Bremens Wirtschaftssenator ist am 3. Juni 100 Tage im Amt Günthner verlangt Bekenntnis zum Standort

Bremen. Wirtschaftssenator Martin Günthner (SPD) ist am 3. Juni 100 Tage im Amt. Mit dem Bremer WESER-KURIER sprach er über den neuen Stil, den er pflegt, und wie er Amt und Vatersein in Einklang bringt.
27.05.2010, 06:00
Lesedauer: 6 Min
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Von Günther Hörbst

Bremen. Wirtschaftssenator Martin Günthner (SPD) ist am 3. Juni 100 Tage im Amt. Mit dem Bremer WESER-KURIER sprach er über den neuen Stil, den er pflegt, und wie er Amt und Vatersein in Einklang bringt.

Sie sind nun bald 100 Tage als Wirtschaftssenator im Amt. Wie fällt ihr persönliches Fazit nach Ende der Schonfrist aus?

Martin Günthner:Diese Frist hat mir nie etwas bedeutet. Die Opposition hat sie mir nicht eingeräumt und ich mir selbst auch nicht. Ich habe gleich richtig losgelegt. Wirtschaftssenator ist eine große Herausforderung. Ich habe viele Unternehmen kennengelernt.

Wissen Sie, wie viel Unternehmer Sie getroffen haben?

Firmenbesuche waren es 40 bis 50. Unternehmer, die ich getroffen habe, weit mehr. Ich versuche so schnell in die Themen reinzukommen und mir ein Bild vor Ort zu machen. Und man ist in Bremen als Wirtschaftssenator auch städtischer Wirtschaftsdezernent. Das verlangt Präsenz und die Bereitschaft, sich auch auf viele Themen einzulassen.

Sie wurden nach dem Rücktritt Ihres Vorgängers Ralf Nagel als Wirtschaftssenator quasi ins kalte Wasser geworfen. Um im Bild zu bleiben: Schwimmen Sie schon?

Schwimmen konnte ich bereits. Wie gut ich schwimme, sollen andere beurteilen.

Haben Sie das Gefühl, dass Sie von den Unternehmern gut aufgenommen wurden? Es gab anfangs doch sehr kritische Stimmen zu Ihrer Besetzung.

Diese Stimmen kamen aber hauptsächlich aus der Politik. Ich bin in allen Gesprächen mit offenen Armen aufgenommen worden - mit Interesse an mir und meinen Vorstellungen. Ich habe aber auch versucht, möglichst schnell Vorbehalte auszuräumen. Wir können es uns nicht leisten, mit Ärmelschonern an die Themen heranzugehen. In diesen Zeiten müssen wir die Ärmel aufkrempeln und zupacken.

Braucht es neben dem Zupacker aber nicht auch den Kümmerer?

Natürlich. Das Kleinräumige Bremens kann man entweder als provinziell sehen oder als Chance, sich auf den Marktplatz direkt und unkompliziert zu treffen und über die Probleme zu sprechen. Das birgt viele Chancen.

Pflegen Sie einen anderen Stil?

Ich versuche, sehr offen zu kommunizieren. Es gibt in Bremen viele Themen, die einen großen Subtext haben und stark vermint sind. Das sind dann Zusammenhänge und persönliche Verbindungen, die weit in die Vergangenheit zurückreichen. Dieser Subtext prägt viele Themen, weshalb Debatten oftmals unterbleiben. Ich habe deshalb viele Dinge offen angesprochen. Das wichtigste ist, dialogfähig zu sein und sich für alles zu interessieren, was in Bremen passiert - ohne Scheuklappen und ohne ideologischen Ballast.

Sie sind kurz nach dem Amtsantritt ein zweites Mal Vater geworden. Wie anstrengend sind Ihre Tage im Moment?

Es ist anstrengend. Ich schaffe es aber, trotz des Amtes meine Familie oft genug zu sehen. Es ist nicht einfach, aber es ist machbar. Matthias Fonger von der Handelskammer hat mir den Tipp gegeben, die Balance zwischen Beruf und Familie nicht zu verlieren. Das versuche ich.

Apropos Handelskammer: Wie ist denn Ihr Verhältnis zum Schütting?

Wir haben schnell eine gute und konstruktive Basis gefunden. Die Kammer vertritt wie ich die Ansicht, dass wir den Industriestandort Bremen weiterentwickeln müssen. Wir sind sechstgrößter Industriestandort Deutschlands. Manchmal vergessen wir das. Wir müssen uns von unseren Stärken leiten lassen. Die Industrie gehört dazu.

Die Stärken Bremens hervorstreichen - damit hat sich letzte Woche auch die Bürgerschaft befasst. Wie kann man diese Stärken besser kommunizieren?

Bremen ist mehr als Finanznot und Haushaltsnotlage. Wir haben Stärken, die sich im internationalen Maßstab sehen lassen können, Und die müssen wir vorzeigen. Luft- und Raumfahrt, maritime Wirtschaft, Nahrungsmittelindustrie, Windenergie. Wir müssen von diesem falsch verstandenen hanseatischen Understatement wegkommen. Statt darüber zu reden, wird gern das Haar in der Suppe gesucht. Das finde ich abstrus. Es gibt in Bremen auch eine Kultur des Verschämtseins. Etwa bei bestimmten Firmen. Bei Atlas Elektronik beispielsweise arbeiten 1400 Menschen in High-Tech-Berufen. Ich bin stolz darauf, dass wir diese Jobs am Standort Bremen haben. Andere jedoch wollen nicht darüber reden, weil das ja auch was mit Militär zu tun hat. Es muss deutlich gemacht werden, dass wir auf jedes einzelne Unternehmen hier stolz sein können. Die machen schließlich den wirtschaftlichen Erfolg aus, sorgen dafür dass Familien Arbeit haben und sie tragen dazu bei, dass unsere Städte liebenswert und lebenswert sind.

