Bau des Offshore Terminals Bremerhaven Gutachten bewertet Chancen für OTB kritisch

Der geplante Offshore Terminal Bremerhaven könnte langfristig eine wichtige Rolle spielen und sich rentieren. Doch der genaue Blick in das Planco-Gutachten zeigt eine kritischere Bewertung der Chancen.
08.07.2015, 00:00
Lesedauer: 4 Min
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Gutachten bewertet Chancen für OTB kritisch
Von Peter Hanuschke

Der geplante Offshore Terminal Bremerhaven (OTB) könnte langfristig eine wichtige Rolle spielen und sich rentieren. Aber nur, wenn er tatsächlich zum Heimathafen von zwei bereits in Bremerhaven ansässigen Turbinenherstellern wird. Voraussetzungen dafür: Die betroffenen Hersteller Senvion und Areva dürfen sich keinesfalls aus Bremerhaven zurückziehen. Zudem müssen beide Firmen ihre Marktanteile kräftig ausbauen. Zu diesem Ergebnis kommt die Planco Consult GmbH in ihrem jüngsten Gutachten zum OTB.

Die Studie dient neben einem Prognos-Gutachten als Entscheidungsgrundlage für die rot-grüne Regierung in Bremen, den Spezialhafen zu bauen und mindestens 180 Millionen Euro zu investieren. Vergangene Woche hatte sich Wirtschaftssenator Martin Günthner (SPD) nach der Vorlage der Gutachten weiterhin für den Hafen ausgesprochen, obwohl einige Unternehmer und Wissenschaftler dessen Notwendigkeit bezweifeln. „Unser Signal an den Markt ist eindeutig: Der OTB muss kommen – und er wird kommen“, sagte Günthner.

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Der genaue Blick in das 48 Seiten umfassende Planco-Gutachten zeigt aber eine weitaus kritischere Bewertung der Chancen für den Hafen, von dem aus künftig Teile für den Bau von Windparks auf hoher See verschifft werden sollen.

Wenig kalkulierbare Entwicklungen der Offshore-Industrie

Strittig ist vor allem, wie viele Hochseeparks es künftig in der Nordsee geben wird. Das liegt an den wenig kalkulierbaren Entwicklungen der Offshore-Industrie. Die Bundesregierung in Berlin hatte zuletzt die Ausbauziele für Hochseeparks eingedampft – und damit auch die Chancen für den OTB beschnitten.

Planco beruft sich nun auf Daten der Beratung Ernst&Young. Demnach würden die Ausbauziele finanziell von politischer Seite nicht ausreichend gefördert. Die Rahmenbedingungen für Offshore-Windenergie in Europa würden „als bisher unzureichend“ eingeschätzt, um die gesteckten Ziele zu erreichen. Damit die Industrie überhaupt eine Chance habe, so schreiben die Autoren, müsse die EU-Kommission nachlegen. Nur so könne der Anteil erneuerbarer Energien bis 2030 auf 27 Prozent erhöht werden.

Die Bremer Regierung will den OTB zwischen 2018 und 2020 errichten. Dazu heißt es im Planco-Gutachten, dass sich bis dahin der Markt für die Offshore-Windkraft nicht wesentlich über das bisherige Maß hinaus entfaltet haben werde. Die Autoren sind sich nicht sicher, wann nach dem Jahr 2020 wieder Parks in größerem Umfang gebaut würden, die dann den OTB auslasteten.

Siemens dominiert deutsche Windparks

Entscheidend für den Bau sei auch die Frage, wie es den zwei ansässigen Turbinenherstellern Senvion und Areva gelingt, diese „Durststrecke“ bis 2020 und womöglich auch danach wirtschaftlich zu bewältigen, urteilen die Autoren. Kurz: Ob es die zwei Firmen überhaupt schaffen, bis dahin zu überleben. Falls beide vor Ort bleiben, könnten Deutschland und Bremerhaven „zum gegebenen Zeitpunkt vom Wachstum der Offshore-Windkraft profitieren“.

Doch ist das realistisch? In Europa teilen sich fünf Hersteller den Markt für Turbinen: Deutlicher Marktführer ist mit mehr als 80 Prozent Marktanteil Siemens, gefolgt vom dänischen Unternehmen Vestas. Beide Konzerne nutzen für die Verschiffung der Mühlen den dänischen Offshore-Hafen Esbjerg. Dieser Hafen ist führend beim Offshore-Umschlag für die Nordsee: Etwa 1800 Windanlagen wurden in Esbjerg seit 2004 verladen.

Die Unternehmen in Bremerhaven sind Nummer vier und fünf. Senvion und Areva Wind – das französische Unternehmen bildet seit März unter dem Namen Adwen ein Joint Venture mit dem spanischen Windanlagen-Hersteller Gamesa – haben einen Marktanteil von europaweit sechs Prozent an den ans Netz angeschlossenen Windanlagen. Bei den Marktanteilen für die deutschen Windparks schneiden beide Hersteller aber besser ab. Sie halten zusammen 26 Prozent. Auch hier dominiert aber Siemens mit 67 Prozent.

Planco hält es für realistisch, dass der neue OTB zwischen 2021 bis 2025 jedes Jahr im Schnitt 105 Anlagen umschlagen werde. Die Gutachter bezeichnen das als „Basis-Szenario“: Doch dafür müsse sich der Marktanteil von Senvion und Areva in der deutschen Nordsee von 26 auf 40 Prozent erhöhen und im übrigen Europa von sechs auf 20 Prozent steigen. Planco geht davon aus, dass aber gleichzeitig der Markt stagniert. Senvion und Areva müssten also neue Marktanteile erobern, und das sei durchaus mit Risiken behaftet: Die „Standortgefährdung eines der Hersteller“ sei „nicht ausgeschlossen“.

Keine Stellungnahme von Wirtschaftssenator Günthner

Beflügeln könnte das Wachstum der Betriebe der Trend zu größeren Turbinen, aus Sicht von Planco. Bisher haben Windparkbetreiber auf kleinere Turbinen mit bis zu fünf Megawatt Leistung gesetzt, davon hat Marktführer Siemens profitiert. Künftig gehe der Trend zu größeren Turbinen – und die würden von den Herstellern in Bremerhaven geliefert. So produziert Senvion Turbinen mit einer Leistung von gut sechs Megawatt.

Areva will mittelfristig Turbinen bauen, die bis zu acht Megawatt schaffen. Diese aber sollen nicht in Bremerhaven, sondern im französischen Le Havre produziert werden. Was nicht im Gutachten steht: Der Staatskonzern Areva ist auf Atomkraft fokussiert und macht gerade hohe Verluste. Niemand kann mit Sicherheit sagen, ob Areva mittelfristig seine Offshore-Produktionen zusammenführt, um Geld zu sparen und in welchem Land das sein wird.

Bei Senvion wiederum ist kürzlich ein amerikanischer Investor eingestiegen. Der dürfte sehr genau auf die künftige Rendite schauen – und für längere Durststrecken wenig Verständnis haben

Wie geht der Senat mit diesen Zweifeln um? Bremens Wirtschaftssenator Günthner wollte sich am Dienstag nicht zu den vielen Konjunktiven äußern. Ein Sprecher verwies auf die Mitteilung vom vergangenen Donnerstag. Demnach ist Günthner überzeugt davon, dass der OTB die infrastrukturellen Standortbedingungen in Bremerhaven optimieren könne. „Nur mit OTB kann die Position des Standortes als einer der führenden Windenergiecluster Europas gesichert werden.“

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