Umsatzeinbußen Bremer Schmuckbranche 2020 gegen den Trend

Während die Schmuckbranche insgesamt Umsatzrückgänge im zweistelligen Bereich hinnehmen musste, ist so mancher Bremer Juwelier und Goldschmied zufrieden mit dem abgelaufenen Jahr.
24.03.2021, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Bremer Schmuckbranche 2020 gegen den Trend
Von Florian Schwiegershausen

Für die deutsche Schmuckbranche ist das abgelaufene Jahr nicht einfach gewesen. Von Umsatzrückgängen im zweistelligen Bereich ist die Rede. In Bremen gibt es da allerdings gegensätzliche Meldungen. So ist Goldschmied Peter Haarstick am Fedelhören zufrieden mit 2020. Der Obermeister der Bremer Gold- und Silberschmiedeinnung sagt: „Ich hatte Kunden, die konnten wegen der Pandemie ihren 25. oder 30. Hochzeitstag nicht groß feiern. Deshalb durfte es beim Geschenk ruhig mehr sein. Der Schmuck, den sie bei mir in Auftrag gaben, fiel entsprechend hochpreisiger aus.“ Ähnliches habe er von Kollegen in Bremen und umzu gehört. Haarstick gibt aber zu bedenken: „Wer sich rein auf Trauringe spezialisiert hat, für den ist es ein schwieriges Jahr gewesen.“

Doch falsch gedacht, wer glaubt, dass Hochzeiten 2020 durchweg ausgefallen seien. So sagt es zumindest Denise Gross vom Juwelier Wempe an der Sögestraße. Die Bremer Niederlassungsleiterin erinnert sich: „Nach den fünf Wochen Lockdown im Frühjahr kamen auf einmal so viele Menschen zu uns, die einen Verlobungsring oder einen Trauring wollten. Da so einige auf ihren Urlaub verzichten mussten, legten sie auch beim Verlobungsring Wert auf etwas Hochpreisiges."

Trauringe für kurzfristige Hochzeiten

Manches Paar habe sich Anfang 2020 auch erst kennengelernt: "Nachdem sie gemeinsam den ersten Lockdown durchgestanden hatten, waren sie sich sicher, dass sie zusammenpassen. Ich kann mich an ein Pärchen erinnern, dass so kurzfristig noch einen Termin beim Standesamt bekommen hatte, dass der Ring innerhalb von drei Tagen fertig sein musste, eingraviert mit dem entsprechenden Datum." Auch das habe man hinbekommen. Weil einige ihren Hochzeitstermin verschoben hatten, konnten andere beim Standesamt kurzfristig einen Termin ergattern. Bei verschobenen Terminen war dann auch wieder der Juwelier gefragt, wie Denise Gross berichtet: Da wurden wir gebeten, den Termin aus dem Ring zu entfernen und den neuen Termin einzugravieren. Wir haben dann vorgeschlagen, dass wir den neuen Termin daneben gravieren – dann können sie später ihren Kindern erzählen, wie das damals während Corona war. Dieser Idee sind sie dann auch gefolgt."

Nicht ganz einfach sei der zweite Lockdown ab Mitte Dezember gewesen. Denn gerade die zwei Wochen vor Weihnachten seien die umsatzstärksten. "Da ja ,click & collect' möglich war, haben wir die Beratung dann per Whatsapp oder per Facetime gemacht. Bei Stammkunden haben wir den Schmuck auch nach Hause geschickt, damit sie sich die Stücke vor Ort anschauen können", sagte Denise Gross. Den Kunden einfach so das Wunschstück an der Tür in die Hand zu drücken, sei auch irgendwie komisch gewesen.

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Verband beklagt Einbußen bei teurem Schmuck

Für hochwertige Schmuckstücke brauche es eben ausreichend Zeit für Beratung. So berichtet der Bundesverband Schmuck, Uhren, Silberwaren und verwandte Industrien in Pforzheim, dass im genannten Bereich Online-Handel und Angebote wie „click & collect“ Einbußen nicht ansatzweise kompensieren konnten. Zugleich ist durch die Corona-Pandemie aber die weltweite Nachfrage nach Gold als Investitionsmöglichkeit 2020 um 40 Prozent gestiegen, wie Verbandsgeschäftsführer York Tetzlaff sagte.

