Rechnungen nicht bezahlt Gewoba-Neubau in Tenever: Handwerker warten auf halbe Million Euro

In die neuen Gewoba-Wohnungen in Bremen-Tenever sind im April die ersten Familien eingezogen. Doch die Handwerksbetriebe warten seit über einem Jahr auf ihr Geld - es geht insgesamt um eine halbe Million Euro.
15.02.2022, 19:30
Lesedauer: 4 Min
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Gewoba-Neubau in Tenever: Handwerker warten auf halbe Million Euro
Von Florian Schwiegershausen

Dieses Bauprojekt von Bremens städtischer Wohnungsgesellschaft Gewoba soll Tenever aufwerten. Bei der Grundsteinlegung im Mai 2018 griff sogar Bremens damaliger Bausenator Joachim Lohse (Grüne) zur Maurerkelle – genau wie Gewoba-Chef Peter Stubbe neben ihm. Auf dem Gelände entstanden eine Kita und 70 Wohnungen. Ein Teil davon sind Sozialwohnungen, in denen Platz für kinderreiche Familien ist. Im Frühjahr 2021 zogen die ersten Familien ein. Doch einige Bremer Handwerksfirmen warten immer noch auf die Bezahlung ihrer Arbeit. Zusammengenommen soll es sich um eine Summe von mehr als einer halben Million Euro handeln.

Die Firma Dachdecker Schmidt beziffert die ausstehende Summe auf 240.000 Euro. Bei der Zimmerei Hocke sollen es 175.000 Euro sein. Bei weiteren Gewerken sollen zudem fünfstellige Beträge ausstehen. Lutz Detring, der zusammen mit seiner Tochter Katrin Detring-Pomplun den Dachdeckerbetrieb Schmidt führt, sagt: „Kleinere Handwerksbetriebe hätten bei einer solchen Summe längst Insolvenz beantragen müssen.“

Generalunternehmer aus den Niederlanden

Das Geld sollten die Betriebe aber nicht direkt von der Gewoba erhalten, sondern von dem holländischen Unternehmen Liason Nederland BV mit Sitz in Emmen nahe der deutsch-niederländischen Grenze. Diese Firma fungierte als Generalunternehmer.

Dabei wollte die Gewoba das Projekt erst in Eigenregie realisieren. 2017 schrieb sie dazu die einzelnen Lose entsprechend der Gewerke aus. Doch die Angebote, die die Handwerksbetriebe machten, schienen der Gewoba zu hoch. Also suchte sie per erneuter Ausschreibung einen Generalunternehmer. Den Zuschlag erhielt Liason Nederland BV. Die Gewoba hatte eine Gesamtsumme in Höhe von 20 Millionen Euro veranschlagt. Um den Rohbau sollte sich Liason selbst kümmern, die zusätzlichen Gewerke wie Fenster, Zimmer- und Dachdeckerarbeiten sowie Elektrik schrieb das Unternehmen dann aus.

Katrin Detring-Pomplun hatte von dem niederländischen Unternehmen noch nie etwas gehört und war skeptisch. Sie erinnert sich an Gespräche, an denen auch ein Gewoba-Vertreter teilnahm sowie ein freier Bauleiter, der die Baustelle im Auftrag von Liason betreute. "Es hieß, die Gewoba werde im Voraus Rechnungen bezahlen, damit der Subunternehmer uns Handwerksbetriebe zahlt." Und man habe ihr in den Gesprächen gesagt, dass die Gewoba aufpasse. Vom Vertreter des Wohnungsunternehmens sei der Satz gefallen: "Da habt Ihr unser Wort.“ Auf dieses Wort habe sie sich verlassen.

"Dem Auftrag zugestimmt, weil es die Gewoba war"

Der Dachdeckerin sei in diesen Gesprächen gesagt worden: "Wir sollen uns keine Sorgen machen, denn schließlich steht die Gewoba ja hinter dem Projekt, die einen nicht im Regen stehen lässt. Am Ende habe ich dem Auftrag schließlich zugestimmt.“ Wäre es nicht Bremens städtisches Wohnungsunternehmen gewesen, hätte sie das nicht getan. Außerdem habe man bei den Handwerksbetrieben damit geworben, dass ja ein freischaffender Bauleiter involviert sei, der bereits für die Gewoba einige Projekte realisiert hatte. Der WESER-KURIER hat den Bauleiter um eine Stellungnahme gebeten, aber  keine Antwort erhalten.