Wie erklären Sie sich diese Haltung?

Es gab eine Tendenz in den vergangenen Jahren, nur noch auf Dienstleistung und Tourismus zu setzen, und Industrie als nicht mehr so wichtig anzusehen. Auch in Bremen. Es gibt aber eine Renaissance der Industrie. Dienstleistungen siedeln sich hinter Industrien an. Deshalb müssen wir uns kümmern: den Bestand der Firmen am Standort sichern und den Unternehmen die nötigen Rahmenbedingungen bieten, um ihren Konzernzentralen im Wettbewerb mit anderen Standorten gute Argumente für unsere Standorte zu liefern. Da können wir noch besser werden. Und wir müssen neue Wirtschaftsbereiche weiterentwickeln. Die Windenergie-Industrie ist ein gutes Beispiel, wie das Zusammenspiel von Wirtschaft, Wissenschaft und Politik zum Erfolg führen kann.

Es ist also beides nötig: Die Industrie pflegen und neue Potenziale schöpfen?

Selbstverständlich. Ich will weg von dieser Entweder-oder-Politik. Was wäre Bremen denn, wenn plötzlich Mercedes mit seinen 12500 Mitarbeitern nicht mehr da wäre? Das wäre eine Katastrophe für die Stadt. Bei den Verkehrsdebatten, die in Bremen in den letzten Jahre geführt wurden, kann man den Eindruck gewinnen, dass die Menschen hier nicht besonders stolz darauf sind, Mercedes in der Stadt zu haben. Ich bin stolz darauf. Ich freue mich sehr, dass wir mit Mercedes einen so großen Arbeitgeber hier haben. Da müssen wir doch sehen, wie wir dieses Potenzial für den Standort noch besser nutzbar machen, statt ideologisch motivierte Scheingefechte zu führen.

Welche Projekte haben Sie sich in diesem Jahr noch vorgenommen? Welche Potenziale gibt es noch?

Wir müssen nicht jeden Tag das Rad neu erfinden, sondern mit den Stärken, die wir haben, wuchern. Wir haben profilierte Gewerbegebiete wie das GVZ, eine gut aufgestellte Überseestadt, einen Technologiepark, der seinesgleichen sucht. Wir müssen dafür sorgen, dass keiner dieser Bereiche in seiner Entwicklung behindert wird und dass wir helfen, wo Hilfe gebraucht wird.

Aber wo genau wollen Sie 2010 konkret weitere Akzente setzen?

Ich nenne die Windenergie. Da haben wir mit RWE einen Ankerpartner gefunden und werden noch vor der Sommerpause die Entscheidung für den Standort des Offshore-Hafens treffen. Ich nenne die Innenstadtentwicklung, wo ich mich als Motor sehe. Ich nenne den Weiterbau der A281. Es steht das Wort des Bürgermeisters, dass wir nach der Entscheidung des Bundesverwaltungsgerichtes im Sommer bauen, wie geplant. Da darf es keine erneuten Debatten geben.

Und was ist mit dem JadeWeserPort? Niedersachsen und die Betreiber streiten sich gerade aktuell über den Starttermin.

Der JadeWeserPort ist von herausragender Bedeutung für Bremen und Niedersachsen. Das ist ein Jahrhundertprojekt. Deshalb ist die Frage, ob der Hafen im Juni, Juli oder August eines Jahres an den Start geht, nicht entscheidend. Ich kann aus bremischer Erfahrung in Hafenpolitik der niedersächsischen Opposition nur raten, die Bedeutung des Projektes für den Norden entsprechend hoch einzuschätzen und nicht für vorgezogenen Wahlkampf zu missbrauchen. Das gilt auch und gerade für meine Genossen in Wilhelmshaven und Hannover. Die sollten mit der Landesregierung an einem Strang ziehen, weil das am Ende gut für unser gemeinsames Projekt und unsere Länder ist.

Muss man mittelfristig nicht dazu kommen, dass die drei großen norddeutschen Häfen noch stärker kooperieren?

Bremen und Niedersachsen arbeiten bei der Vermarktung als Seaports of Germany bereits eng zusammen. Ich würde mir wünschen, dass Hamburg sich in stärkerem Maße auch daran beteiligt. Die Zukunft liegt in der Kooperation - vor allem der drei Nordhäfen. Die Konkurrenz ist Rotterdam und das ist eine starke Konkurrenz.

Hamburg wird es allein doch schwer haben, oder?

Das wissen die Hamburger. Und auch deshalb gibt es eine Tendenz, neu über Kooperationsmöglichkeiten nachzudenken. Bremen ist offen für weitere. Jetzt ist Hamburg am Zuge.

Werden wir das Niveau vor der Krise in den Häfen wieder bekommen?

Ja. Die Frage ist nur wann. Wir haben schon wieder gute Zuwachsraten, Wir haben mit Maersk die weltgrößte Containerreederei an Bremerhaven gebunden. Wir werden absehbar die Außenweser vertiefen. Wir sind stark. Diese Stärke ist eine gute Voraussetzung für eine enge Kooperation mit Hamburg und Niedersachsen.

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