Gläubigerversammlung im Fall Greensill

Hoffnung auf Schadensbegrenzung

In der Glocke kamen am Dienstag erstmals die Gläubiger der insolventen Bremer Greensill zusammen. Der Insolvenzverwalter rechnet mit Ausfällen, aber keinem Totalverlust für die Betroffenen.
08.06.2021, 19:39
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Hoffnung auf Schadensbegrenzung
Von Lisa Boekhoff
Hoffnung auf Schadensbegrenzung

Joachim Kühne und Hubertus Kolster von der zuständigen Kanzlei CMS im Anschluss an die Gläubigerversammlung.

Frank Thomas Koch

Stille im Konzerthaus. Doch anders als sonst wartet das Publikum nicht auf den Einsatz des Orchesters. Im Saal der Glocke versammeln sich heute die Gläubiger von Greensill – teils mit Aktenordnern auf dem Schoß und viel Abstand zueinander. Plaudereien über die Stuhlreihen gibt es kaum. Die Stille schreit geradezu: Betroffenheit. Mitarbeiter der insolventen Bremer Bank sind an diesem Dienstagvormittag ebenfalls hergekommen.

Auf der Bühne sitzt Insolvenzverwalter Michael Frege mit zwei Kollegen. Aufmerksam schaut er sich im Saal um. Dann schließen sich die Türen und die Gläubigerversammlung beginnt. In seinem Bericht macht Frege von der Kanzlei CMS dann deutlich: Es liegt ein Marathon vor allen Beteiligten. Das Treffen ist erst der Anfang des langen Endes einer Bank. Frege rechnet mit einer Verfahrensdauer von fünf bis zehn Jahren – eher Letzteres. Die Akte Greensill wird sich nicht schnell schließen.

Im Publikum sitzen Bürgermeister mehrerer Städte. Um zweistellige Millionenbeträge müssen einige von ihnen bangen. Wie viel des Geldes werden Monheim, Osnabrück oder auch Nordenham wiedersehen? Derzeit ist das noch offen. Michael Frege kündigte jedoch an: "Sie werden mit einem Ausfall rechnen müssen." Zugleich betonte er, einen Totalverlust gebe es nicht. Frege will zügig eine möglichst hohe Insolvenzmasse erstreiten. 40 Anwälte und Mitarbeiter der Kanzlei sind am Fall dran. Eigentum der Greensill soll zu Geld gemacht werden: Immobilien in Bremen im Wert von 15 Millionen Euro. Und in einem Hangar irgendwo in Liverpool stehen drei Flugzeuge. Die sollen rasch verkauft werden. Dafür angesetzt sind 35 bis 40 Millionen Euro.

In zwei bis fünf Jahren soll die Insolvenzmasse bei zwei Milliarden Euro liegen. Doch der Fall ist komplex, unter anderem weil der Konzern insgesamt von der Zahlungsfähigkeit betroffen ist und nicht nur die Bremer Tochter. Austausch muss es mit Greensill auch in London, Australien und Amerika geben. Enorme Forderungen der Bank gegenüber der Gruppe des Unternehmers Sanjeev Gupta stehen aus. Fragen nach der Kreditversicherung und Haftung müssen geklärt werden. Auseinandersetzungen vor Gericht sind zu erwarten. Und was erschwerend hinzukommt: Es wird wegen Betrugs ermittelt. Frege versuchte trotz allem, Zuversicht zu verbreiten. Die Substanz sei vorhanden, um die Positionen im Ausland durchzusetzen.

In seinen Ausführungen ging der Jurist auch auf die schwierige Situation für die Mitarbeiter ein. Die Bank hat keine Aussicht auf eine Zukunft. Anfang des Jahres waren bei Greensill fast 140 Mitarbeiter beschäftigt. Besonders bitter dürfte die Situation für diejenigen sein, die von der NordLB zur Bank in die Martinistraße wechselten. Es sollen nicht wenige sein.

Am 16. März ist das Insolvenzverfahren für Greensill vom Amtsgericht Bremen eröffnet worden. Um die 22.000 Privatanleger haben eine Entschädigung über den Einlagensicherungsfonds bekommen. Das Geld der Kommunen ist derweil nicht mehr darüber abgesichert. Nach Angaben von Hubertus Kolster von der Kanzlei CMS ging es am Dienstag um einen Schaden in Höhe von vier Milliarden Euro. Es gibt aber weitere Forderungen, die noch geprüft werden müssen. Zunächst muss zudem eine Milliarde Euro an den gesetzlichen Entschädigungsfonds zurückgeführt werden.

Trotz der Aussicht, einen Teil der Anlage vielleicht noch retten zu können: Neben der Hoffnung gab es aufseiten der Kommunen Unmut, denn im neu gewählten Gläubigerausschuss sehen sie sich nicht mehr gut vertreten. Im Grundsatz gilt, dass die Mitglieder die Gesamtheit der Gläubiger im Blick haben müssen. Der Bürgermeister der Stadt Monheim am Rhein, Daniel Zimmermann, sieht die Zusammensetzung dennoch kritisch. Der Rechtsanwalt Rainer Eckert, der mit seiner Kanzlei neben Monheim 16 weitere betroffene Kommunen vertritt, gehört dem Ausschuss nicht mehr an. Nun seien ausschließlich Vertreter "von Gnaden des Bankenverbands" zum Zug gekommen.

Für Monheim geht es um 38 Millionen Euro. Bürgermeister Zimmermann sagt mit Blick auf die Ziele des Insolvenzverwalters, in den nächsten fünf Jahren könnten die Kommunen hoffen, etwa ein Viertel der Einlagen zurückzubekommen. "Natürlich freuen wir uns über jeden Euro mehr."

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Die Stadt Nordenham gehört mit einer Summe von 13,5 Millionen Euro ebenfalls zum Kreis der Betroffenen. Bürgermeister Carsten Seyfarth (SPD) zeigte sich über die Veränderung des Gläubigerausschusses enttäuscht. "Dafür habe ich kein Verständnis", sagte er im Anschluss. Insolvenzverwalter Michael Frege, der auf der rund dreistündigen Versammlung bestätigt wurde, habe einen sehr detaillierten und ungeschminkten Bericht vorgelegt – und die Gläubiger auf einen Langstreckenlauf vorbereitet.

Der Bühnenvorhang der Glocke blieb am Dienstag verschlossen. So verbirgt sich auch im Stück Greensill noch vieles des Schauspiels im Verborgenen. Und das gesamte Verfahren dürfte auch die Frage begleiten, ob Kontrollinstanzen wie die Finanzaufsicht Bafin, der Aufsichtsrat oder die Wirtschaftsprüfer ihrer Aufgabe nachgekommen sind.

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