Gewoba-Sprecherin Dose sagt: „Welche Zusagen seitens Liason und des freien Bauleiters an die von Liason beauftragen Nachunternehmen gegeben worden sind, entzieht sich unserer Kenntnis.“ Die Dachdeckerarbeiten begannen im Juni 2019. Bis Dezember 2020 war alles fertig. Die Abnahme erfolgte 2020 einen Tag vor Heiligabend. Doch im Januar 2021 soll die Zahlung für die erbrachte Leistungen ausgeblieben sein. Zur gleichen Zeit habe die Gewoba die Schlusssumme der 20 Millionen Euro an Liason überwiesen sowie zuvor in zeitlichen Abständen alle vereinbarten Abschlagszahlungen.

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Als bis Februar bei Dachdecker Schmidt immer noch kein Geld eingegangen war, habe man eine Ratenzahlung vereinbart. Auch nach einem Mahnbescheid und einem Vollstreckungsbescheid sei nichts passiert. Ende November 2021 erließ das Bremer Amtsgericht einen Pfändungsbeschluss. „Drittschuldner ist hier die Gewoba AG“, sagt der beauftragte Rechtsanwalt Thomas Voigt und nimmt damit auch das städtische Unternehmen in die Pflicht. Er geht davon aus, dass der Pfändungsbescheid nun auch bei den niederländischen Behörden eingegangen ist und dort den üblichen Weg geht.

Immer wieder taucht der Name Liason auf

Bei dem Namen Liason dreht sich alles um den Niederländer Johannes Bernardus Hogenberg. Der tritt im Bremer Handelsregister zum ersten Mal im Jahr 2008 auf. Damals gründete er die Firma Liason Medical Health und verkaufte Laser, die Rauchern bei der Entwöhnung helfen sollen. 2009 ging die Geschäftsführung an den 23 Jahre jüngeren Thierry Hogenberg über. Die nächste Firma, die Johannes Bernardus Hogenberg gründete, war 2016 die Liason Personal. Es handelt sich um eine Firma für Leiharbeitskräfte, die er 2018 in JBH Personal umbenannte. Für die Bauaktivitäten gab es Liason Nederland BV in Emmen.

In der Bremer Innenstadt gab es unter dem Namen Liason Nederland eine deutsche GmbH – zuerst an gleicher Adresse untergebracht wie Hogenbergs Personalfirma und nun im Gewerbegebiet Wehye-Dreye ansässig. Bei der deutschen Firma ist Hogenberg weiterhin im Handelsregister als Geschäftsführer eingetragen, in Emmen bei der niederländischen Firma laut dortigem Handelsregister seit Sommer nicht mehr. Der WESER-KURIER hat beide Firmen kontaktiert und um Stellungnahme gebeten, alledrings keine Reaktion erhalten.

Gewoba entzieht Liason Projekt bei Gartenstadt Werdersee

Im Oktober 2020 hatte die Gewoba ein weiteres Bauprojekt bei der Gartenstadt Werdersee an Liason Nederland vergeben. Nach eigenen Angaben hat die Gewoba dem Unternehmen das Projekt im Mai 2021 aber wieder entzogen. Zwei Wochen später habe die Gewoba auch von den angeblichen Zahlungsverzögerungen beim Bauprojekt in Tenever erfahren. Der Gewoba sei ebenfalls ein wirtschaftlicher Schaden entstanden. Darüber sei der Gewoba-Aufsichtsrat, bei dem Bausenatorin Maike Schaefer (Grüne) den Vorsitz hat, im Juli informiert worden. Ob und inwiefern die Gewoba gegen Liason nun gerichtlich vorgeht, wollte die Sprecherin nicht sagen.

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