Die globale Nachfrage im Schmuckbereich sei um 34 Prozent gesunken. Auch das hängt damit zusammen, dass wegen der Pandemie die Anlässe für kostbareren Schmuck fehlten. Im Trauringbereich seien die Verkaufsmengen 2020 infolge abgesagter Hochzeiten um mehr als 25 Prozent zurückgegangen. Anders als bei Verlobungsringen, bei denen häufig nur noch ein Stein ergänzt werde, würden Trauringe nicht auf Vorrat produziert, sagte Tetzlaff. „Gerade in Deutschland wird hier sehr viel Wert auf Individualität gelegt.“ Zudem gebe es keine großen Lagerbestände, weil sonst zu viel Kapital gebunden würde.

Besonders schwer hatten es laut Tetzlaff die spezialisierten Unternehmen: „Es sei denn, sie sind im Handel mit Investmentbarren und Münzen aus Gold und Silber unterwegs.“ Breiter aufgestellte Firmen hätten Rückgänge im Schmuckbereich mitunter durch die starken Zuwächse im Investmentbereich ausgleichen können.

Branche für 2021 skeptisch

In der Schmuck- und Uhrenindustrie verzeichneten Betrieben mit mehr als 50 Mitarbeitern im Schnitt Umsatzeinbußen im zweistelligen Bereich. Manche kleinere Unternehmen konnten aber auch Zuwächse verbuchen. Für dieses Jahr rechnet laut Verband jede fünfte größere Firma mit einer günstigeren Entwicklung. Je 40 Prozent der Betriebe gingen von einer gleichbleibenden oder sinkenden Tendenz aus.

Der Bremer Goldschmied Peter Haarstick sagt, dass seit Januar durch den Lockdown weniger Kunden zu ihm gekommen seien. Aber das könne sich ja in den kommenden Monaten ändern. Denise Gross vom Juwelier Wempe sagt: „Wir kämpfen um jeden Kunden und sind daher froh, dass Kunden Termine machen können.“ Denn schließlich sollen die Kunden Zeit mitbringen, wenn sie sich den Trauring für den Partner aussuchen, mit dem sie in Zukunft ihr Leben teilen wollen.

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Pforzheims Bedeutung für den Schmuckhandel

Dass der Bundesverband Schmuck, Uhren, Silberwaren und verwandte Industrien seinen Sitz in Pforzheim hat, ist der langen Tradition dieser Stadt als Wiege des deutschen Schmuckhandels geschuldet. Den Grundstein dazu legte im Jahr 1767 der Markgraf Karl Friedrich von Baden in Pforzheim. Damals erlaubte er dem Franzosen Jean Francois Autran die Errichtung einer Taschenuhrenfabrik. Im gleichen Jahr folgte noch die Erlaubnis zur Erweiterung in eine Schmuck- und feinen Stahlwarenfabrik. Was den Schmuckhandel außerdem begünstigte: Die Stadt liegt als Verkehrsknotenpunkt günstig zwischen den Achsen Prag-Paris und Frankfurt-Ulm gelegen. Im Jahr 1913 zählte Pforzheim 75.000 Einwohner. Gleichzeitig waren fast 37.500 Personen in der Schmuck- und Uhrenindustrie beschäftigt.

Eine ähnliche Bedeutung für den deutschen Schmuckhandel spielt die Stadt Idar-Oberstein in Rheinland-Pfalz. Dies wurde durch das natürliche Vorkommen von Edelsteinen wie Jaspis und Achat begünstigt. Entsprechend gab es viele Menschen, die dem Beruf des Edelsteinschleifers nachgingen. Im 17. Jahrhunderts siedelten sich dort deshalb immer mehr Goldschmiede an.

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