberschüssen - in ziemlich genau der Höhe seiner Exportüberschüsse. Deutsche Exportüberschüsse sind über längere Zeit nur möglich, wenn wir den anderen Ländern Geld geben, um die deutschen Waren bezahlen zu können. Getilgt wurde davon bislang nie etwas; im Gegenteil wächst die Kreditsumme jedes Jahr um viele Milliarden an. Auf Dauer gutgehen kann so etwas nicht.

Griechenland etwa hat Jahr für Jahr im Ausland neue Kredite in Höhe von zehn Prozent des Bruttosozialprodukts aufgenommen. Jetzt haben wir die Bescherung: Griechenland ist ohne europäische - vor allem deutsche - Hilfe pleite.

Wie konnte es dazu kommen? Die Kreditgeber waren einfach zu naiv. Niemand fragte, ob das Land die ständig steigenden Kredite je zurückzahlen könnte. Der griechische Staat stand ja dahinter. Dass auch der überschuldet sein könnte, wurde nicht bedacht. Niemand fragte außerdem, wofür die Kredite aus Deutschland in Griechenland verwendet wurden. Wenn damit Investitionen getätigt worden wären, die Erträge abwerfen, wäre es weniger schlimm gewesen, denn aus den Erträgen hätte man Zinsen und Tilgung der Kredite bezahlen können. Aber der Großteil wurde verwendet, um Konsumgüter zu bezahlen. Konsumgüter aber werfen keine Erträge ab, sondern werden verbraucht und sind am Ende nichts mehr wert. Das geliehene Geld wurde verbrannt.

Griechenland wird seine Schulden nicht zurückzahlen können; daran ändern auch die im Mai beschlossene, auf drei Jahre befristete 'Rettung' und die derzeitigen Reformen in Griechenland nichts. Die Kredite müssen wir daher zu einem großen Teil abschreiben; unser Geld ist weg. Letztlich haben wir also den Griechen unsere Warenexporte jahrelang geschenkt.

Und wenn Griechenland zu einem Dauersubventionsfall wird - was wahrscheinlich ist -, werden wir den Griechen jedes Jahr Geld überweisen, damit sie deutsche Waren importieren können. Mit anderen Worten: Wir schenken den Griechen auch auf Dauer Exportgüter. Wir verschenken damit eigenen Wohlstand. Griechenland ist nur ein Beispiel. Andere Staaten werden das Schicksal Griechenlands teilen, wenn sie ihre Neuverschuldung gegenüber dem Ausland nicht drastisch reduzieren. Tilgen könnten diese Länder ihre horrenden Schuldenberge nur, wenn sie es wären, die Exportüberschüsse erzielten - also gerade nicht Deutschland. Das aber hieße: Deutschland müsste nicht Export-, sondern Importweltmeister werden. Andernfalls drohen mittelfristig auch hier massive Kreditausfälle.

Das Dilemma ist freilich: Ein politischer Beschluss von Regierungschefs, die deutschen Exporte zu drosseln, entspricht planwirtschaftlichem Denken und wäre daher in einer freiheitlichen, marktwirtschaftlichen Ordnung weder akzeptabel noch praktikabel. Denn wie wollte die Bundesregierung festlegen, welcher Exporteur seine Exporte um welchen Betrag zu reduzieren habe?

Es bleibt daher nur eine Lösung: Die deutschen Kapitalanleger müssen ganz besonders akribisch prüfen, ob sie ihr Geld in Staaten anlegen, die seit Jahren systematisch Importüberschüsse verzeichnen. Und die Deutschen sollten endlich aufhören, stolz zu sein, wenn Deutschland wieder einmal 'Exportweltmeister' wird.

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